2. Prozesstag am Landgericht Aurich: Entführung des Reeders im Fastfood-Restaurant geplant

Von Martina Ricken, Martina Ricken | 10.11.2016, 16:23 Uhr

Am zweiten Prozesstag zur Entführung eines Reeders in Ostfriesland hat der 40-jährige Angeklagte Details preisgegeben. So sollen Einzelheiten in einem Fastfood-Restaurant besprochen worden sein.

Der Anführer der Bande soll das geforderte Lösegeld auf eine Million Euro aufgestockt haben. Denn die Entführer seien mit dem Angebot einer Beteiligung von 20 Prozent nicht zufrieden gewesen. Der gesamte zweite Prozesstag um den Entführungsfall des Geschäftsmannes aus der Gemeinde Detern gehörte einem der drei Dortmunder Angeklagten. Der 40-jährige Pole gab gestern vor dem Landgericht Aurich alles preis, was er wusste.

Nur einer zog zwischendurch die Aufmerksamkeit auf sich. Ein 38-jähriger im Rollstuhl sitzender Mitangeklagter störte immer dann die Vernehmung, wenn von seiner Person die Rede war. „Der lügt. Der spinnt doch. Ich bezahle hier mit meiner Gesundheit. Und das soll Demokratie sein“, fuhr der 38-Jährige dem Mitangeklagten und Richter Jan Heinemeier mehrfach in die Parade. Erst als der Vorsitzende androhte, ihn aus dem Sitzungssaal entfernen zu lassen, war Ruhe. Das war auch gut so, denn was der 40-jährige Dortmunder zu erzählen hatte, war äußerst spannend. Zufällig hatte er den Mann, der die Entführung des Reeders initiiert haben soll, in einem Fastfood-Restaurant in Dortmund kennengelernt. Das Verfahren gegen diesen mutmaßlichen Drahtzieher, einem 67-jährigen Iserlohner, wurde abgetrennt, weil er wegen einer Erkrankung derzeit verhandlungsunfähig ist.

Auf Anhieb guter Kontakt

Der Iserlohner hatte an der Kasse des Restaurants Geld fallen lassen. Der 40-jährige Angeklagte hob es auf. „Es hat sofort gefunkt. Wir haben uns gut verstanden“, sagte der Angeklagte. Später sei der Iserlohner „wie ein Vater“ für ihn gewesen. Die Männer trafen sich einige Male im Monat immer in diesem Restaurant. Der Iserlohner erzählte von den Jahren, die er geschäftlich in arabischen Staaten verbracht hatte. Dort sei er von Geschäftspartnern ausgebootet worden. Auch in Deutschland sei er immer wieder mit miesen Tricks übers Ohr gehauen worden, soll der 67-Jährige dem Angeklagten erzählt haben.

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Die angeblichen Probleme mit dem Reeder aus der Gemeinde Detern, so hatte der 67-Jährige dem Angeklagten berichtet, sollten durch Anwälte beigelegt werden. Doch kurz vor Weihnachten sei klar gewesen, dass sich auch hier keine Geldquelle für den Iserlohner auftat. „Er war enttäuscht, verzweifelt“, berichtete der Angeklagte. Der Iserlohner habe ihn gefragt, ob er nicht Leute kenne, die das übernehmen könnten. Der Angeklagte nahm Kontakt zum 41-jährigen Mitangeklagten auf. Die beiden Männer trafen sich regelmäßig im Fitness-Studio.

„Profis“ in Polen kontaktiert

Dann kam eine Kontaktkette in Gang, die auf ein regelrechtes Netzwerk schließen lässt. Der 41-Jährige brachte zu einem gemeinsamen Treffen den mitangeklagten Rollstuhlfahrer mit, der wiederum kontaktierte „Profis“ aus seinem Heimatland Polen. Fortan nahm einer dieser Polen das Zepter in die Hand. Nach ihm wird ebenso wie nach zwei weiteren aus Polen angereisten Tatverdächtigen immer noch gefahndet.

Auf mehreren Treffen, stets im selben Fastfood-Restaurant, wurden Pläne ausgearbeitet. Der Iserlohner erstellte eine Liste mit infrage kommenden Ferienwohnungen, rief die Vermieter an und fragte nach Verfügbarkeit. Billig, ohne Nachbarschaft und direkt anfahrbar musste die Unterkunft für vier Personen sein. Ein solches Ferienhaus wurde schließlich in Hatzum angemietet, das Entführungsopfer dort festgehalten.

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Doch der 40-Jährige, der nach seinen Angaben als Übersetzer und “Laufbursche„ tätig war und Prepaid-Handykarten besorgte, hatte damit nichts zu tun. Auch die Details der Entführung wurden nach seiner Einlassung in Polen geplant. Als Polizisten verkleidet stoppten die Entführer das Opfer am Morgen des 19. April und verschleppten es nach Hatzum.

Ursprünglich weniger Lösegeld geplant

Der Iserlohner, so der 40-Jährige weiter, habe eigentlich nur eine Summe zwischen 400.000 und 600.000 Euro fordern wollen. Es sei der polnische Bandenführer gewesen, der die Summe auf eine Million aufstockte. Denn mit einer Beteiligung von 20 Prozent, die der Iserlohner den Entführern angeboten haben soll, seien sie nicht zufrieden gewesen.

Der Prozess wird am 14. November fortgesetzt.