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Ein Geheimnis in zwei Familien Geschwister wussten 50 Jahre nichts voneinander

Von Burkhard Müller | 27.07.2012, 14:38 Uhr

Westerkappeln Der 20 Mai dieses Jahres war eigentlich ein Tag wie so viele im Leben von Hans-Jürgen Heemann Mit seiner Band „Joyride“ war der Keyboarder bei einem Schützenfest aufgetreten Dementsprechend geschafft war der Musiker am Abend in seine Wohnung gekommen Der Westerkappelner hätte wohl eine ruhige Nacht verbracht, wäre auf seinem Anrufbeantworter nicht eine Nachricht eingegangen

Dieser 20. Mai war– nur ein paar Kilometer entfernt in Ibbenbüren – für Monika Schildwächter ein aufregender Tag gewesen. Von ihrer Halbschwester hatte sie erfahren, dass ihr leiblicher Vater, den sie nie kennengelernt hatte, zwei Jahre vor ihr noch ein weiteres Kind gezeugt hatte. „Als ich den Namen meines Bruders wusste, habe ich erst einmal den Laptop angeschmissen“, sagt Monika Schildwächter und lächelt.

Schnell hatte sie die Telefonnummer ihres Halbbruders herausgefunden. Sie rief ihn an. Einmal, zweimal. Insgesamt fünf Mal. Doch niemand meldete sich. Also habe sie ein Glas Wein getrunken, sich ein Herz gefasst und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Es war das Gerät von Hans-Jürgen Heemann.

„Sie hat eigentlich gar nicht viel gesagt. Sie bat um Rückruf und sie erwähnte den Namen Günter Goldbeck“, erzählt Hans-Jürgen Heemann. Danach war er aufgewühlt. Denn der Westerkappelner kannte den Namen seines Vaters, obwohl auch er diesen nie persönlich kennengelernt hatte.

Günter Goldbeck hatte sich nie um seine beiden Kinder gekümmert. Hans-Jürgen und Monika wuchsen mit Stiefvätern auf. Ihr leiblicher Vater aber ließ sich in Borken nieder, heiratete, kam aber schon 1965 bei einem Motorradunfall ums Leben – neun (Hans-Jürgen Heemann) beziehungsweise sieben Jahre nach der Geburt seiner unehelichen Kinder.

Wie in den 1950er Jahren oft üblich, stand das öffentliche Ansehen über dem einer Familienzusammenführung. Nach und nach geriet Günter Goldbeck in Vergessenheit. Hans-Jürgen Heemann erfuhr als Teenager von seinem leiblichen Vater, Monika Schildwächter von ihm erst als 18-Jährige, also jeweils lange nach dessen Tod.

Am Morgen des 21. Mai rief Hans-Jürgen Heemann bei Monika Schildwächter zurück – aus dem Auto. Aufgeregt sei er gewesen, sagt Heemann. „,Ist es das, was ich immer gehofft habe?´, hat er gesagt“, erinnert sich Monika Schildwächter und schmunzelt beim Blick auf den an diesem Julitag neben ihr sitzenden Halbbruder. „Ich musste erst mal rechts ran fahren und mich beruhigen und habe gesagt, dass ich später zurückrufe“, sagt Heemann und lacht laut. Noch am gleichen Abend trafen sich die beiden Halbgeschwister das erste Mal.

Zumindest war es das erste wissentliche Treffen. Immerhin wohnten Hans-Jürgen Heemann (geboren 1956) und Monika Schildwächter (geboren 1958) nie weit auseinander und gingen früher in dieselbe Westerkappelner Diskothek. „Bewusst haben wir uns aber nie wahrgenommen“, sagt der ältere Bruder.

Als Hans-Jürgen Heemann im Mai bei Monika Schildwächter ankam, haben beide geweint und danach begonnen, sich ihren Werdegang, einfach ihr ganzes Leben, zu erzählen. Ein Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Dabei telefonieren die beiden seit diesem Tag fast täglich. „Wir haben uns sofort verstanden. Vielleicht, weil wir beide ein bisschen bekloppt sind, positiv versteht sich“, sagt Heemann. Diesmal müssen beide lachen.

„Ich habe mir immer einen großen Bruder gewünscht, nun habe ich einen“, freut sich Monika Schildwächter. Dennoch bleiben bei der ganzen Geschichte nicht nur positive Gefühle. Ihren Vater hätten sie gerne kennengelernt. Sein Grab hat sie einmal besucht, doch das sei das Grab eines Fremden gewesen. Auch, dass ihre Mutter nie mit ihr über den Vater gesprochen habe, hat Narben hinterlassen. Erst von ihrem Onkel habe sie– etwa ein Jahr, bevor sie Hans-Jürgen Heemann fand – den Namen ihres Vaters erfahren. Eine erste Suche nach etwaigen Geschwistern blieb erfolglos, da Günter Goldbeck zwar Monika Schildwächter, aber nie Hans-Jürgen Heemann als sein Kind anerkannt hatte.

Dennoch überwiegt für den ehemaligen Maschinenschlosser und die Friseurin eindeutig die Freude. „Er ist immer für mich da und weiß sofort, ob es mir gut geht oder nicht“, sagt Schildwächter, die bis vor einem Jahr in Mettingen wohnte, über die täglichen Telefonate. Diese werden erstmal nicht weniger, immerhin haben sich die beiden noch viel zu erzählen. „Außerdem hat er ja bald mehr Zeit, wenn die Schützenfestsaison aufhört“, sagt Monika Schildwächter. Dann können sich die beiden auch am Wochenende häufiger sehen. Und der Anrufbeantworter in Hans-Jürgen Heemanns Wohnung hat Pause.