Quartiermanager im Interview Wie DFB-Reiseleiter Georg Behlau das WM-Quartier für die Deutschen aussuchte

Von André Bethke | 12.06.2018, 10:00 Uhr

Wer hat eigentlich die Unterkunft für die deutschen Fußballnationalspieler während der WM in Russland ausgesucht? Und wie lief das ab? Zuständig dafür war der DFB-Quartiermanager und Reiseleiter Georg Behlau. Im Interview hat er verraten, worauf es bei der Auswahl ankam - und warum ein noch nicht fertiggestellter Tennisplatz ein Problem für die Fußballer ist.

Wenn es optimal läuft, war es ein Abschied für gut fünf Wochen. Dann nämlich hätte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Finale bei der Weltmeisterschaft in Russland am 15. Juli im Olympiastadion Luzhniki in Moskau erreicht. Für den 49-jährigen Limburger wäre das der perfekte Abschluss seiner Tätigkeit seiner Arbeit als Leiter des Büros Nationalmannschaft beim Deutschen Fußball-Bund in Frankfurt. Seit dem 1. Januar ist Georg Behlau aus diesem Posten ausgeschieden, um seine neue Aufgabe als Managementleiter für alle DFB-Nationalmannschaften anzutreten, doch die offizielle Staffelübergabe an Nachfolger Thomas Beheshti folgt erst nach der „Mission Titelverteidigung“. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt Behlau auf den Beginn dieser Mission zurück, gibt einen Überblick über seine vielschichtige Tätigkeit und zieht Vergleiche zwischen Brasilien und Russland.

Herr Behlau, in ein paar Tagen beginnt die Mission Titelverteidigung in Russland. Wann haben Sie sich zum ersten Mal konkret mit der Weltmeisterschaft 2018 beschäftigt?

Durch die Vorbereitung zum Confed-Cup im vergangenen Jahr noch früher als sonst. Normal beginnen wir quasi am Tag nach dem Ende eines großes Turniers. Aber so sind wir schon seit Frühjahr 2016 mit Recherchen unterwegs. (Weiterlesen: Das sind die Spielerfrauen der deutschen Mannschaft)

Das heißt genau?

Das läuft dann so ab, dass wir uns mit dem DFB-Reisebüro Land und Leuten nähern und uns vor Ort über Klima, Hotels und logistische Möglichkeiten informieren.

Was waren Ihre Hauptaufgaben im Vorfeld?

Die wichtigste Aufgabe von meinem vierköpfigen Team und mir war die Suche und Entscheidung für ein Basecamp, also ein Teamhotel mit 70 Zimmern, Konferenz- und Funktionsräumen, einem professionellen Trainingszentrum in der Nähe und Möglichkeiten für ein Medienzentrum für 300, 400 Journalisten. Das ganze Paket muss möglichst gut zu einem Flughafen liegen. Da das in einem Land dieser Größe und mit diesen Destinationen zu den Spielorten nicht so einfach wie in Frankreich oder England ist, waren wir so früh. Wir haben dann in einem ersten Schritt Vorschläge ausgearbeitet und uns dann mit dem Trainerteam beraten. Im Herbst ist schließlich die Entscheidung für das Watutinki im gleichnamigen Moskauer Vorort gefallen. Dort belegen wir 68 Zimmer.

Wie oft waren Sie seit dem ersten Mal in Moskau und wie viel Zeit blieb da noch für die Familie? 

Ich war insgesamt zwölf Mal in Russland, davon sieben Mal in Moskau. Ich habe es schon noch mal nach Hause geschafft für ein paar Tage, aber die letzte Zeit war schon intensiv. Nach zwei Wochen in Eppan habe ich mir das Länderspiel in Leverkusen am Freitag gegen Saudi-Arabien geschenkt und bin zum Abiball meiner Tochter. Am Samstag ging es dann mit Katja Schüssler, der Geschäftsführerin unserer Reisebüros, und unserem Koch Anton Schmaus nach Moskau. (Weiterlesen: Löw-Warnung vor der WM: "Es muss einfach alles passen")

Wie sehen Ihre letzten Tage bis zum WM-Start aus?

Wir haben das Hotel für den Feinschliff übernommen. Das Campo Bahia in Brasilien war ja einer der Gründe für unseren Erfolg. Die Mannschaft hat viel gemeinsam unternommen, war viel an der Luft. Wir haben nun einen großen Raum im Hotel zu unserem Wohnzimmer umgebaut, damit wir uns dort hoffentlich fünf Wochen lang wohl fühlen. Wir haben auch die Terrassen neu gestaltet und die Arbeitsplätze eingerichtet. Unser Koch hat die Küche unter seine Regie genommen.

Zwischen Brasilien und Russland liegen mehrere 1000 Kilometer, waren die Unterschiede für Sie in der Vorbereitung auch so groß?

Beide Ausrichter gehören zu den größten Ländern der Erde. Deshalb sind die logistischen Herausforderungen groß und ähnlich. Es gibt in beiden Ländern unterschiedliche Zeitzonen, geografische und klimatische Unterschiede. Ansonsten sind Brasilien und Russland natürlich gar nicht zu vergleichen. Man muss sich eben auf Kultur, Land und Leute einlassen. Das haben wir in Brasilien geschafft. Und ich denke, uns ist es auch beim Confed-Cup schon gut gelungen, auf Russland und seine Menschen zuzugehen.

Gab es Probleme in der Vorbereitung, mit denen Sie vorher nicht gerechnet hatten?

Leider ja. Unser Hotel ist ein Neubau. Und die hingen mit dem Zeitplan hinterher. Das hat viele Telefonate, Konferenzen und Notbesuche gekostet. Nicht alle Versprechen wurden eingehalten. Wir mussten da ganz schön nachhelfen, da zum Beispiel der Tennisplatz und der Garten nicht fertig waren. Das mag sich für Außenstehende übertrieben anhören. Aber die Jungs müssen sich wohlfühlen und runterkommen, um Leistung zu bringen. Deshalb benötigen wir eine gute Atmosphäre. Die haben wir jetzt, auch wenn dafür zuletzt viel Zusatzenergie nötig war. (Weiterlesen: Kommentar zur Nationalelf: Der Druck ist so hoch wie noch nie)

Das Campo Bahia in Santo André galt bei den Spielern als kleines Paradies. Wie viel Paradies steckt im Watutinki?

Ein Paradies kann man das Watutinki nicht nennen. Es ist ein funktionales Hotel mit großzügigem Garten. Hauptpunkt für die Wahl war die beste Logistik. Wir haben fünf Busminuten zum Trainingsgelände von ZSKA Moskau, 35 Minuten zum Flughafen Wnukowo und 60 Minuten zum Luzhniki-Stadion, wo wir unser erstes Spiel gegen Mexiko austragen. Und wenn wir gut sind, dann tragen wir dort auch unser sechstes und siebtes Spiel aus. Wir haben das Turnier quasi von hinten gelesen, was natürlich sehr selbstbewusst ist. Wenn es optimal läuft, dann fahren wir am 15. Juli zurück in unser Hotel und können zurückblickend sagen: Watutinki war doch ein kleines Paradies.

Beim Blick auf die Unterbringung der Konkurrenz: Gibt es ein Domizil, wo Sie sagen, das wäre auch was für den DFB-Tross gewesen?

Eine gute Frage, die mir so noch nicht gestellt wurde. Ich sage mal selbstbewusst: Nein! Die anderen Kollegen werden aber auch gute Lösungen gefunden.

Zum Sportlichen: Einige europäische Mannschaften, allen voran Frankreich, England und Spanien, dazu noch Belgien, sind auf Augenhöhe mit unserer Mannschaft. Gibt es für Sie überhaupt den Topfavoriten für die WM in Russland?

Bei Ihrer Aufzählung bin ich komplett bei Ihnen. Natürlich gehören noch Argentinien und Brasilien zum Kreis. Ich sehe aber keinen Favoriten. Wir haben ein großes Ziel, aber auch einen langen und schwierigen Weg vor uns.

Wo sind Sie am 15. Juli?

Ich wäre ein schlechter Organisationschef, wenn ich nicht sagen würde, dass ich dann im Luzhniki-Stadion sitze.