Alkohol in der Schwangerschaft FAS: Wenn Schwangere ihre Kinder behindert trinken

Von Corinna Berghahn | 24.03.2015, 08:00 Uhr

Sie sind kleiner, machen immer wieder den gleichen Unsinn und verlernen Gelerntes innerhalb kürzester Zeit wieder: Kinder, die am Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) leiden, gibt es mehr als man denkt. Dabei wäre ihre Krankheit zu verhindern gewesen, hätten ihre Mütter in der Schwangerschaft keinen Alkohol getrunken.

44 Prozent der Deutschen wissen nicht, dass Alkohol in der Schwangerschaft das Kind dauerhaft schädigen kann. Das sagt eine von der Bundesregierung zitierte Studie. Dazu passen auch die Zahlen, die Reinhold Feldmann nennt: Der Mediziner kümmert sich in der bei Münster liegenden Tagesklinik Waldstedde um Kinder und Jugendliche, die unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) leiden. „Im Schnitt kommt in Deutschland jährlich jedes 300. Kind mit dem Syndrom zu Welt“, sagt er. Zum Vergleich: Das weitaus bekanntere Downsyndrom bekommt etwa jedes 700. Kind.

Wie wirkt sich FAS aus?

„In der Regel sind Kinder mit FAS kleiner und leichter, ihr Gesicht ist anders, denn ihre Oberlippen sind schmal und die Augen wirken kleiner,“ sagt Feldmann. Schwerwiegender sind aber die nicht sichtbaren Schäden: Ihr Gehirn ist geschädigt. Sie sind deshalb zu arglos, manipulierbar, sehr vergesslich und können Konsequenzen und Gefahren nicht einschätzen. Zudem wirken sie frech und faul, weil sie immer wieder den gleichen Blödsinn machen. Sie sind oft Außenseiter, weil sie auf andere Kinder komisch wirken und sich nicht an Regeln halten können. Zugleich sind sie aber auch leichte Opfer, weil sie leichtgläubig sind und von anderen ausgenutzt werden. (Weiterlesen: Warum Moritz aus „Max und Moritz“ auch unter FAS leidet)

In die Tagesklinik kommen zumeist Kinder aus Pflege- oder Adoptivfamilien, erzählt Feldmann. Er vermutet, dass dies auch mit der Scham zu tun hat, die Mütter haben, wenn ihr Kind durch ihr Verhalten krank ist. In Pflegefamilien kenne man diese Scham nicht: „Sie wollen wissen, was mit dem Kind ist und sind dabei entspannter, weil es nicht an ihnen liegt.“ (Weiterlesen: Leitlinie soll Diagnose von Alkoholschäden bei Kindern erleichtern)

Unheilbare Schäden

FAS ist auch nicht heilbar, denn das Gehirn bleibt ein Leben lang geschädigt. „Man kann nur versuchen, durch Frühförderung und andere Therapieformen die Folgen zu mindern.“ Für Familien mit betroffenen Kindern kann das schwer werden: Auf die Kinder muss viel mehr aufgepasst werden, als auf andere Kinder.“ Und das nicht nur, solange sie klein sind. Feldmann kennt keinen Fall, indem ein Kind, dass am FAS leidet, als Erwachsener vollkommen unabhängig leben konnte. „Zumeist leben sie in betreuten Wohnsituationen.“

Wer bekommt FAS?

FAS ist keineswegs ein Problem, dass nur in sozialen Brennpunkten vorkommt, sagt Feldmann: „In allen Schichten gibt es Frauen, die während der Schwangerschaft trinken.“ Und das kann fatal sein, denn der Alkohol greift während der Schwangerschaft besonders das Gehirn an. „Alkohol behindert die Zellteilung – und das Gehirn wächst beim Kind am schnellsten durch eben diese Zellteilung. Daher ist es besonders anfällig.“ (Schwangerschaft: Was passiert im ersten Monat?)

Etwa 60 Prozent aller Frauen trinken in der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol, sagt Feldmann. „Die Schädigung durch Alkohol in der Schwangerschaft ist erst in den 1950-er und 60-er Jahren entdeckt worden. Das ist in der Medizin noch keine lange Zeit.“ Vorher dachte man, dass das Kind geschädigt wird, wenn der Mann Alkohol trinkt. Dass der Embryo oder Fetus aber durch den Alkoholkonsum der Mutter geschädigt wird, ist noch nicht so lange bekannt. Und auch viele Mütter wissen es noch nicht. Und vor allem wissen sie nicht, dass dafür bereits geringe Mengen ausreichen.

Einmalige Trinkereignisse wie Schützenfeste können ebenso schädlich sein wie das wöchentliche Glas Wein, so Feldmann. Daher sollten Schwangere lieber gar nichts trinken. „Man kann keinen Grenzwert für die Menge des Alkohols angeben: Es gibt Kinder, die werden geschädigt, weil die Mutter einmal in der Woche ein Glas Wein trinkt. Und es gibt Kinder, die werden bei mehr Konsum nicht so stark geschädigt. Es ist wie Russisch Roulette.“