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Angeklagter schweigt Vergewaltigungsprozess vor Schöffengericht Ibbenbüren

Von Frank Klausmeyer | 09.07.2014, 20:29 Uhr

Für den 31-Jährigen geht es in diesem Prozess um viel. Wenn sich die Anklage der Staatsanwaltschaft bestätigt, drohen dem Familienvater aus Osnabrück mindestens zwei Jahre Freiheitsstrafe. Doch ob er vergangenes Jahr tatsächlich eine damals 17-jährige Westerkappelnerin vergewaltigt hat, ob es – schlimm genug – nur einen Fall von sexueller Nötigung gab oder ob die junge Frau infolge ihres Alkoholrausches das Geschehen nur verzerrt in Erinnerung hat, blieb am ersten Verhandlungstag vor dem Schöffengericht Ibbenbüren offen.

Die Tat soll sich in den frühen Morgenstunden des 16. Februar 2013 ereignet haben. Die Westerkappelnerin hatte mit drei Freunden in der gemeinsamen Wohnung ihrer Mutter in den Geburtstag eines der Bekannten hineingefeiert. Die heute 19-Jährige räumte im Prozess ein, „relativ stark angetrunken“ gewesen zu sein. Dennoch könne sie sich an die Details des Übergriffs erinnern. „So etwas vergisst man nicht“, sagte die junge Frau.

Als ihre drei Bekannten weg waren, habe sie den Angeklagten mit ihrem Smartphone angechattet. „Ich hatte noch Lust etwas zu unternehmen.“ Den 31-Jährigen – ein seit 2007 in Deutschland lebender Türke – habe sie einige Zeit vorher in einer Osnabrücker Disco kennengelernt. Einige Mal hätten die beiden in der Folge auch etwas zusammen unternommen, wie den Besuch des Velper Schützenfestes oder eine Shopping-Tour nach Bremen. Dass der Angeklagte verheiratet ist und zwei kleine Kinder (4 und 6) hat, habe er nie erzählt. Außerdem habe er sich jünger ausgegeben als er tatsächlich ist. Mehr als eine freundschaftliche Bekanntschaft sei aber daraus nicht geworden. „Es gab nichts Körperliches“, versicherte die Westerkappelnerin.

In der besagten Nacht habe ihr Bekannter sie dann abgeholt. Beide seien zunächst nach Osnabrück ins „Sonnendeck“ – ein Tanzclub – gefahren. Doch schon nach kurzer Zeit wollte die Westerkappelnerin nach Hause. „Mir war kotzübel.“ Unterwegs habe sie sich zweimal übergeben.

In Westerkappeln angekommen, wollte sich die damals Minderjährige von ihrem Bekannten verabschieden. Dieser habe sie unbedingt „nach oben“ bringen wollen. Ihre Mutter sei nicht zu Hause gewesen. Als sie in der Wohnung waren, soll sie der Angeklagte bedrängt und den Wunsch nach Geschlechtsverkehr geäußert haben.

Als die junge Frau ihn bat zu gehen, wurde der Osnabrücker laut Anklage rabiat, schob die 17-Jährige in ihr Zimmer, begrapschte sie unsittlich, zog seine und ihre Hose herunter und versuchte in sie einzudringen. „Ich hab geschrien und gesagt, dass er aufhören soll.“

Mit der Behauptung, Kondome holen zu wollen, habe sie sich entfernen können. Doch an der Wohnungstür soll der 31-Jährige sie eingeholt, heftig an den Hals gepackt und ins Schlafzimmer zurückgedrückt haben. Dort habe er erneut versucht, sie zu vergewaltigen. Erst als sie gedroht habe, die Polizei zu rufen, habe der Mann von ihr abgelassen und sei gegangen. Sie habe anschließend zuerst einen Bekannten angerufen, der ihr wiederum riet, die Polizei zu verständigen.

Die Aussage der Westerkappelnerin wich in einem wesentlichen Punkt von ihren Angaben in der polizeilichen Vernehmung ab, die Grundlage der Anklage ist. Während sie seinerzeit erklärt hatte, der 31-Jährige sei in sie eingedrungen, sagte sie nun, dass sie dieses mit ihrer Hand habe abwehren können. Im Falle einer Verurteilung des 31-Jährigen könnte dies bei der Strafbemessung eine Rolle spielen.

Auf Antrag der Kreispolizeibehörde hat das Landeskriminalamt Kleidungsstücke und Abstriche von Opfer und Angeklagtem auf DNA-Spuren untersucht, die den Vergewaltigungsvorwurf hätten erhärten können. Es wurden dafür jedoch keine oder keine eindeutigen Befunde festgestellt. Dies bedeute aber im Umkehrschluss nicht zwangsläufig, dass es keinen Körperkontakt gab, stellte der Vorsitzende Richter zum Gutachten klar.

Fest steht aber wohl, dass die Westerkappelnerin zum Tatzeitpunkt ziemlich betrunken war. Ein Alkoholtest etwa eine Stunde nach den Vorkommnissen hatte einen Blutalkoholwert von 1,7 Promille ergeben. „Da können sich andere 17-Jährige an nichts mehr erinnern“, wunderte sich der Staatsanwalt. Ein Polizeibeamter, der am Tatort war, sagte hingegen aus, dass die Geschädigte ihm „vollkommen klar“ erschienen sei.

Der Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen. Er äußerte sich lediglich zu seinen persönlichen Verhältnissen. Ein als Zeuge geladener Freund des 31-Jährigen berichtete, dass dieser ihm am Morgen verzweifelt erzählt habe, dass er mit dem Mädchen geschlafen habe und diese für ihn grundlos die Polizei gerufen habe. Der Angeklagte und die damals 17-Jährige hätten sich zu dem Zeitpunkt schon eineinhalb Jahre gekannt. Die beiden hätten sich zunächst super verstanden. Sein Freund habe ihm erzählt, er habe schon mehrfach mit der Westerkappelnerin geschlafen. „Ich hatte keinen Zweifel, dass sie eine Beziehung hatten.“ Nach einer sechsmonatigen „Kontaktpause“, wie der Zeuge es bezeichnete, sei es dann im Februar 2013 zum Wiedersehen gekommen – offenbar eines der verhängnisvollen Art.

Das Urteil in dem Vergewaltigungsprozess wird für kommenden Dienstag erwartet. Zuvor sollen noch weitere Zeugen gehört werden.