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Interview mit Andreas Busemann, Geschäftsführer des Zoos Osnabrück Mit "Rüssel voraus" richtig Gas geben

04.12.2020, 08:06 Uhr

Große Projekte, schwere Zeiten: Zoo-Geschäftsführer Andreas Busemann ist derzeit auf vielen Baustellen unterwegs. Auf der einen Seite muss er Projekte wie den geplanten Ausbau der Elefantenanlage vorantreiben, auf der anderen Seite belasten fehlende Besuchereinnahmen durch den zweiten Lockdown die Kassen. Im Interview berichtet er allerdings auch davon, dass das Erschließen von neuen Geschäftsfeldern großen Spaß macht.

Herr Busemann, was macht der Geschäftsführer eines Zoos, wenn der Zoo wegen einer Pandemie geschlossen ist?

Wir sind gerade gefordert – nicht nur in der Geschäftsführung, sondern überall. So komisch das klingt, aber gerade jetzt läuft die Verwaltung auf Hochtouren. Irgendwie müssen wir versuchen, die Einnahmeverluste zu kompensieren, die die Corona-bedingte Schließung mit sich bringen.

Alleine an Futterkosten sollen rund 400.000 Euro pro Monat anfallen. Wie bringen Sie das Geld auf, ohne jede Einnahme durch die Besucher?

Es sind nicht nur Futterkosten. Tierarzt, Pfleger, Energie zählen auch dazu. Das Futter natürlich auch. Aber die Tiere kosten uns jeden Monat 400.000 Euro, das ist korrekt. Der erste Lockdown im Frühjahr hat uns vollkommen unerwartet getroffen. Da standen wir vor dem Graben, wussten nicht, wie tief er ist und wie wir ans andere Ende kommen sollten. Der Lockdown traf uns zur besten Saisonzeit, gerade, als die Besucherzahlen wieder angezogen wären. Wir haben dann schnell die Idee einer Spendenaktion entwickelt, die auch außerordentlich gut gelaufen ist. In dieser Form hätten wir das nicht erwartet. Es gibt viele Menschen in der Region, denen der Zoo am Herzen liegt. Das hat uns alle auch sehr aufgebaut. Durch diese Spendenaktion sind einige Dominosteine umgeworfen worden.

Zum Beispiel: Wir haben einen Unterstützerkreis von rund 200 Sponsoren, die uns dauerhaft begleiten. Diesen Kreis haben wir in rund 20 Jahren aufgebaut. Diese Partner kommen aus unterschiedlichsten Bereichen, darunter sind ebenso kleine wie große Unternehmen. Dieses Netzwerk haben wir um Unterstützung gebeten, beispielsweise haben wir gemeinsam mit der Firma Kinnius die Idee einer „Retterwurst“ entwickelt. Diese Produkte konnten wir durch gute Verbindungen in einigen Edeka-Märkten platzieren. Aus anfangs drei oder vier Märkten wurden 40 Märkte, die die „Retterwürste“ verkauft haben. Daraus konnten wir innerhalb weniger Wochen einen erstaunlichen Reinerlös für den Zoo erwirtschaften. Dieses Netzwerk wollen wir noch stärker nutzen, professioneller werden. Im Zuge des ersten Lockdowns haben wir auch Merchandise-Artikel entworfen: Retter-T-Shirts, -Masken, -Kappen. Diese Artikel sind auch sehr gut gelaufen. Auch diesen Bereich wollen wir noch intensiver nutzen, um die Tierhaltung noch weiter zu optimieren. Dadurch, dass wir durch die öffentliche Hand nicht so intensiv unterstützt werden wie andere Zoos, müssen wir uns alternative Wege erschließen.

Wie sieht es aktuell, in der Phase des zweiten Lockdowns,aus?

Der zweite Lockdown hat uns nicht mehr so überraschend getroffen. Allerdings war uns auch klar, dass wir nicht den Plan des ersten Lockdowns wie eine Blaupause aus der Schublade ziehen konnten. Eine zweite Spendenaktion, außerhalb der Hauptsaison – das ist schwer zu transportieren. Allerdings ist auch das Loch, zumindest bis Ende des Jahres, nicht so groß wie beim ersten Lockdown. Jetzt haben wir etwas größere finanzielle Unterstützung durch öffentliche Gelder, allerdings sind wir auch weiterhin auf Spenden angewiesen. Das ist alternativlos. Die Spendengelder, die wir bis Ende 2020 einnehmen, werden durch die Stadt Osnabrück verdoppelt. Das hilft uns enorm. Wir sind aber dennoch dabei, einen Spagat hinzulegen: Auf der einen Seite sind wir auf Mittel angewiesen, um über die Zeit der Schließung zu kommen. Auf der anderen Seite wollen und müssen wir aber den Zoo auch weiterentwickeln. Mit der „Rüssel voraus“-Aktion wollen wir jetzt richtig Gas geben, um den Ausbau der Elefantenanlage zu ermöglichen. Die Spendenbereitschaft müssen wir jetzt in die Vertriebskanäle bekommen: Pralinen, Schokolade, Puzzle oder Kaffee, auch Produkte für das Ostergeschäft, das sind Produkte für feste Verkaufsflächen. Auch eine eigene Modelinie, die das „Rüssel voraus“-Logo trägt, ist in der Entwicklung. Viele Produkte sollen auch für den Einzelhandel lukrativ sein – die Händler sollen davon auch profitieren und Einnahmen generieren. Demnächst kommt beispielsweise ein „Elefanten-Dünger“ auf den Markt, bei dem pro verkaufter Packung fünf Euro an den Zoo gehen. Das macht großen Spaß, dieses für uns relativ neue Feld zu beackern. Und all das geschieht allein zu dem Zweck, dass wir unseren Zoo noch schöner gestalten und noch besser für die Tiere machen zu können.

Welche Szenarien haben Sie für die Zeit nach dem Lockdown in der Schublade?

Wir gehen von einem „Real-Case-Scenario“ aus: Schließung bis März. Das ist dann vielleicht noch nicht die Zeit der massiven Besucherströme, die uns bis dahin fehlen, aber es wird bereits viel Umsatz mit dem Verkauf von Jahreskarten generiert. Da werden viele erst einmal abwartend reagieren – eine Jahreskarte für eine Zoo, der derzeit geschlossen ist, kauft auch nicht jeder. Da stellen sich auch existenzielle Fragen: Können wir Gehälter zahlen? Sind wir überhaupt überlebensfähig? Besteht Insolvenzgefahr? Das haben wir geklärt; bis März läuft bei uns alles gesichert weiter. Die Liquidität ist bei uns gegeben, allerdings würden uns dann Mittel für weitere Baumaßnahmen fehlen, das würde unsere Entwicklungsdynamik erheblich einbremsen. Selbst im „Worst-Worst-Worst-Case“ hätten wir noch einen Rettungsschirm aufgespannt, der uns über Wasser halten würde. Bis März kommen wir klar – danach muss es einfach weitergehen. Das betrifft aber nicht nur uns; wenn bis März der gesamte Wirtschaftsbereich nicht wieder ans Laufen kommt, dann kann man in großen Teilen den Schlüssel umdrehen.

Wie reagieren eigentlich die Tiere, wenn jetzt schon zum zweiten Mal in diesem Jahr über mehrere Wochen keine Besucher in den Zoo kommen?

Ich bin Kaufmann und kein Zoologe, deswegen kann ich da kein Expertenwissen vorweisen. Wenn ich durch den Zoo gehe, dann habe ich den Eindruck, dass das von Tierart zu Tierart unterschiedlich ist. Es gibt Tierarten – beispielsweise die Primaten –, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie die wenigen Menschen, die im Zoo sind, deutlicher wahrnehmen. Wenn ich mal abends in der Dunkelheit durch den Zoo jogge, dann gibt es Tiere wie die Hyänen, die laufen dann mit.

Bei den Elefanten und Nashörnern stehen Geburten unmittelbar bevor. Wie dicht sind Sie als Geschäftsführer bei solchen Geburten dabei, was bedeutet eine solche Geburt im Zoo für Sie persönlich?

Das ist eine tolle und bedeutende Sache. Das wird das erste Elefantenbaby, das hier im Zoo gezeugt wurde und das hier zur Welt kommen wird. Wir hatten ja bereits eine Elefantengeburt im Zoo, aber da kam die Elefantenkuh bereits trächtig zu uns. Auch die Nashorngeburt ist eine große Sache für uns. Die Kollegen haben diese Themen akribisch vorbereitet, sie haben sich so viele Gedanken gemacht, damit dann auch alles glatt läuft. Seit zig Jahren haben wir Nashörner, wir haben es noch nie geschafft, dass sie Nachwuchs bekommen, deswegen sind wir alle so glücklich, dass es jetzt zu klappen scheint. Wir haben zum Glück absolute Fachleute, die ein unglaubliches Wissen und Netzwerke in Breite und Tiefe besitzen und dieses Wissen jetzt einbringen können.

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