Moralische Superlative Alize Zandwijk zeigt in Bremen „Golden Heart“

Von Rolf Stein | 15.01.2017, 20:28 Uhr

Gutes tun, Gutes tun, man kann so viel Gutes tun“, sang einst Funny van Dannen – und hatte fraglos recht damit. Wahrscheinlich ist es auch deshalb nicht schwer, Gutes zu tun, weil Gutes an und für sich genommen keine Bezugsgröße hat, eine bis zur Inhaltslosigkeit aufgeblähte Abstraktion ist. Weshalb sich bei van Dannen „Bewusster Atmen, gesunde Sachen essen“ auf „Mit Nazis diskutieren, die Mutter nicht vergessen“ reimt.

Genau deshalb aber ist Gutes tun dann doch wieder knifflig, wie „Golden Heart“, das Alize Zandwijk mit Tänzern und Schauspielern des Bremer Theaters sowie der Musikerin Maartje Teussink nach Motiven der gleichnamigen Film-Trilogie Lars von Triers entwickelt hat, zeigt. Zu jener Trilogie zählt unter anderem „Dancer In The Dark“, in dem sich die erblindende Selma (gespielt von Björk) für ihren Sohn aufopfert, dem sie das gleiche Schicksal ersparen will. Wobei sie in geradezu klassischer Tragik scheitert.

Selbstlosigkeit als zentrales Motiv

Der Altruismus, also die Selbstlosigkeit, ist das zentrale Motiv dieses Abends, der immer wieder aufwühlende Szenen bietet – allen voran die pflegende Sysiphos-Arbeit Robin Sondermanns am hinfälligen Guido Gallmann, der im Minutentakt auf die Toilette gebracht werden muss. Frappierend dabei, was Zandwijk aus ihren Darstellern herauszuholen imstande ist.

Mitreißende Darstellungen

Neben dem berührenden Duo Sondermann/Gallmann wäre da auch Nadine Geyersbach zu erwähnen, die wir vielleicht noch nie so fragil gesehen haben. Aber auch auf den anderen Positionen dieses interdisziplinären Bilderreigens zwischen Sprechtheater und Tanz sind hier mitreißende Darstellungen zu sehen, denen Maartje Teussink eine bisweilen recht gefühlige Grundierung verleiht.

Darstellerisch anregender Abend, der auch irritieren kann

Insofern ein formal und darstellerisch anregender Abend. Und doch: Er kann auch irritieren. Weil die Beschäftigung mit den moralischen Superlativen, die schon Leitgedanke in Zandwijks Beschäftigung mit Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ war, wie es nämlich möglich wäre, ein guter Mensch zu sein, sich in „Golden Heart“ noch viel weniger dafür interessiert, welcher Art denn eine Gesellschaft ist, die offenbar regelmäßig die Notstände hervorbringt, die so viel Altruismus erst erfordern.

Fatalistisches „Muss ja“, versinnbildlicht sich in Bergen von Wäsche

Spielt man Brecht, kommt man natürlich nicht um diese Fragen herum. „Golden Heart“ erschöpft sich auf der theoretischen Ebene in einem fatalistischen „Muss ja“, das sich in den Bergen von Wäsche auf der Bühne versinnbildlicht: Auch wenn man nie mit dem Schmutz fertig werden wird – waschen wird man sie ja dennoch.