Mecklenburg-Vorpommern Binz: Im Bann der alten Diven

Von Ekkehart Eichler | 19.08.2021, 08:00 Uhr

Nirgendwo sonst auf der Insel Rügen gibt es so viele Bäderarchitektur-Juwelen wie im Ostseebad Stippvisite an einer Perlenkette.

„Was dabei herauskommt, wenn Mann und Frau sich nicht einigen können, sehen Sie hier“, lenkt Günther Koberstein den Blick auf das Dach einer weißen Schönheit an der Binzer Strandpromenade auf Rügen. Dort oben nämlich räkelt sich eine nicht besonders liebreizende Sirene. Ihre Oberarme sind recht kräftig, ihre Züge seltsam maskulin. Die Erklärung: „Besitzer Meier hatte zunächst einen Poseidon mit Vollbart und Dreizack in Auftrag gegeben. Seine Frau hingegen ordnete beim Bildhauer eine Geschlechtsumwandlung an. Der Bart musste ab, ein Busen kam dran. Und so wurde aus Neptun schließlich eine Nixe.“

Sorrent des Nordens

So geschehen im Jahre 1912, als aus dem winzigen Fischerdorf Binz in rasantem Tempo bereits das „Sorrent des Nordens“ geworden war. Mit Kurhaus und Seebrücke. Mit Herren- und Damenbad. Und einem Mondän-Flair, das die Prominenz aus Adel und Wirtschaft, Kunst und Kultur in vollen Zügen genießt: Im Kurhaussaal trifft man sich zu rauschenden Ballnächten, in der Kakadu-Bar zu legendären Partys. Architektonischer Ausdruck des Booms: Die Bäderarchitektur hält Einzug in großem Stil. An der Strandpromenade und im Ortskern entstehen funkelnde Perlenketten von Villen, die auf den ersten Blick wie aus einem Guss wirken.

Doch weit gefehlt. Wie es bei Diven nicht unüblich ist, hat jede eigenen Charakter und spezifischen Charme. Je nach Wünschen und Vorlieben des Bauherrn trägt die alte Dame mal Kleider aus Renaissance und Barock, mal aus Klassizismus und Gründerzeit, hin und wieder sogar ein Fachwerk-Korsett. Sie schmückt sich antik mit Tempelportalen und Säulen, mag aber auch dreieckige Giebel und auffällige Erker. Ihre Fensteraugen können exotisch gotisch sein, aber auch jugendstil-stylisch oder bulläugig-maritim. Als Hingucker-Vorbauten liebt sie Holzloggien mit filigranen Schnitz- oder Metallarbeiten und auf dem Kopf – mal spitz, mal rund – kecke Hüte aus Türmchen oder Dachreitern. Sie kommt daher in alpenländischer Tracht, in nordischem Gewand und sogar in russischem Pelz. Kurzum eine ganz und gar irre Show-Truppe, die da unter dem Namen Bäderarchitektur aufläuft. „Das ist eben keine eigenständige Kunst- oder Stilgattung“, stellt auch Gästeführer Koberstein nachdrücklich klar, „gerade im Mix der Stile und Epochen liegt der spezifische Reiz dieser Baukunst.“

Aufwändig restauriert

Herausragende Beispiele der Binzer Bäderarchitektur sind heute bei individuellen und geführten Spaziergängen durch den Ort zu bewundern: Hotel Granitz und Haus Sanssouci. Grandhotel und Strandhalle. Haus Königseck und Villa Sturmvogel. Haus Colmsee und Villa niXe. Haus Klünder und Villa Baltic. Dünenhaus und Villa Quisisana. Und so weiter und so fort. In Binz lassen sich mehrere Dutzend Bädervillen und historische Logierhäuser bewundern, die nach 1990 allesamt aufwändig restauriert wurden und heute bildschön wie einst zu Kaisers Zeiten erstrahlen. Zum Beispiel die „Villa Salve“ von 1889. Ein traditionsreiches Haus, im dem schon Helmut Kohl, Angela Merkel oder das norwegische Kronprinzenpaar stilvoll residierten. Das Hotel im italienischen Neorenaissance-Stil mit Aphrodite am Dachfirst und Löwenskulpturen am Eingangsrondell blickt zurück auf eine bewegte Geschichte, etwa als Tagungsort einer Freimaurer-Loge, als Kindersanatorium und als Kindergarten.

Mehr Informationen:

Infos: BäderarchitekturKostenlose Bäderarchitektur-Führungen mit Anmeldung in der Kurverwaltung Binz:Haus des Gastes 038393 148148, www.binzer-bucht.de;Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, 0381 4030550, www.auf-nach-mv.de;Übernachten (zum Beispiel): www.travel-charme.com

Die malerische „Villa Haiderose“ an der Binzer Promenade wiederum ist ein Jugendstilbau, der heute als Fünf-Sterne-Appartement-Haus Gäste empfängt. Die „Haiderose“ besticht mit üppigen Holzschnitzereien an den Veranden und einem schmiedeeisernen Jugendstil-Balkon, der noch original erhalten ist. Wie es zur eigenwilligen Namensgebung kam, liegt bis heute im Dunkeln. Sicher ist nur, dass sich ein Förster aus Ostpreußen 1896 das Haus direkt ans Strandufer bauen ließ.

Kurhaus Binz: Ein Schmuckstück

Platzhirsch unter all den Binzer Bäderarchitektur-Ikonen aber ist zweifellos das Kurhaus. „Wir sind das meistfotografierte Haus in Mecklenburg-Vorpommern“, ist sich Oliver Gut absolut sicher. Täglich sieht er Heerscharen von Urlaubern vorbeiflanieren und die Kameras zücken, „selbst nachts stehen manche mit Stativen und Riesenrohren auf der Seebrücke für den ultimativen Schuss.“ Abertausende Fotos landen anschließend in Internet und sozialen Medien, „und auch unsere Gäste versorgen uns ausgesprochen reichhaltig mit Bildmaterial“, schmunzelt der Direktor des Travel Charme Kurhauses Binz, das als Wahrzeichen und Blickfang an Promenade und Seebrücke keinerlei Konkurrenz fürchten muss.

Ein Schmuckstück aber ist es auch in der Tat – diese Ikone der Bäderarchitektur, die wie kein anderes Haus in Binz mit der Geschichte des Ostseebades verwoben ist und vor einigen Jahren einer millionenschweren Schönheitskur unterzogen wurde. In den Mauern des Prachtbaus mit seinen zwei Fronttürmen, die sowohl vom Strand als auch von der Seeseite als markante Landmarken weithin sichtbar sind, geht man auf Zeitreise zurück ins Kaiserreich. Spürt Glanz und Rausch der goldenen 20er Jahre. Atmet Tradition und Flair in jedem Winkel des weitläufigen Ensembles.

Ein echter Knüller fürs Auge zum Beispiel sind die vielen großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien aus alten Zeiten. Ob in Atrium oder Zimmerfluren – Stunden könnte man hier verbringen mit Impressionen von einstigem Sommerspaß und in Gesellschaft hübscher Frauen, die kokett mit der Kamera flirten, in züchtigen Kostümen dem sittsamen Bade frönen oder kecke Choreographien am Strand hinlegen. Und wem das eine oder andere Motiv besonders gut gefällt, kann es über den Hotelservice sogar kaufen.