Von den Anfängen bis heute Eine kurze Geschichte des Gesellschaftsspiels

Von Karsten Grosser | 11.11.2018, 07:46 Uhr

Erleben wir gerade ein goldenes Zeitalter des Brettspiels? Autoren und Verlage sind so produktiv und innovativ wie nie, immer mehr Menschen treffen sich zum gemeinsamen Spielen. Wir beleuchten den Hintergrund mit einer kurzen Geschichte des Gesellschaftsspiels.

Tutanchamun starb sehr jung. Der altägyptische Pharao aus dem 14. Jahrhundert vor Christus wurde wohl keine 20 Jahre alt. Zu wenig Zeit für eine einflussreiche Regentschaft. Und doch elektrisierte es die Welt, als der britische Ägyptologe Howard Carter 1922 dessen nahezu unversehrtes Grab im Tal der Könige entdeckte. In der Grabkammer fanden die Forscher neben vielen Kostbarkeiten wie einer goldenen Totenmaske auch eines der ältesten Brettspiele der Welt: Senet. Ein Laufspiel über 30 Felder, das die Überfahrt vom Diesseits ins Jenseits symbolisiert. Und das bereits vor fast 5.000 Jahren bekannt war, wie historische Darstellungen beweisen.

„Das Spiel ist eines der ältesten Kulturgüter"

Als noch etwas älter gilt Mehen, benannt nach einer ägyptischen Schlangengottheit aus der Unterwelt. Spielbretter glichen einer aufgerollten Schlange mit dem Kopf im Zentrum, als Figuren dienten je drei Löwen und Löwinnen sowie mehrere Kugeln. Regeln wurden nicht überliefert, doch die spiralförmige Gestaltung des Bretts überdauerte und fand Wiederkehr in den heute als Gänse- oder Leiterspiel bekannten Laufspielen. Damit wird eine Brücke geschlagen vom Beginn der Zivilisation bis zur Gegenwart, die die Verwurzelung und Bedeutung des Gesellschaftsspiels in der Geschichte der Menschheit unterstreicht. „Das Spiel ist eines der ältesten Kulturgüter, älter als Lesen und Schreiben“, betont der mittlerweile verstorbene Autor Erwin Glonnegger im Vorwort von „Das Spiele-Buch“. Das zeigen nicht nur die Funde aus Ägypten.

Ob Babylon oder Ur, Indien oder China, Griechenland oder Altes Rom – in allen früheren Hochkulturen haben die Menschen gespielt. Der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga sah 1938 in seinem Buch „Homo ludens“, was so viel bedeutet wie spielender Mensch, das Spiel gar als Ursprung aller Kulturen. Viele auch heute noch populäre Spiele stammen aus jenen genannten Epochen oder gründen auf damalige Entwicklungen. Zum Beispiel haben Go, Dame und wohl auch Mühle einen jahrtausendealten Ursprung.

Der Würfelwurf als Symbol der Schicksalsfindung

Wie auch der Würfel – das Sinnbild für klassische Spiele schlechthin. Dessen zufälliges Wurfergebnis galt einst aber vornehmlich als Symbol der Schicksalsfindung. Und nicht selten beeinflusste es auch das Schicksal. Etwa beim Backgammon. Das Würfelspiel, dessen Vorläufer als Zwölflinienspiel auf jeden Fall schon zu Zeiten des römischen Kaisers Augustus bekannt war, reizte über die Jahrhunderte in vielen Teilen der Welt so manchen Spieler, sein ganzes Geld als Einsatz zu riskieren. Mit durchaus negativen Folgen. Sowohl für den Spieler als auch für das Spiel selbst, denn Backgammon wurde vielerorts in der Öffentlichkeit verboten. Trotzdem zählt es immer noch zu den populärsten Brettspielen auf der Welt.

Zugleich ist Backgammon ein Beispiel dafür, dass der Gestaltung antiker Spielbretter eine symbolische oder gar religiöse Bedeutung zugewiesen werden kann. Ulrich Schädler zitiert in seinem Buch „Spiele der Menschheit“ astrologische Interpretationen, die in den 30 Spielsteinen die Zahl der Tage eines Monats sehen, in den zwölf Feldern pro Reihe die Zahl der Sternzeichen und in der Summe sieben, die von den Augen zwei jeweils gegenüberliegender Seiten eines Würfels gebildet wird, die Zahl der einst vermuteten Planeten.

Ursprüngliche Symbolik eingebüßt

Auch der Vorläufer des heute allseits bekannten Mensch ärgere dich nicht, das aus Indien stammende und dort immer noch im Alltag präsente Pachisi, nimmt eine weltanschauliche Anleihe: Die Figuren stellen Menschen dar, die in alle vier Himmelsrichtungen losziehen, um am Ende wieder in die Heimat zurückzukehren. Und nach dem Geschlagenwerden wiedergeboren werden. Das erstmals vor gut hundert Jahren veröffentlichte Mensch ärgere dich nicht hat diese ursprüngliche Symbolik gänzlich eingebüßt. Vielleicht mit ein Grund, warum das Spielen an sich von manchen noch immer zu Kinderkram degradiert wird. Natürlich mit Ausnahme des königlichen Schachspiels, dessen indische Urform Caturanga erstmals für das fünfte Jahrhundert nach Christus nachgewiesen wurde, oder von Kartenspielen wie Skat oder Bridge.

Doch diese Herabwürdigung des Spiels im Allgemeinen ist keineswegs gerechtfertigt. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zitierte einst den US-amerikanischen Schriftsteller Oliver Wendell Holmes: „Leute hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden; sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen.“ Max J. Kobbert, Autor des Millionensellers Das verrückte Labyrinth, hat gar per Buch eine Liebeserklärung an das „Kulturgut Spiel“ verfasst. Spiele seien lebensnotwendig. „Sie holen die Spieler aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Rollen heraus und schaffen immer wieder eine neue Form von Gleichheit.“

„Ausgleichssport für die Seele“

Kobbert betont, dass das Spiel des Erwachsenen sich nur dadurch von dem des Kindes unterscheide, weil er diese Verbindung von Wirklichkeit und Schein durchschaut und das Spiel als Spiel genießt. Glonnegger sah im Spiel einen „Ausgleichssport für die Seele“. Für die Dauer einer Partie entschwinden die Menschen in eine fremde Welt und blenden dabei den Alltag komplett aus. Sie ärgern sich über Würfelergebnisse, jubeln über aufgegangene Strategien oder erfreuen sich schlicht der Gesellschaft der Mitspieler.

Die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Gesellschaftsspiele ist mittlerweile gewaltig. Neben den immer noch beliebten Klassikern aus den ersten 50, 60 Jahren des 20. Jahrhunderts wie Scrabble, Monopoly oder Memory drängen von Jahr zu Jahr mehrere Hundert Neuheiten in den Handel. Ein Umstand, der nicht zuletzt auf die Einführung des Kritikerpreises „Spiel des Jahres“ im Jahr 1979 zurückzuführen ist; dank dieser Auszeichnung fällt Aufmerksamkeit auf die Branche. Sie gibt Konsumenten einen wertvollen Tipp – insbesondere für die Weihnachtseinkäufe.

„German Game“ als Qualitätsbegriff

Der erste Titelträger damals war übrigens Hase und Igel von David Parlett. Seitdem ist Deutschland Innovationstreiber in der Spieleentwicklung. Vor allem das 1995 erschienene Die Siedler von Catan, heute nur noch kurz Catan, löste einen mächtigen Schub aus. Das „German Game“ wurde zum weltweiten Qualitätsbegriff. Nicht zufällig findet alljährlich im Oktober mit der "Spiel" in Essen die wichtigste Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele in Deutschland statt. Von Jahr zu Jahr kommen mehr Aussteller und mehr Besucher. Hier zeigt sich aber auch die zunehmende Internationalisierung des Marktes. Länder wie Frankreich, die USA, Polen und Korea sind längst vom Spiele-Virus infiziert.

Zugleich profitiert das analoge Spiel von den Computer-, Konsolen- und Handyspielen. Einerseits deshalb, weil das Spielen an sich durch die digitalen Spiele mittlerweile in der Breite der Gesellschaft angekommen sind und Spielen als völlig normale Freizeitbeschäftigung angesehen wird. Andererseits dienen digitale Spiele als Vorbild, sodass auch analoge Spiele immer häufiger Geschichten erzählen und wahre Spielerlebnisse ermöglichen. Noch nie in seiner fast 5.000-jährigen Geschichte wurde das Spiel durch jährlich so viele innovative und gute Ideen befruchtet wie heutzutage. Und das zeigt Wirkung: Seit drei, vier Jahren verzeichnen die Verlage ein deutliches Wachstum. Jährlicher Umsatz in Deutschland: mehr als 500 Millionen Euro. Manche Kenner der Szene sprechen bereits vom goldenen Zeitalter der Brettspiele.