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Beben miterlebt Westerkappelner helfen nach Erdbeben in Quito beim Wiederaufbau

Von Frank Klausmeyer, Frank Klausmeyer | 03.06.2016, 19:32 Uhr

Westerkappeln/Münster/Quito. Eigentlich wollten Henrik Bünemann und Paul Grünefeld nur ein bisschen von der Welt sehen. Doch die beiden jungen Männer aus Westerkappeln und Münster waren am 16. April nahe am Epizentrum des schweren Erdbebens in Ecuador. Jetzt helfen sie beim Wiederaufbau.

Plötzlich hatten sie den Boden unter den Füßen verloren. Um sie herum überall eingestürzte Häuser, Tote, Verletzte, ein riesiges Chaos. Mit einer Stärke von 7,8 gilt das Beben als eines der schwersten, die das südamerikanische Land in der jüngeren Geschichte erschüttert haben. Nach offiziellen Angaben kamen über 650 Menschen ums Leben, fast 28000 Kinder, Frauen und Männer wurden zum Teil schwer verletzt. Zigtausende haben ihr Dach über dem Kopf verloren.

Plötzlich im Inferno

Henrik Bünemann (19) und Paul Grünefeld (18) sind seit August 2015 in Ecuador, wo sie im Rahmen des „weltwärts“-Programms der deutschen Entsendeorganisation ICJA ein entwicklungspolitisches Freiwilligenjahr absolvieren. Am 16. April haben sie mit ein paar anderen deutschen Freiwilligen das Wochenende zum Surfen und Relaxen in Canoa verbracht. Das Badeparadies verwandelte sich binnen kürzester Zeit in ein Inferno.

In Schockstarre

Es ist Freitag 18.58 Uhr Ortszeit, als die Erde wankt. Die Freunde haben Glück im Unglück. Sie kommen gerade vom Strand. Kein Haus in der Nähe, alle bleiben unverletzt. „Im ersten Moment haben wir gar nicht verstanden, was vor sich ging. Wir hatten das Gefühl, die Sinne spielen uns einen Streich“, erzählt Henrik. Als die jungen Leute realisieren, was passiert ist, gehen ihnen tausend Sachen gleichzeitig durch den Kopf: Wo sind die anderen? Was sollen wir jetzt tun? Wohin sollen wir gehen? „Wir waren wie geistig gelähmt und brauchten einen Moment, um aus dieser Schockstarre aufzuwachen“, berichtet Paul.

Hilfe von Einwohnern

Vorbei an Trümmern und Toten finden sie Unterschlupf in einer nahe gelegenen Öko-Farm, bekommen vom Besitzer frisches Wasser und etwas zu essen. In der Nacht erschüttern schwere Nachbeben die Gegend.

Am nächsten Morgen kehren Paul, Henrik und die anderen nach Canoa zurück. „Mehr als 85 Prozent der Häuser sind nicht mehr bewohnbar“, schildert der Westerkappelner Abiturient die Lage. Hilfe von außen gibt es kaum. Die Einwohner suchen nach Verschütteten, bergen ihre Toten und retten Hab und Gut aus den Ruinen.

Willige Helfer

„Wir haben versucht zu helfen, wo wir konnten“, sagt Paul Grünefeld. Als freiwillige Helfer aus der Hauptstadt Quito Lebensmittel, Wasser und Medikamente mitbringen, unterstützen die Deutschen sie beim Verteilen.

Vier Tage nach dem Beben sind einige Zufahrtsstraßen endlich wieder frei. Henrik, Paul und die anderen Freiwilligen können zurück ins von größeren Schäden weitgehend verschont gebliebene Quito.

Den Menschen in Canoa fühlen sich die zwei jungen Männer durch die dramatischen Erlebnisse nicht nur eng verbunden, sie sind ihnen auch dankbar. „Wir sind unglaublich dankbar dafür, dass sie uns trotz dieser furchtbaren Lage geholfen haben. Viele waren bereit, ihre begrenzten Wasser- und Essensvorräte zu teilen, obwohl noch nicht klar war, wann Nachschub in die völlig abgeschnittene Region kommen würde“, betont Henrik.

Deshalb haben Paul und er sowie weitere deutsche Freiwillige beschlossen, beim Wiederaufbau zu helfen. Gemeinsam mit der ecuadorianischen Partnervereinigung der ICJA und der südamerikanischen Hilfsorganisation Techo haben sie ein Projekt ins Leben gerufen: Für Menschen in der Erdbebenregion, die durch das Beben ihr Zuhause verloren haben, sollen preiswerte, aber sichere Notunterkünfte errichtet werden.

Spenden für Notunterkünfte

„Während wir Spenden sammeln, von denen später die Baumaterialien finanziert werden, prüfen Mitarbeiter von Techo vor Ort, welche Familien die Hilfe am dringendsten benötigen“, erläutert Henrik Bünemann. Sobald genügend Geld da ist, wollen die deutschen Freiwilligen zurück an die Küste fahren, um dort beim Aufbau der kleinen Häuser zu helfen. „Die Spendengelder gehen zu 100 Prozent in den Wiederaufbau, unsere Reise- und Verpflegungskosten werden wir selber tragen“, versichern die Abiturienten.

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