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Nach Massensturz Radprofi Fabio Jakobsen aus Koma erwacht – Weiterer Sturz in Polen

Von dpa

Fabio Jakobsen (l.) aus den Niederlanden wird bei der Polen-Rundfahrt von Landsmann Dylan Groenewegen (2.v.l) abgedrängt – und stürzt schwer.Fabio Jakobsen (l.) aus den Niederlanden wird bei der Polen-Rundfahrt von Landsmann Dylan Groenewegen (2.v.l) abgedrängt – und stürzt schwer.
dpa/Tomasz Markowski

Kattowitz. Endlich gute Nachrichten von Fabio Jakobsen. Der niederländische Radprofi ist nach seinem Sturz bei der Polen-Tour wieder aus dem künstlichen Koma erwacht. Sein Unfall wird zum Fall für die Staatsanwaltschaft. Die Kritik an Jakobsens Gegner ebbt nicht ab.

Erst neue Hoffnung für Fabio Jakobsen, dann Sorgen um einen weiteren Radprofi: Zwei Tage nach dem schweren Sturz des Niederländers Jakobsen bei der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt ist es bei der Tour zu einem weiteren folgenreichen Unfall gekommen. Der Franzose Mickael Delage vom Team Groupama-FDJ sei nach einem Sturz mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen worden, sagte ein Sprecher der Organisatoren des Rennens der Deutschen Presse-Agentur in Warschau am Freitag. "Er ist bei Bewusstsein, sein Leben ist nicht in Gefahr." Zum genauen Unfallhergang sei noch nichts bekannt. "Das Rad ist ihm außer Kontrolle geraten, er ist gestürzt."

Kurz zuvor hatte es erfreuliche Meldungen von Jakobsen aus dem Krankenhaus in Sosnowiec gegeben, in das er nach seinem Unfall bei der Zielankunft der ersten Etappe am Mittwoch in Kattowitz gebracht worden war. Der 23-Jährige war am Freitag aus dem künstlichen Koma erwacht. "Wir haben ausgezeichnete Nachrichten. Der Patient ist bei Bewusstsein, er wird nicht mehr künstlich beatmet, der Blutdruck ist normal. Wir sind sehr zufrieden mit seinem Zustand", sagte der stellvertretende Klinikdirektor Pawel Gruenpeter laut Nachrichtenagentur PAP. Nun stehe die Rehabilitation an. In etwa zwei Wochen könne Jakobsen voraussichtlich nach Hause zurückkehren. Eine Rückkehr in den Sport hält er für möglich.

Wiederbelebungsaktion dauerte eine Stunde

Insgesamt gab sich Gruenpeter vorsichtig optimistisch. "Auf der Basis der Untersuchungen gehen wir davon aus, dass das Nervensystem keine Schäden aufweisen wird", sagte er dem Portal Wirtualna Polska. "Die klinischen Symptome können sich noch ändern."

Staatsanwaltschaft ermittelt

Am Donnerstag hatte die Staatsanwaltschaft in Kattowitz bekanntgegeben, dass sie wegen des Unfalls bei der Zielankunft auf der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt Ermittlungen einleitet. Die Behörde will herausfinden, ob und wer Schuld an dem Unfall hat.

"Wir haben bislang drei Zeugen gehört, darunter auch einen Vertreter der Organisatoren des Rennens", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft laut Nachrichtenagentur PAP. Weitere Zeugen sollen gehört werden, auch wolle die Behörde das Beweismaterial analysieren. Zuvor hatte die Polizei Material sichergestellt, darunter die Fahrräder der Radprofis und Videoaufnahmen vom Unfall.

dpa/Andrzej Grygiel
Kurz vor der der Ziellinie bei der Polen-Rundfahrt stürzen Teilnehmer zu Boden, darunter der Niederländer Dylan Groenewegen (l).

Jakobsen war am Mittwoch im Zielsprint der Auftaktetappe in Kattowitz bei 80 Stundenkilometern direkt in die Absperrgitter gekracht und regungslos liegen geblieben. Der 23-Jährige war von seinem Landsmann Dylan Groenewegen abgedrängt worden. Nach einer fünfstündigen Operation war er in ein künstliches Koma versetzt worden.

Vor allem Groenewegen steht in der Kritik. So fordert Ex-Radprofi Jens Voigt eine harte Strafe für den 27-Jährigen. "Ich denke da schon an drei bis sechs Monate. Es müsste etwas sein, was weh tut und auch an alle anderen Profis das Signal sendet: Hier wurde eine rote Linie überschritten, das akzeptieren wir nicht mehr", sagte er Sport1.

Man könne nicht mit dem Leben, der Karriere oder Gesundheit eines Kollegen spielen, meinte der 48-Jährige. "Wenn die Linie so offensichtlich verlassen wurde, Leib und Leben willentlich riskiert wurden, muss es eben auch härtere Strafen geben." Groenewegen, der am Schlüsselbein operiert wurde, muss sich einem Disziplinarverfahren stellen. Voigt gibt aber nicht allein dem Niederländer die Schuld, sondern sieht auch den Weltverband UCI in der Verantwortung. "Der Veranstalter bittet die UCI um Genehmigung und Klassifizierung des Rennens und der Strecke, und die UCI und die technische Kommission überprüft das. Da sie das genehmigt hat, kann sie im Nachhinein ihre Hände nicht in Unschuld waschen und die Schuld auf den Veranstalter schieben", sagte der 17-malige Tour-de-France-Teilnehmer.

"Massensprints sind gefährlich genug"

Heftige Kritik an den Veranstaltern der fünftägigen WorldTour- Rundfahrt übten CCC-Profi Simon Geschke und weitere Radprofis. "Jedes Jahr derselbe dumme Bergab-Sprint bei der Polen-Rundfahrt. Jedes Jahr frage ich mich, warum die Organisatoren denken, das sei eine gute Idee", schrieb der 34 Jahre alte gebürtige Berliner auf Twitter. "Massensprints sind gefährlich genug, man braucht kein Bergab-Finale mit 80 km/h", ergänzte der Tour-de-France-Etappensieger von 2015.

"Ich habe mir das Finale und den Crash bestimmt 30 Mal angeguckt und die Brutalität des Crash schockiert mich noch immer", twitterte Ex-Weltklassesprinter Marcel Kittel. "Ich will da jetzt niemanden angreifen. Ich bin die Polen-Rundfahrt noch nie gefahren, aber ich habe von anderen Rennfahrern gehört, dass die Rundfahrt eh schon sehr berühmt-berüchtigt ist. Ein Bergab-Sprint, bei dem man bis zu 85 km/h erreicht, da fragt man sich schon: Muss das sein?", sagte Rick Zabel, der in Polen nicht im Einsatz ist, der Deutschen Presse-Agentur.

"Ein normaler Sprint mit 50-60 km/h ist schon schnell genug. Da muss man es nicht noch riskanter machen. Solche Zielankünfte sollten verboten werden. Es ist immer schade, dass erst was passieren muss, ehe solche Diskussionen entstehen", sagte Rick Zabel.

Diskussion über Ziel-Sprint gibt es seit Jahren

Auch Lotto-Soudal-Profi Roger Kluge stellte die Streckenführung in Frage und kritisierte zugleich das Verhalten einiger Kollegen. "Es ist ja schon seit Jahren die Frage, ob man an dieser Stelle das Ziel machen muss", sagte er der "Lausitzer Rundschau". "So etwas muss nicht sein. Einige Sprinter verlassen immer wieder ihre Linie. Wenn sie geradeaus fahren würden, dann würde es besser ausgehen."

Kluge selber war, wie auch Deutschlands Top-Sprinter Pascal Ackermann, in den fatalen Sturz nicht involviert. "Mir geht es gut. Ich hatte mega Glück im Zielsprint, dass ich die richtige Seite gewählt habe. Dort bin ich einigermaßen gut durchgekommen. Ich bin zwar 30 Kilometer vor dem Ziel auch gestürzt, aber letztlich kamen dabei nur ein paar Kratzer raus", sagte er.

"Ich hatte verdammtes Glück, dass ich etwas zurück war mit meinem Sprint und die letzten 100 Meter habe rollen lassen. Sonst wäre ich auch dabei gewesen", sagte Ackermann der Deutschen Presse-Agentur.

Der bei dem Unfall ebenfalls schwer am Kopf verletzte Mitarbeiter sei wieder bei Bewusstsein und ebenfalls in einem "stabilen Zustand", wie die Renn-Organisatoren mitteilten. Zudem würden noch drei weitere Radprofis in Krankenhäusern behandelt.

Bereits im Vorjahr sorgte ein folgenschwerer Sturz bei der Polen-Rundfahrt für einen dramatischen Zwischenfall, als der erst 22 Jahre alte Belgier Bjorg Lambrecht auf der Etappe nach Zabrze bei vergleichsweise moderatem Tempo gegen eine Betonkonstruktion prallte und später seinen schweren Verletzungen erlag.


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