Serie „Mein Job und ich“ Schornsteinfeger aus Rhede über Glück, Vogelnester und Ofentrends

Von Daniel Gonzalez-Tepper | 29.12.2017, 13:43 Uhr

In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht Schornsteinfeger Ingo Vosse unter anderem über Glück, die Entwicklung bei Öfen und Heizungen sowie Vogelnester.

 Herr Vosse, der Jahreswechsel steht bevor. Werden Sie derzeit besonders häufig angefasst und gestreichelt? 

Ja, das ist tatsächlich so. Je näher es Richtung Weihnachten und Jahreswechsel geht, umso mehr wird bei Terminen von Kunden das Thema Glück angesprochen. Kindern wird ja auch erzählt, dass Schornsteinfeger Glück bringen. Sie wollen mich dann natürlich gerne berühren oder die Knöpfe meiner Jacke drehen. Ich verteile dann häufig kleine Glücksmedaillen an die Menschen, auf denen ist vorne ein vierblättriges Kleeblatt und hinten ein Schornsteinfeger abgebildet. Früher war es ja tatsächlich so, dass Schornsteinfeger Glück brachten, weil Hausbesitzer, deren Kamine von Ruß oder Vogelnestern befreit waren, weniger von Großfeuern betroffen waren.

 Tragen Sie den Zylinder jeden Tag? 

Beim Kehren ja, das gehört für mich einfach dazu. Auszubildende dürfen den nicht tragen, sie haben Cappies auf dem Kopf. Die Zylinder haben auch einen ganz praktischen Vorteil: Unser Arbeitsplatz ist meist im Keller und auf dem Dachboden dort gibt es viel Staub und Spinnenweben, diese landen dann nicht auf meinem Kopf. Viel sauberer kommen wir an Kehrtagen trotzdem nicht in den Betrieb zurück (lacht).

 Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen? 

In meiner Familie gab es einen Schornsteinfegerbetrieb, dort habe ich während der Schule ein Praktikum gemach. Auch mein Vater meinte, der Beruf wäre richtig für mich. Und er hatte recht. 1992 habe ich dann einen Ausbildungsplatz bei Ludwig Hemmen in Aschendorf bekommen, 1999 folgte die Meisterschule, seit 2012 bin ich selbstständig.

 Schornsteinfeger haben in den vergangenen Jahren deutlich mehr Aufgaben bekommen. Welche sind das alle? 

Die Energieberatung ist in den vergangenen zehn Jahren definitiv wichtiger geworden, auch im Zuge der Kostensteigerung bei Brennmaterialien und schärferen gesetzlichen Regelungen. Wir beraten die Hausbesitzer, wie sie effektiv heizen und CO2 einsparen können. Zuletzt war auch das Thema Rauchwarnmelder, die ja schrittweise zur Pflicht geworden sind, ein großes. Oder auch der Bereich Kaminöfen, die immer häufiger in Wohnzimmern errichtet werden und bei denen sich viel getan hat. Sowohl bei Heizungen, als auch bei Öfen geht es um Sicherheit, also um den Austritt von Gas oder Kohlenmonoxid. Wir sind also Dienstleister rund um das Thema Kamin und Heizung. Dazu bilden wir uns auch sehr regelmäßig fort.

 Welche Trends gibt es bei Kaminöfen denn? 

Pelletöfen zum Beispiel. Die kennen viele nur als Heizung im Keller, sie gibt es inzwischen aber auch fürs Wohnzimmer. Die Pellettöfen haben eine kleine integrierte Lagerkammer für Holzpeletts, die dann Säckeweise befüllt werden kann. Das ist für Hausbesitzer, die Wert auf „Smart Home“ legen, interessant. Die Öfen lassen sich nämlich per App und einer elektronischen Zündung von auswärts steuern. Ich teile dem Ofen also mit, wann ich zu Hause bin, und er brennt dann schon.

 Sie wohnen in Rhede, ihr Kehrbezirk befindet sich aber auf dem Hümmling. Wie kam es dazu? 

Die Kehrbezirke werden alle sieben Jahre vom Landkreis als Aufsichtsbehörde ausgeschrieben. Darauf kann sich ein ausgebildeter Schornsteinfeger bewerben. Sie werden dann anhand einer Matrix bewertet und zu einem Fachgespräch geladen. Grundvoraussetzung für eine Bewerbung ist der Nachweis von regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen. Den Bezirk, der etwa 2900 Haushalte in Esterwegen, Hilkenbrook, Lorup und Rastdorf umfasst, betreue ich mit einem Gesellen und einem Auszubildenden, meine Frau unterstützt mich bei der Büroarbeit. Ich bin seit mehr als 20 Jahren in dem Bezirk unterwegs, erst als Angestellter, jetzt als Selbstständiger.

 Mussten Sie eigentlich schon einmal einen Kaminofen stilllegen? 

Das kommt schon mal vor. Entweder aus brandschutzrechtlichen Gründen oder momentan aktuell wegen der Bundesimmissionsschutzverordnung mit der Begrenzung von Feinstaubausstoß. Bei Gesetzesänderungen gibt es lange Vorlaufzeiten. Bis Ende 2017 müssen beispielsweise Öfen mit Baujahr bis einschließlich 1984 ausgetauscht sein. Darüber haben wir die Kunden seit 2012 informiert. Es gibt aber auch einige Ausnahmen, zum Beispiel historische Öfen, die vor 1950 hergestellt wurden, oder solche, die als einzige Wärmequelle im Haus dienen. Ob sich eine Nachrüstung mit einem Feinstaubfilter lohnt, muss im Einzelfall geprüft werden.

 Müssen Sie bei Ihrer Arbeit eigentlich täglich auf ein Dach steigen? 

Das wird weniger, weil bei neueren Gebäuden die Öffnung des Kamins in der Regel im Keller oder auf dem Dachboden eingebaut wird. Bei älteren Gebäuden ist es in der Regel noch so, dass von oben gekehrt wird. Dann müssen allerdings Schutzvorrichtungen für uns, zum Beispiel Stufen, vorhanden sein. Wir dürfen aus Arbeitsschutzgründen nicht ohne weiteres regelmäßig ein Dach besteigen.

 Wenn ein Hausbesitzer sagt, ein Schornsteinfeger ist Unsinn und kostet nur Geld, was sagen Sie dem? 

Dem würde ich zum Beispiel erzählen, wie schnell es zu einem Rußbrand in einem Schornstein kommen kann und welche immensen Schäden so ein Brand verursachen kann. Ein Schornstein zieht sich ja meist quer durchs Haus, das heißt, es werden meist mehrere Räume beschädigt. Auch das Thema Sicherheit wird oft unterschätzt. Ich hatte erst vor kurzem den Fall, dass ein Fachbetrieb eine Heizung falsch an einen Schornstein angeschlossen hat und Kohlenmonoxid über die Lüftungsanlage ins Haus strömte. Erstaunlich ist auch, wie massiv Vogelnester sein können. Die Vögel werfen ja nicht nur Äste, sondern oft auch Sand in den Schornstein. Dies alles kann lebensgefährlich sein. Das Kehren kann im Streitfall deshalb auch zwangsweise durchgesetzt werden, über den Landkreis mit Polizei und Schlüsseldienst. Das ist in meinem Bezirk bisher aber noch nicht passiert.

 Gibt es ein besonderes Glückserlebnis, welches Sie vielleicht nie vergessen werden? 

Auf einer Hochzeit wurde ich einmal zum Spalier stehen gebeten. Im Moment der Trauung in der Kirche gab es ein heftiges Gewitter, es hat aus Eimern geregnet. Das Spalierstehen drohte also auszufallen. Nach fast einer Stunde strömenden Regen öffnete sich dann aber die Wolkendecke, die Sonne kam heraus und eine Minute später ging die Kirchentür auf, das Brautpaar kam nach draußen und konnte bei strahlendem Sonnenschein die Glückwünsche der Gäste und natürlich von ihrem Schornsteinfeger entgegennehmen. Wenn das kein Glück war (schmunzelt).