zuletzt aktualisiert vor

Homöopathie Heilen ohne Wirkstoff: Das süße Globuli-Versprechen

Globuli bestehen im Wesentlichen aus Zucker, Weizenstärke und Glukosesirup. Foto: Philip RossGlobuli bestehen im Wesentlichen aus Zucker, Weizenstärke und Glukosesirup. Foto: Philip Ross
Philip Ross

Hamburg. Mit homöopathischen Mitteln erzielen die Hersteller Millionenumsätze. Dabei ist in den Tropfen und Kügelchen meist nichts drin, was mehr als einen Placebo-Effekt ausmachen könnte.

Ein Tropfen auf das Wasser von 33 Badewannen: So stark oder noch stärker sind Wirkstoffe in homöopathischen Mitteln verdünnt. Warum schwören dennoch so viele Menschen darauf? Und wie soll ein solches Medikament überhaupt wirken?

1. Am Anfang war der Glaube

Vor gut 200 Jahren glaubte der Arzt Samuel Hahnemann, dass es im menschlichen Körper eine immaterielle Kraft gibt, eine Art Energie. Er war sicher, dass Medikamente auf dieser Ebene ansetzen müssten, um den Körper wirklich heilen zu können. Samuel Hahnemann ist der Erfinder der Homöopathie.

Wer heilt, hat recht?

Heute argumentieren diejenigen, die an homöopathische Mittel glauben, häufig mit persönlichen Erfahrungen und persönlichen Überzeugungen. Sie sagen: "Mir hat es aber geholfen", "Ich will etwas Natürliches nehmen" oder "Warum sollte es die Homöopathie schon so lange geben, wenn sie nichts bringt?"

So oder so ähnlich denken viele; mit homöopathischen Mitteln wird allein in Deutschland ein Millionengeschäft gemacht. Ärztinnen und Ärzte verschreiben die Präparate und in den Schaufenstern zahlreicher Apotheken werden homöopathische Medikamente beworben. Können so viele Menschen wirklich irren? Und wer heilt, hat schließlich recht? So einfach ist es nicht.

Denn die Annahme, dass ein Wirkstoff immer besser hilft, je stärker er verdünnt wird, steht nicht nur im Widerspruch zu unserem logischen Grundverständnis. Darüber hinaus konnte auch mit keiner anerkannten Studie sicher nachgewiesen werden, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus wirkt. Deshalb fordern Kritiker auch vehement, dass ihr der Status eines Arzneimittels aberkannt wird.

Die Grundidee der Homöopathie besteht darin, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Das bedeutet: Eine Erkrankung wird mit einem Wirkstoff behandelt, der ähnliche Symptome wie die der Krankheit auslösen kann. Bei der Homöopathie werden diese Stoffe allerdings extrem verdünnt, in den meisten Fällen mit Wasser, wodurch eben diese immaterielle Ebene erreicht werden soll, an die Hahnemann glaubte. Er selber sagte, die Substanzen würden sich "zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen" auflösen. 

Verdünnen und Schütteln und Verdünnen und Schütteln

Nach jeder Zugabe von Wasser wird die Flüssigkeit geschüttelt – wodurch Kräfte beziehungsweise heilende Energien vom Wirkstoff auf das Wasser übertragen werden sollen. Oder wie die Homöopathen es nennen: Das Wasser wird informiert.

Dabei gilt: Je häufiger verdünnt und geschüttelt wird, desto höher ist die sogenannte Potenz und damit – im homöopathischen Glauben – auch die Wirkung. 

Philip Ross

2. Wasser vermischt mit Wasser

Viele homöopathische Mittel werden in Form der berühmten weißen Kügelchen eingenommen, den Globuli. Um sie herzustellen, wird zunächst das Ausgangsmaterial, beispielsweise eine Heilpflanze, in eine sogenannte Urtinktur gebracht. Das bedeutet, dass die Pflanze zerkleinert und anschließend in einem Alkohol-Wasser-Gemisch gelöst wird. Das so entstandene Produkt wird dann wieder und wieder mit Wasser oder Alkohol verdünnt und anschließend geschüttelt, bis die gewünschte Potenz eintritt.

Ein Tropfen Wirkstoff auf Millionen Liter Wasser

So werden etwa die D-Potenzen mit dem ersten Verdünnungsschritt 1:10 hergestellt – das heißt, ein Teil Arzneimittelsubstanz wird mit 9 Teilen Lösungsmittel wie Wasser oder Alkohol vermischt. Diese Potenzen sind erhältlich in den Varianten D1 bis D1000. Das bedeutet, dass die Lösung bis zu 1000 Mal im Verhältnis 1:10 immer weiter verdünnt und geschüttelt wird.

Die C- und LM/Q-Potenzen

Während das Urtinktur-Wasser-Gemisch bei den D-Potenzen in jedem Schritt im Verhältnis 1:10 verdünnt wird, ist das Verhältnis bei den C-Potenzen 1:100. Die LM/Q-Potenzen starten sogar schon mit dem Verdünnungsschritt 1: 50.000.

Eine D8-Potenz entspricht demnach einem Mischverhältnis von 1:100.000.000. Das ist so viel wie ein Tropfen Wirkstoff auf den Inhalt von 33 Badewannen. 

Bei einer D12-Potenz ist das Verhältnis schon 1:1.000.000.000.000, also ein Teil Wirkstoff auf eine Billion Teile Flüssigkeit. Würde man einen Tropfen Wirkstoff auf das Wasser von dreizehn 50-Meter-Schwimmbecken verteilen, erhielte man in etwa dieses Mischverhältnis.

Doch die Verdünnung homöopathischer Mittel geht noch viel weiter. Eine D24-Potenz entspricht in etwa dem Verhältnis von 20 Tropfen Wirkstoff auf die Wassermenge in den gesamten Weltmeeren.

Bei den D-Potenzen sprechen die Homöopathen bei allen Mischverhältnissen ab D30 von einer Hochpotenz. Das entspricht einem Mischverhältnis von Eins zu einer Quintillion oder 1:1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.

Medikamente mit diesem Mischverhältnis werden von den Homöopathen nicht zur Selbstmedikation empfohlen. So heißt es auf Globuli.de, einem Portal des Europäischen Naturheilbundes e.V.: 

„"Eine hohe Potenz greift tief in die inneren Abläufe des Menschen ein und vermag eine Neustrukturierung nicht nur körperlicher sondern auch seelischer Prozesse einzuleiten. Aus diesem Grund sollten hohe Potenzen eher auf Verordnung des Homöopathen eingenommen werden, der diese gerne bei schweren chronischen Erkrankungen und psychischen Störungen einsetzt."“globuli.de

Globuli werden mit "informiertem" Wasser besprüht

Ist die gewünschte Potenz erreicht, kommen schließlich die Globuli ins Spiel. Diese sind zunächst einmal nichts weiter als weiße Streukügelchen, die aus Zucker, Weizenstärke und Glukosesirup bestehen. Zum Medikament werden sie erst, wenn sie mit dem potenzierten Wasser oder dem potenzierten Alkohol besprüht oder beträufelt werden.

Die Globuli werden anschließend in Braungläser abgefüllt. Jetzt sind sie bereit für den Verkauf in Apotheken.

Philip Ross

3. Ist wirklich alles Quatsch?

Während bei den niedrigen Potenzen noch minimale Spuren von Wirkstoff enthalten sind, ist bei den Hochpotenzen – die ja besonders stark wirken sollen – nichts mehr vom Ausgangsstoff nachweisbar.

"Samuel Hahnemann wusste es damals nicht besser"

Zwar gibt es immer wieder einzelne Studien, die der Homöopathie eine Wirksamkeit bescheinigen. Doch die Gesamtschau aller Untersuchungen zeigt: Ein wissenschaftlich verlässlicher Nachweis darüber, dass Homöopathie wirklich über den Placebo-Effekt hinaus wirkt, wurde bislang nicht erbracht. Betrachtet man die Summe der Studien, ist der Tenor eindeutig: Viele der existierenden Einzelstudien sind methodisch zu schlecht, um eine Wirksamkeit homöopathischer Mittel nachweisen zu können.

"Samuel Hahnemann wusste es damals nicht besser", sagt Natalie Grams. Sie ist Ärztin und war bis vor wenigen Jahren selber als Homöopathin tätig. Bis sie ein Buch über die Wirkung homöopathischer Mittel schreiben wollte und während der Recherche feststellte: Da ist meist nichts drin, was einen Effekt über ein Placebo-Niveau ausmachen kann. Heute setzt sie sich für Aufklärung über Homöopathie ein und ist Leiterin des kritischen Informationsnetzwerks Homöopathie. "Wir wissen heute, dass in den hochpotenzierten Verdünnungen keine Wirkstoffmoleküle nachweisbar sind. Wenn Homöopathen sagen, es seien Nanopartikel mit spezifischer Wirkung darin, täuschen sie sich. Und es gibt auch keinerlei Nachweis, dass durch Information oder Energie irgendeine Wirksamkeit auf das Wasser übertragen wird." 

Doch trotzdem vertrauen Tausende Deutsche auf Kügelchen, wenn sie krank sind. Das liege vor allem daran, dass die Homöopathie über viele Jahre kritiklos und mit den positivsten Attributen verbreitet wurde, glaubt Natalie Grams.  

„"Viele Menschen wissen gar nicht, was Homöopathie genau ist, und verwechseln sie mit Naturheilkunde oder mit wirksamer Medizin. Das ist ein großer Marketing-Erfolg." “Natalie Grams

Gleichzeitig würden viele Menschen nach Alternativen zur Behandlung in klassischen Arztpraxen suchen. "Sie sehnen sich nach mehr Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten", so Grams. Viele fühlten sich in homöopathischen Praxen besser aufgehoben als bei Schulmedizinern.

"Die Homöopathie ist wie eine Psychotherapie light"

Das liege unter anderem auch daran, dass sich viele Homöopathen schlicht und ergreifend mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten nehmen.

"Die Homöopathie ist wie eine Psychotherapie light", sagt Grams. So habe sie selber in ihrer Praxis beispielsweise viele Männer erlebt, die mit einem Schnupfen kamen, aber eigentlich unter einer Depression litten. "Psychotherapien oder der Gang zum Psychiater sind in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert", so die Ärztin, "der Gang zum Homöopathen fällt da vielen noch leichter."

Die Gespräche, die ausführliche Aufmerksamkeit und das sich ernst genommen Fühlen in homöopathischen Praxen können sicher die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Placebo-Effekt verstärkt wird, wenn die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt als herzlich und kompetent wahrgenommen wird.

„"Wir sollten durchaus unserem eigenen Körper und seinen eigenen Fähigkeiten öfter vertrauen, aber dann brauchen wir eben auch keine Kügelchen, sondern einfach Geduld und Zuversicht." “Natalie Grams
Philip Ross

4. Allmächtige Kügelchen

Doch Globuli oder andere homöopathische Mittel werden großzügig bei unterschiedlichsten Erkrankungen eingesetzt. Eins der bekanntesten homöopathischen Mittel sind Arnica-Globuli. Nach Angaben des Homöopathie-Portals Globuli.de haben diese Kügelchen ein breites Einsatzfeld: So wirke Arnica unter anderem als Wundheilmittel bei Verletzungen, Prellungen oder Verbrennungen, heißt es dort, sowie bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und darüber hinaus bei unter anderem Fieber, Husten, Gicht, Muskelkater, Depressionen, Hirnhautentzündungen oder Furunkeln.

Ein einziges Mittel soll gegen unzählige Leiden helfen

Ähnlich beliebt ist Quecksilber. Verdünnt und geschüttelt soll das Schwermetall helfen gegen: Entzündungen von Mandeln, dem Mittelohr, der Mundschleimhaut und dem Darm; gegen eitrige Hautentzündungen wie beispielsweise Akne, Abszesse, infizierte Ausschläge und Geschwüre sowie Gürtelrose. Dieser Wirkstoff wird vor allem für das beliebte homöopathische Erkältungsmedikament Meditonsin verwendet. 

Philip Ross

Ein weiteres Beispiel für die sogenannte Alternativmedizin sind die Schüßler Salze. Streng genommen zählen diese zwar nicht zur Homöopathie, da sie nicht auf Samuel Hahnemann zurückzuführen sind, sondern auf Wilhelm Heinrich Schüßler, der im Jahr 1898 verstorben ist. Dennoch werden die Salze in homöopathischen Dosierungen, also Potenzen, verordnet.

Besonders bekannt ist das Schüßler Salz Nr. 8, oder Natrium Chloratum. Dies soll sowohl bei tiefer Trauer und auch bei Depressionen wirken als auch unter anderem auch bei Schnupfen, trockener Haut, Durchfall und Erbrechen, Verstopfung und Schwellungen durch verschiedenste Ursachen. Der Wirkstoff dieses scheinbaren Wundermittels ist NaCl, also Kochsalz. Im Jahr 2005 kam die Stiftung Warentest zu dem Ergebnis: "Biochemie nach Schüßler ist zur Behandlung von Krankheiten nicht geeignet."

Philip Ross

5. Der Streit um Aufklärung

Seit einigen Monaten ist die Debatte in Deutschland um die Homöopathie wieder aufgeflammt. Mit angestoßen hat sie unter anderem Natalie Grams. Ihr gehe es nicht darum, Homöopathie zu verbieten, sagt sie. Sondern um Aufklärung.

Unsere große Reportage "Alles auf Zucker: Das süße Globuli-Versprechen" wurde grafisch besonders aufwändig gestaltet. Um sie lesen zu können, klicken Sie bitte hier:

„"Wenn jemand genau weiß, dass es sich um nichts weiter als ein Placebo handelt, aber dennoch daran glaubt, dann soll diese Person auch die Freiheit haben, das auf eigene Kosten und auf eigene Verantwortung anzuwenden." “Natalie Grams

Die Homöopathie hat eine Sonderstellung im Gesetz

Gleichzeitig fordert sie, dass homöopathischen Mitteln der Status eines Arzneimittels entzogen wird. Normalerweise ist der Weg zur Zulassung von Medikamenten lang. Doch bei der Homöopathie ist das anders; sie hat sozusagen eine Sonderstellung im deutschen Arzneimittelgesetz. Tatsächlich können homöopathische Arzneimittel, im Gegensatz zu anderen Medikamenten, in Deutschland ohne klinische Studien auf den Markt kommen. Es reicht, wenn andere Homöopathen die Wirksamkeit des Mittels bestätigen. Der Grund dafür ist die Neuerung des Arzneimittelrechts im Jahr 1976. Damals lautete die Begründung dieser Sonderregelung für die Homöopathie, dass sich der "vorhandene Wissenschaftspluralismus deutlich widerspiegeln müsse". Damit ist gemeint, dass unterschiedliche Zweige der Medizin vorkommen sollen.

Kritiker: Homöopathie ist keine Medizin

Warum diese Sonderstellung im Arzneimittelgesetz ein Problem ist, erklärt Norbert Schmacke auf der Seite des Informationsnetzwerkes Homöopathie, dem auch Natalie Grams angehört. Schmacke ist Versorgungsforscher an der Universität Bremen und hat das Buch "Der Glaube an die Globuli. Die Verheißungen der Homöopathie" herausgegeben. Er sagt: "Das Verschreiben von homöopathischen Medikamenten ist mit dem Versprechen verbunden, Krankheiten allein hiermit heilen oder einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten zu können." Er fordert, dass "die Bestimmungen für die Zulassung neuer Arzneimittel eher noch verschärft werden sollten".

Natalie Grams: Schulmedizin muss an sich arbeiten

Darüber hinaus fordert das Informationsnetzwerk Homöopathie, dass die Apothekenpflicht für homöopathische Mittel abgeschafft wird und die Kosten auch in Deutschland nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden. In Frankreich wurde dies bereits durchgesetzt.

Gleichzeitig ist Natalie Grams sicher, dass auch die Schulmedizin an sich arbeiten müsse, und sagt: "Viele Menschen sind zu Recht frustriert von der Behandlung in klassischen Arztpraxen." Zum Beispiel von extremer Zeitknappheit. Auch würden zunehmende Spezialisierung und Technologisierung vielen Patientinnen und Patienten die moderne Medizin als kalt und abweisend erscheinen lassen, sagt die Ärztin. Und weiter: "Wir müssen die Medizin derart verbessern – sodass sich niemand mehr auf die Suche nach einer oftmals schlechteren Alternative begeben muss."

Das Team

Text, Idee und Gestaltung: Anna Behrend & Nora Burgard-Arp                                                          

Fotos und Videos: Philip Ross

Auch interessant zum Thema


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der NOZ MEDIEN und mh:n MEDIEN