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Westerkappeln Die Puppe kriegt was auf die Ohren

28.07.2009, 22:00 Uhr

„Nein, nein, nein, ich will das nicht“, schreit der blonde Junge und haut mit seinen Händen auf Freds Ohren. Immer wieder. „Ja, das ist schon gut so, aber du musst die Hände zu einer Kuhle formen. So!“, zeigt Anja Mitchell dem Dreikäsehoch, wie er es richtig machen muss.

Jonas Gewohn versucht es noch mal: „Patsch, patsch“ klatschen seine Finger gegen Freds Gehör. „Mit der richtigen Haltung der Hand kann ein Kind einen Erwachsenen bewusstlos schlagen“, erläutert Carl Mitchell den Sinn dieser Übung. Doch keine Angst, heute ist alles nur Spiel. Und Fred ist kein Mensch, sondern eine Lernpuppe. An dieser können die Jungen und Mädchen der Wavesy-Selbstverteidigungsgruppe des THC üben, sich gegebenenfalls sogar gegen Erwachsene zu wehren.

Denn: „Sich selbst verteidigen kann jeder. Das ist ganz einfach“, weiß Anja Mitchell und wendet sich wieder an ihre Gruppe. Jetzt heißt es in der Badmintonhalle im Gartenkamp: „Vorsicht vor den Haien.“ Die Kinder müssen ein imaginäres Meer durchrobben, während einer Hai spielt und versucht, sie auf den Rücken zu rollen oder an den Knöcheln zurückzuziehen. Mist! Robbe Lisa hat es erwischt: Der Junge versucht sie umzudrehen. „Kämpf weiter, Lisa“, feuert Carl Mitchell sie an. Und tatsächlich: Das Mädchen sammelt all seine Kraft und zieht den Hai mit ans rettende Ufer. Sie strahlt.

Carl und Anja Mitchell sind schon seit Jahren Wavesy-Trainer. „Zuerst waren wir in der Quebec-Kaserne in Eversburg und haben da mit 40 Leuten trainiert“, erzählt Carl Mitchell, der vor 25 Jahren dort Soldat war und den Kontakt über einen früheren Arbeitskollegen hergestellt hat. „Die Kaserne wurde 2008 aufgelöst, und wir haben versucht, eine andere Trainingsmöglichkeit zu finden“, erinnert sich Anja Mitchell.

Das war nicht einfach, bis die 40-Jährige Werner Schröer, Vorsitzender des Turn- und Handballclubs (THC) Westerkappeln, ansprach. „Gut, versuchen wir es“, habe er damals zu dem Trainerehepaar gesagt und sich um die Hallenzeiten gekümmert. Seit August 2008 heißt es jetzt montags und freitags „Kiai“. Dann trainieren Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Mischung aus verschiedenen Kampfsportarten. Der Schrei gehört dazu und gibt den Tritten und Schlägen die nötige Durchsetzungskraft.

„Wavesy schafft Selbstbewusstsein, hält fit und beweglich und ist gut für die Koordination“, kennt Anja Mitchell die Vorzüge ihrer Sportart. „Und es ist schön zu wissen, dass man es nicht braucht“, fügt ihr Mann hinzu. Wie meint der 42-Jährige das denn? Ganz einfach: „Mit dem Wissen, sich im Notfall verteidigen zu können, strahlt man diese Selbstsicherheit aus. Das wirkt auf Angreifer abschreckend.“

Für die Steppkes steht eher der Spaß im Vordergrund: „Der Montag ist Jonas‘ Tag. Da freut er sich die ganze Woche drauf“, erzählt dessen Mutter Tanja Gewohn. Seit knapp zwei Jahren tobt sich der Achtjährige beim Wavesy aus. „Mittlerweile sind viele aus seiner Klasse dabei. Das macht ihm doppelt Spaß.“

Seine Mama hat der Grundschüler auch schon angesteckt. Sie trainiert mit den Erwachsenen: „Ich habe immer damit geliebäugelt, aber mich nie getraut. Jetzt denke ich, hätte ich das mal schon eher gemacht“, erzählt Tanja Gewohn lachend. „Selbstverteidigung ist nicht schwer. Und es ist nie zu spät, egal in welchem Alter“, kennt Anja Mitchell die Berührungsängste, die Erwachsene oft haben.

In der Halle geht es derweil weiter: „Ihr rollt euch jetzt der Reihe nach über die Matten zu Anja und tretet gegen das Kissen“, instruiert Carl Mitchell seine Schüler. Die Umsetzung gefällt dem Schwarzgurtträger noch nicht. Er stellt sich hinter den am Boden Liegenden und sagt ernst: „Wer nicht schnell genug ist, wird getreten.“ Die Kinder kreischen und kugeln sich blitzschnell auf die andere Seite. Natürlich tritt der Mann nicht zu, sondern stupst Langsame nur vorsichtig in die Seite. Trotzdem hat diese Übung ein Ziel: „Wenn ihr am Boden liegt und euch will jemand treten, könnt ihr euch so schützen.“ Jonas Gewohn lauscht aufmerksam. Dann ist der Knirps an der Reihe. Er rollt sich, springt auf und tritt zu: „Kiai!“ Weitere Informationen zur Wavesy-Gruppe beim THC gibt es bei Anja Mitchell, Telefon 05404/6422.