Dritter Prozesstag in Aurich Hatzumer Entführungsfall: Reeder wurde schon 2015 bedroht

Von Martina Ricken, Martina Ricken | 15.11.2016, 16:43 Uhr

Die Entführung eines Reeders am 19. April in Ostfriesland und seine Verschleppung in eine Ferienwohnung in Hatzum waren von langer Hand vorbereitet. Das wurde am dritten Prozesstag am Landgericht Aurich deutlich.

Bereits Mitte März soll der 38-jährige Angeklagte gemeinsam mit anderen mutmaßlichen Mittätern das Opfer an seinem Wohnort in der Gemeinde Detern ausgespäht haben. Einem Nachbarn kamen die herumlungernden Gestalten merkwürdig vor, deshalb fotografierte er sie heimlich. Dass diese Fotos relevant werden könnten, stellte sich erst später heraus. Das war eines der Puzzlestücke, das gestern am dritten Verhandlungstag im Prozess vor dem Landgericht Aurich durch die Vernehmung des Ermittlungsführers der Polizeiinspektion Leer/Emden zutage trat.

Überhaupt war es ein gutes Stück Puzzlearbeit, das die Ermittlungen schnell zu einem Erfolg und drei Polen aus Dortmund und eine 90-jährige Iserlohnerin auf die Anklagebank führen sollten. Initiator der Entführung soll der 67-jährige Sohn der Seniorin, ein ehemaliger Geschäftspartner des Opfers gewesen sein. Das Verfahren gegen den 67-Jährigen ist wegen einer Erkrankung abgetrennt worden.

Schon früher 600.000 Euro gefordert

Der Verdacht fiel schnell auf ihn, denn er hatte schon in der Vergangenheit 600.000 Euro von dem Reeder gefordert, die dieser dem Iserlohner angeblich schulden sollte. „2015 kam es schon einmal zu einer Bedrohung durch drei polnische Mitbürger“, teilte der Kriminalbeamte mit. Als dann am 19. April der Geschäftsmann verschwand und eine Lösegeldforderung bei der Firma des Opfers in Leer einging, schrillten alle Alarmglocken. Die Polizei wurde sofort aktiv, bildete eine Ermittlungsgruppe, ließ den Iserlohner observieren, Telefongespräche wurden überwacht.

Dabei kam unter anderem heraus, dass das Lösegeld auf das Konto der 90-Jährigen überwiesen werden sollte. In den mitgehörten Telefonaten mit ihrem Sohn ging es immer wieder darum, bei der Bank nachzufragen, ob das Geld eingegangen sei. Die Summe sollte gleich abgehoben werden. Aber die Bankmitarbeiter machten der Angeklagten klar, dass eine solche Summe vor der Auszahlung geordert werden müsse. Und das sei erst möglich, wenn das Geld auf das Konto eingegangen sei.

Ferienwohnung-Vermieter hilft Polizei

Der Aufmerksamkeit des Vermieters der Hatzumer Ferienwohnung, in der das Entführungsopfer festgehalten worden war, war es ebenfalls zu verdanken, dass die polizeilichen Ermittlungen schnell Früchte trugen. Ihm waren die polnischen Mieter ebenfalls merkwürdig vorgekommen. Er hatte ihre Autos fotografiert. Ein Audi mit Dortmunder Kennzeichen führte auf die Spur 41-jährigen Angeklagten. Er hatte das Fahrzeug des Vaters seiner Lebensgefährtin benutzt. Der zweite Pkw, ein Skoda mit polnischem Kennzeichen, stammte von einer Autovermietung in Polen. Es waren aus Polen angereiste Mittäter, die die Detailplanungen der Entführung ausarbeiteten. Sie gingen professionell und schlau vor, für die Polizei allerdings nicht schlau genug.

Durch eine fingierte Polizeikontrolle kam das Opfer in die Hände der Täter. Der Reeder befand sich am 19. April zwischen 8 und 8.30 Uhr auf dem Weg von Detern zum Arbeitsplatz nach Leer. Die Männer überholten das Opfer mit einem weißen Pkw, in dessen Heckscheibe ein Display mit der Aufschrift „Bitte folgen“ blinkte. Als der Leeraner anhielt, wurde er mit Handschellen gefesselt, seine Augen verbunden.

Mit Whisky ruhiggestellt

Im Versteck konnte sich das Opfer aussuchen, ob es mit Whisky oder LSD ruhiggestellt werden wollte. Der Leeraner entschied sich für Whisky. Einen klaren Kopf brauchte er am nächsten Tag, denn er sollte telefonisch gegenüber seinem Geschäftspartner noch einmal die Dringlichkeit der Lösegeld-Überweisung verdeutlichen. Um eine Ortung durch die Polizei zu erschweren, fuhren die Täter mit dem Leeraner zu einem eine Autostunde entfernten Ort.

Diese Maßnahmen nutzte den Angeklagten letztlich nichts. Allerdings konnten drei Tatverdächtige fliehen und sich vermutlich ins Ausland absetzen. Nach ihnen wird immer noch gefahndet.