Kapitänin Janne Müller-Wieland im Interview Hockey-Nationalspielerin: "Ein Sport, den man nicht zum Geldverdienen betreibt"

Meine Nachrichten

Um das Thema Sport Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Janne Müller-Wieland wünscht sich mehr Wertschätzung für ihre Sportart in Deutschland. Foto: imago/PA ImagesJanne Müller-Wieland wünscht sich mehr Wertschätzung für ihre Sportart in Deutschland. Foto: imago/PA Images

Hamburg. Die Kapitänin des Hockey-Nationalteams Janne Müller-Wieland über fehlende Wertschätzung ihres Sports und Vorurteile.

Frau Müller-Wieland, es ist kein Geheimnis, dass Hockey nicht zu den Sportarten in Deutschland zählt, mit denen man sein Leben finanzieren kann. Wie kommen Sie mit der Doppelbelastung zwischen Beruf und Hockey-Nationalmannschaft klar?

Das ist nicht so einfach. Als ich 2008 in Düsseldorf studiert habe, zeigte sich die Universität sehr unkooperativ. Die Klausuren hätten sich mit dem Abflug nach Peking zu den olympischen Spielen überschnitten. Im Vorfeld habe ich das Gespräch mit den Professoren gesucht und gefragt, ob ich die Klausuren nachschreiben oder mündliche Prüfungen ablegen könnte. Eine Professorin stellte die Gegenfrage, ob ich schwanger sei. Für die olympischen Spiele würde ich keine Extrawurst bekommen dürfen. Das war schon krass. Es war ja nicht so, dass ich in die Karibik fliegen und Schirmchendrinks trinken wollte. Ich wollte schlichtweg fürs Vaterland spielen. Dadurch habe ich ein ganzes Jahr meines Studiums verloren, ich durfte nicht nachschreiben. Die Uni Hamburg hat mir daraufhin die Chance gegeben, alle Kurse gleichzeitig zu belegen und das alles aufzuholen.

Das klingt mehr als stressig. Hatten Sie nicht von Zeit zu Zeit darüber nachgedacht, das Studium hinzuschmeißen?

Ich habe schon meinen Vater angerufen und gesagt: "Papi, ich höre auf damit. Ich mache jetzt etwas, ich habe keine Lust mehr auf Theorie und möchte in die Geschäftswelt einsteigen." Das hatte auch nichts mit dem Sport zu tun. Doch eigentlich wusste ich ja selbst, dass es vernünftig ist, weiterzumachen. Nach den olympischen Spielen 2012 in London bin ich nach Berlin gezogen und habe dort meine erste Vollzeitstelle als Vorstandsassistentin angenommen.

Anders gefragt: Gab es eine Phase in Ihrem Leben, in der Sie den Hockeyschläger beiseitelegen wollten? 

Im Studium kann man das mit dem Sport noch gut hindrehen. Meine Mitspielerinnen, die Medizin mit Anwesenheitspflichten studieren, erfahren dadurch schon Einschränkungen. Wenn du jedes Mal das Semester nicht schaffst, weil du im entscheidenden Moment nicht bei einer Prüfung bist und sie nicht nachschreiben darfst, dann dauert dein Studium irgendwann viel zu lange. Dass wir länger brauchen, ist klar. Aber irgendwann steht es in keinem Verhältnis mehr, hinzu kommt noch ein späterer Berufseinstieg. Erst dann verdienst du richtig Geld. Da muss man sich halt schon überlegen: was mach ich wann? Wenn du bei einer 40-Stunden-Woche vor und nach der Arbeit trainieren musst, gehst du irgendwann auf dem Zahnfleisch. Dafür muss man schon geschaffen sein.

Kennen Sie Spielerinnen, die ihre Karriere aufgrund dessen vorzeitig beenden mussten? 

Viele, gerade bei solchen Jobs wie Lehrerinnen oder Juristinnen. Das ist kaum mit Hockey zu kombinieren. Oft hören sie nach dem Studium auf, dann sind sie Mitte 20. Aus rein sportlicher Perspektive ist das sehr schade, weil du dadurch Sportlerinnen im besten Alter verlierst. Bei uns Frauen kommt auch irgendwann die Familienplanung dazu. Männer werden bei uns besser entschädigt, bekommen viel mehr raus. Für die ist es eher möglich, im Sport zu bleiben. Grundsätzlich haben wir Zeit zwischen den Trainingseinheiten, wir wollen ja etwas lernen und uns weiterbilden. Das ist freiwillig, wir sind ja ehrgeizig. Selbst wenn wir mit dem Hockey 100.000 Euro bekommen würden, würden wir weiter studieren und uns weiterbilden, wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Ich wüsste gar nicht, was ich mit so viel freier Tageszeit sinnvoll machen sollte, und ich will mich ja auch vorbereiten für meine Karriere nach der Leistungssportzeit.

Wie Sie sagen: 100.000 Euro erhalten Sie für Ihren Sport nicht. Was erhalten Sie denn zum Beispiel für die zurückliegende Weltmeisterschaft?

Das wissen wir nicht. Grundsätzlich bekommen wir von dem Deutschen Hockeybund nichts. Die ganze Förderung kommt von der deutschen Sporthilfe, welche daher für uns sehr wichtig ist. Diese setzt immer Ziele, erreicht man wiederum diese, ist man in der Eliteförderung. Wären wir ins WM-Halbfinale gekommen oder hätten eine Medaille gewonnen, wäre es ziemlich eindeutig gewesen. Der fünfte Platz ist grundsätzlich gut, eigentlich ein positives Ergebnis. Das muss jetzt diskutiert werden, welche Förderung wir bekommen. Ich bin der Meinung, dass wir die Förderung vor solchen Turnieren brauchen. Als wir bei den olympischen Spielen die Bronzemedaille gewonnen haben, war die Ausschüttung natürlich toll. 10.000 Euro für das folgende Jahr haben wir bekommen, aber eigentlich hätten wir sie vorher gebraucht. Es ist recht flexibel geregelt, was man bekommt. Das hängt von vielen Kriterien ab – ob du nun Studentin bist, eine Vollzeitstelle hast und so weiter. Das kann von 100 bis 1000 Euro gehen. Wir können damit nicht planen, da wir theoretisch alle drei Monate neu eingestuft werden können. Dazu kommt die Stadtförderung, Team Hamburg ist ganz cool, die unterstützen viel. Aktuell sind das 250 Euro.

Als Fußball-Profi in Deutschland hat man finanziell quasi ausgesorgt, Hockey ist davon Welten entfernt. Wie stufen Sie den Stellenwert Ihrer Sportart in Deutschland ein? 

Wir sind einer der Sportarten, die man noch auf dem Schirm hat, wenn man nicht selbst Hockeyspieler ist. Aber das ist nur aufgrund von Olympia. Alle vier Jahre haben wir dadurch einen Boost, wenn wir dann noch eine Medaille mit nach Hause nehmen, schauen schon mal ein, zwei Millionen bei den Spielen zu. Danach verpufft das. Man merkt schnell, mit wem man über Hockey spricht und woher die Person aus Deutschland kommt. In Hamburg ist Hockey sehr präsent, im Westen auch, Berlin ist auch wieder stärker vertreten. In den meisten Bundesländern findet diese Sportart jedoch wenig statt, da fragt man dann eher nach Eishockey. 

Wenn man aber nach England, Holland oder Argentinien guckt – und dort auch nur in Sachen Damen-Hockey – haben die Teams dort einen sehr hohen Stellenwert, den wir hier in Deutschland aufgrund von Leistung und Einsatz auch haben könnten, der hier aber nicht gegeben ist.. In den aufgezählten Ländern werden die Spielerinnen gefeiert, die Stadien sind voll. Dort wird der Sport clever vermarktet. Bei uns fehlt zum Beispiel die Präsenz und damit größere Bekanntheit im TV. Eine wichtige und hilfreiche Förderung für mich ist der "Verdienstausfall" der Deutschen Sporthilfe. Mein Arbeitgeber bekommt für jeden Tag, den ich mit der Nationalmannschaft unterwegs bin, einen Ausgleich.  

Ärgern Sie sich nicht darüber, dass sich die deutsche Politik und allgemein die Gesellschaft kaum für Ihren Sport interessiert?

Es stellt sich die Frage, ob es die Schuld Deutschlands oder unsere ist, weil wir es nicht hinbekommen, uns richtig zu vermarkten. Grundsätzlich ist es historisch gesehen schwierig, an Fußball heran zukommen. In anderen Ländern gibt es neben Fußball noch andere beliebte Sportarten , die auch in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden. Wenn ich meine Sportlaufbahn in anderen Ländern erzähle, erfahre ich viel Zuspruch. Hier in Deutschland kommt nach dem dritten Satz die Frage: "Hast du auch noch etwas Vernünftiges gemacht?" 

Die Erkenntnisse, welchen Wert Leistungssport sowohl für die Sportler als auch vor allem für die Gesellschaft bedeutet, zum Beispiel Vorbildfunktion, Ansporn zur Leistungsbereitschaft, Fairness, Verbundenheit und Stolz, ist in der deutschen Kultur noch längst nicht so verankert, wie zum Beispiel in den angelsächsischen Nationen. Ich frage mich auch, weshalb keine Stelle (zum Beispiel das BMI) für uns in die Rentenversicherung einzahlt, wenn ich zehn Jahre später in den Beruf einsteige, weil ich für Deutschland Sport mache. Das sind Details, die schon zur Wertschätzung beitragen würden.  

Nun fanden vor Kurzem die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin statt. In Gegensatz zu der Fußball-Weltmeisterschaft in 2014 hat sich unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht blicken lassen. Auch ein Thema der fehlenden Wertschätzung? 

Es würde schon enorm helfen, wenn sich hohe Politiker hinter den Sport stellten. So eine Rückendeckung wäre natürlich sehr hilfreich. Ich will aber keinen Politiker unterstellen, dass er nicht den Sport unterstützt, aber die Abwesenheit von deutscher Politprominenz in Berlin fand ich kritisch und ich habe mich gewundert, ob Angela Merkel irgendwo in der Welt unterwegs ist. In England ist das anders, da kommt dann eine Prinzessin, irgendeine Royal. Wenn sie so einen Termin wahrnimmt, scheint es ja wichtig zu sein. In Holland kommt der König vorbei, weil die WM ein großes Event ist. In Hamburg findet zurzeit die engagiert ausgerichtete Rollstuhlbasketball-WM statt, da kommt bisher auch niemand von der Bundespolitik vorbei. Es würde uns allen gut tun, wenn es aus Berlin mehr Rückhalt für alle Formen von Leistungssport geben würde.

Nun feierten die European Championships in Glasgow ihre Premiere. Das Event sucht noch nach Ballsportarten. Wäre Hockey dafür nicht prädestiniert?

Dieses "Mini-Olympia" ist cool. Sowas ist dann nochmal spannender, weil da verschiedene Sportarten zusammenkommen. Ich glaube, es wäre logistisch schwierig, noch ein Hockey-Stadion bauen zu müssen. In dem Moment ist es uns wichtig, dass es in einem Land stattfinden würde, wo Hockey unterstützt wird. In London waren die Stadien immer voll, zuvor auch in Argentinien und den Niederlanden. Wenn die European Championships zum Beispiel in Kroatien stattfinden würden, würde das für uns keinen Sinn machen, weil dort niemand ins Stadion gehen würde. In Kroatien interessieren sich wahrscheinlich wenig Leute für Hockey. Es wäre dann besser, dieses Event in eines der Länder zu geben, wo Hockey stark ist.

Ein ganz anderes Thema: "Multi-Kulti". Diese findet im Gegensatz zum DFB-Team in der Hockey-Nationalmannschaft nicht statt. Woran liegt das? 

Wir haben zum Beispiel Spielerinnen mit französischen oder türkischen Wurzeln im Team. Aber klar, nicht so wie in der Fußball-Nationalmannschaft. Fußball ist einfach ein Sport, den man überall auf der Welt spielen kann. Dazu brauchst du halt nur ein kleines, rundes Ding, das sich dreht. Das muss nicht einmal ein Ball sein. Das hilft natürlich, Fußball versteht jeder und kann jeder spielen, das ist simpel – ob du nun im Verein bist oder nicht. Beim Hockey ist das anders. Da brauchst du einen Ball, einen Schläger, andere Spieler, die ebenfalls einen Schläger haben und am besten noch einen Kunstrasen und nicht den Steinboden. Wie bei allen anderen Sportarten macht es das natürlich etwas komplizierter. 

Historisch betracht ist Hockey ein Akademiker-SportJanne Müller-Wieland

Dann kommt es auch drauf an, wo du aufwächst und in welcher Gegend. In Deutschland gibt es 80.000 Hockeyspieler, wären es vier Millionen, wäre auch sicherlich mehr Multikulti dabei. Historisch betrachtet ist Hockey ein Akademiker-Sport, weil die Clubbeiträge etwas höher sind als zum Beispiel Fußball und die Clubs sich weitgehend selbst finanzieren müssen, weil sie häufig zum Beispiel keine öffentlichen Plätze nutzen können. Mittlerweile ist es aber absolut bezahlbar. Es gibt auch oft Hockeyabteilungen in Mehrspartenvereinen, die aber häufig eher klein sind und selten bis in die Bundesliga vordringen. Aber natürlich ist es so, dass, wenn du etwas werden willst, als Junge zum Fußball gehst. Zum Hockey kommst du nur, wenn ein Freund oder ein Lehrer dich dazu bringt. Für uns Mädels ist Hockey der beste Teamsport, den du machen kannst. Fußball wird irgendwann mal hart, Handball ist extrem brutal. Beim Volleyball weißt du nie, wie groß du wirst. Hockey hat mir für mein Leben viel gegeben.  

Provokant gefragt: Ist Hockey ein Sport der Besserverdienenden?

Es ist ein Sport, den man nicht zum Geldverdienen betreibt, man muss also neben Schule, Studium,  Arbeit, Ausbildung genügend Zeit für Training und Wettkämpfe haben und sich die Zeit "leisten" können. Anders als bei Golf oder Reiten ist die Sportausübung selber inklusive Ausrüstung mittlerweile für wenig Geld zu machen. Das finde ich ja auch schön, da hast du einfach unterschiedliche Schichten vereint. Grundsätzlich ist Hockey ein Familiensport. In meinem Verein gibt es Samstags vormittags das Angebot "Hockeykindergarten" für die Vier- bis Sechsjährigen auf der einen Platzhälfte, und Erwachsenen-Hockeygarten (für Anfänger) für ihre Eltern daneben auf der anderen Hälfte. Das bringt einen gemeinsamen Nenner für alle Familienmitglieder, Fans und LeistungsspielerInnen, ein ganz wichtiger sozialer Aspekt. Am Ende ist es eher ein Klischee und Stereotyp zu sagen, dass Hockey "das ist mit den ganzen Polo-Hemden". Es gibt natürlich Platz für die "normalen" Menschen. (lacht)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN