Wenig Geld, schlechte Zeiten Zahl der Tageseltern geht in Bramsche stark zurück

Von Hildegard Wekenborg-Placke | 17.02.2016, 15:48 Uhr

Schlechte Bezahlung? Verdrängung durch immer mehr Ganztagsangebote in Schulen und Kindergärten? Die Arbeit als Tagesmutter- oder -vater scheint rapide an Attraktivität zu verlieren. Das Familien-Servicebüro der Stadt Bramsche verzeichnet nur noch 104 qualifizierte „Tagespflegepersonen“, wie es im Behördendeutsch heißt. Im Vorjahr waren es noch 126.

Mit diesen Zahlen hatte Ruth Große-Brauckmann jüngst bereits die Mitglieder des Sozialausschusses aufhorchen lassen. Auf Nachfrage zeigte sich die Leiterin des Familienbüros jetzt nicht wirklich verwundert über die Entwicklung. Pro Kind und Stunde erhalten ausgebildete Tagesmütter 3,50 bis vier Euro. Davon müssen sie ihre Betriebskosten finanzieren, sie müssen Steuern, Krankenversicherung und Rentenversicherungsbeiträge bezahlen und zur Hälfte die Versicherungskosten. Den Rest übernimmt der Landkreis als Träger der Jugendhilfe. Außerdem bieten immer mehr Ganztagsschulen und Kindertagesstätten erweiterte Öffnungszeiten an.

„Nur die Restbestände“

„Für die Tageseltern bleiben nur die Restbestände“, sagt Große-Brauckmann. Das sind die ganz frühen und ganz späten Stunden des Tages, die auch für die Tageseltern, die selbst oft noch eigene Kinder haben, nicht sonderlich attraktiv seien. Außerdem haben Eltern nur in den ersten drei Lebensjahren ein Wunsch- und Wahlrecht“, ob sie ihre Kinder von einer Tagesmutter oder in einer Institution betreut sehen möchten.

Viele Tageseltern sind mit der Entwicklung und den Rahmenbedingungen gar nicht glücklich, bestätigt Esther Pick, die Vorsitzende des Tageselternvereins für den Altkreis Bersenbrück. Wer sich in den Familienbüros als Tagesmutter oder -vater registrieren und vermitteln lassen will, muss eine mehrmonatige Qualifizierung durchlaufen. Regelmäßige Weiterbildungen sind Pflicht zu Themen wie Erste Hilfe, Ernährung, zu pädagogischen und psychologischen Themen. „Wir leisten pädagogisch hoch qualifizierte Arbeit. Nicht so, wie es von vielen gesehen wird: Nur ein bisschen herumsitzen und spielen“. Dennoch rechne sich die Arbeit eigentlich kaum. „Es geht eigentlich nur, wenn man unter 450 Euro bleibt. Aber man kann Eltern, die eine Betreuung brauchen, ja einfach sagen:. Es geht nicht. Mein Kontingent ist erschöpft“, beschreibt sie das Dilemma vieler Tagesmütter. „Es ist auch viel Idealismus dabei“.

„Bei uns ist es doch viel familiärer“

Einmal im Monat treffen sich die Vereinsmitglieder zum Erfahrungsaustausch. Was Esther Pick beschreibt, ist Konsens in der Gruppe, die sich im Frauentreff in der Alten Webschule eingefunden hat. Der Vorrang, der der Betreuung in Krippen und Kitas ein geräumt werde, „macht viel kaputt“, meint Winfried Kebbe, einer der Tagesväter. „Bei uns ist es doch viel familiärer.“ „Wir sind nur noch Lückenbüßer“, beklagt Miriam Wolke. „Dabei sind die Eltern doch total zufrieden“. Esther Pick fasst zusammen: „Man sollte den Eltern einfach die Entscheidungsfreiheit lassen“.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz glaubt Große-Brauckmann nicht daran, dass die Tageseltern „aussterben“ werden. „Auch wenn es nicht der lukrativste Job ist, wird es immer die Nischen geben. Es gibt immer mehr Alleinerziehende, es gibt immer mehr Schicht- und Wochenendarbeit.“ Diese Nischen reichen vielen Menschen, die sich in der Kinderbetreuung engagieren möchten, aber offensichtlich nicht. Die Zeiten, als das Familien-Servicebüro zwei Qualifizierungskurse pro Jahr anbieten und füllen konnte, sind vorbei.