„Menge am Markt muss runter“ Milchkrise: Emotionale Debatte in Westoverledingen

Über Wege aus der Milchpreiskrise debattierten vor gut 100 Besuchern im Ihrhover Rathaussaal Arno Ulrichs, Christian Meyer, der Westoverledinger Bürgermeister Eberhard Lüpkes, Ottmar Ilchmann und Arnold Krämer (von links). Foto: Birgit WaterlohÜber Wege aus der Milchpreiskrise debattierten vor gut 100 Besuchern im Ihrhover Rathaussaal Arno Ulrichs, Christian Meyer, der Westoverledinger Bürgermeister Eberhard Lüpkes, Ottmar Ilchmann und Arnold Krämer (von links). Foto: Birgit Waterloh

Westoverledingen. Die Milchmenge am Markt muss runter. Nur so kommen die Milchviehhalter aus der Krise. Darin waren sich alle Teilnehmer der Diskussionsrunde mit Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) bei einer Podiumsdiskussion am Samstag in Ihrhove einig.

Über die Ursachen des Überangebotes und wie man erfolgreich gegensteuern kann, gingen die Meinungen der gut 100 Besucher im Rathaussaal Ihrhove hingegen auseinander. Die teilweise hitzig geführte Debatte zeigte, wie angespannt die Lage derzeit auf den Höfen ist.

Auf dem Podium hatten neben Meyer auch Arnold Krämer, Leiter der Bezirksstelle Emsland der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Ottmar Ilchmann, selbst Milchbauer und Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL), Platz genommen. Eingeladen hatten außer der ABL der Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Moderiert wurde die Veranstaltung von Arno Ulrichs, Geschäftsführer für Wirtschaftsförderung der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg.

Nach dem Wegfall der Quote hätten sich die Versprechungen vom boomenden Weltmarkt als Irrweg herausgestellt, stellte Ilchmann fest. Bereits in den vergangenen Jahren der Quote sei die Milchmenge langsam erhöht worden. Mit massiven Folgen: Seit 2009 habe die Milchmenge um 15 Prozent zugenommen. Gleichzeitig werde pro Liter nur noch die Hälfte bezahlt. Am schlimmsten betroffen seien aktuell diejenigen, die auf Anraten der Politik und Beratung gewachsen seien, so Ilchmann. Auch große und stark kreditfinanzierte Betriebe stünden mittlerweile vor dem Aus. „Die Politik hat die Krise ein Stück weit mit verursacht“, pflichtete Meyer ihm bei. Der Staat dürfe nicht mit Subventionen die Menge befeuern.

„Die Landwirte sind zu fleißig und zu gut“, meinte Krämer. Als Grund sieht er auch die enorme Produktivitätssteigerung. Für ihn führt der Weg aus der Krise nur über eine Verknappung des Angebotes, denn: „Was knapp ist, wird teurer“. Es könne nur eine marktwirtschaftliche Lösung geben, so Krämer. Dies bliebe jedoch nicht ohne Folgen: „Es werden Betriebe ausscheiden müssen“, sagte der Bezirksstellenleiter.

Dem widersprachen Meyer und Ilchmann, denn auf den verbleibenden Höfen würde die wegfallende Erzeugung mehr als wettgemacht. Meyer kämpft für eine europaweite Lösung und setzt sich für eine befristete Mengenreduzierung pro Betrieb ein. Dies will er durch finanzielle Anreize erreichen. Die niederländische Molkerei Campina habe mit dem sogenannten „Drosselbonus“ bereits gute Erfahrungen gemacht.

Ein generelles Problem bleibt den Milchbauern aber auch danach erhalten. Wenn Milch auf dem Weltmarkt abgesetzt werden muss, führt die Konkurrenz aus Ländern mit kostengünstigeren Strukturen dazu, dass dies die Preise auch auf dem heimischen Markt drückt. Nach einer ersten Linderung der Leidenslage durch politische Maßnahmen sehen die Experten hier verschiedene Ansatzmöglichkeiten. Dazu gehört der Aufbau von Markenprodukten.

Das sei in hiesigen Gebieten verpasst worden, machte Krämer mit Blick auf die vielfältigeren Angebote süddeutscher Molkereien deutlich. „Wir haben hier im Norden noch die Weidehaltung, die am ehesten den gesellschaftlichen Anforderungen entspricht“, sagte Ilchmann. Bisher habe man es allerdings versäumt, mit diesem Pfund zu wuchern. Ab Juli werde jetzt die Molkerei Ammerland Milch aus Weidehaltung auf den Markt bringen, was teilnehmenden Landwirten mehr Milchgeld in die Kassen spült.

Großer Unmut herrscht unter den Landwirten darüber, dass sie nicht frei am Markt agieren können. Statt nur abzuliefern und das „Restgeld“ zu empfangen müsse man zu einem vertragsgebundenem System der Preisfindung kommen. Das antiquierte Genossenschaftsrecht sowie Funktionsträger des Bauernverbandes im Ehrenamt der Molkereien sind vielen ein Dorn im Auge.

Die Milchmenge sei kurzfristig sehr schnell um die entscheidende Menge zu reduzieren, machte Ilchmann abschließend deutlich. „Wenn wir alle einen Gang zurückschalten, erreichen wir vielleicht auch wieder die Akzeptanz der Gesellschaft“, gab er zu bedenken. Nichtsdestotrotz rief er seine Berufskollegen dazu auf, noch einmal machtvoll an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf die prekäre Lage hinzuweisen. „Wir sind immer noch viel zu ruhig“, konstatierte er.


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