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Nazi-Terror war 1945 nicht vorbei Bewegende Geschichte einer jüdischen Familie in Westerkappeln

Von Dietlind Ellerich

Neue Erkenntnisse ihrer Forschung zur jüdischen Familie Block trugen Gertrud Althoff aus Münster und Bernd Hammerschmidt (links) aus Lengerich auf Einladung des Kultur- und Heimatvereins im Ratssaal vor. Vorstandsmitglied Franz-Josef Schlie freute sich über die große Resonanz. Foto: Dietlind EllerichNeue Erkenntnisse ihrer Forschung zur jüdischen Familie Block trugen Gertrud Althoff aus Münster und Bernd Hammerschmidt (links) aus Lengerich auf Einladung des Kultur- und Heimatvereins im Ratssaal vor. Vorstandsmitglied Franz-Josef Schlie freute sich über die große Resonanz. Foto: Dietlind Ellerich

Westerkappeln. Mehr als 80 Gäste folgten am Mittwoch im Westerkappelner Ratssaal einem Vortrag über das Schicksal der Familie des jüdischen Tierarztes Dr. Feodor Block.

Es sei wichtig, die Erinnerung an das Unrecht wachzurufen, das jüdischen Mitbürgern inmitten von Westerkappeln in den 1930er Jahre geschehen sei, machte Franz-Josef Schlie, Vorstandsmitglied des Kultur- und Heimatvereins, deutlich. Lange seien diese Verbrechen und sogenannten Vergeltungsmaßnahmen, für die die Westerkappelner Bevölkerung damals Verständnis gehabt habe, verdrängt und totgeschwiegen worden, betonte Schlie. Umso mehr freute er sich, am Mittwochabend mit Gertrud Althoff aus Münster und Bernd Hammerschmidt aus Lengerich nicht nur zwei Referenten, denen das Thema ein Herzensanliegen ist, begrüßen zu können, sondern auch mehr als 80 Gäste.

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Bücher über jüdische Geschichte in Westerkappeln

Den Anfang machte Althoff, die sich schon vor Jahren mit Büchern über den jüdischen Friedhof und die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Westerkappeln einen Namen gemacht hat. Sie nahm nun die Mitglieder der Familie in den Fokus, die sich zum Teil schon vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 im niederländischen Deventer etabliert hatten.

Die Hoffnung von Feodor und Bernardine Blocks Tochter Hilde, dort gemeinsam mit Mann und Kind einen Neuanfang machen zu können, habe sich als Trugschluss erwiesen, weiß Althoff. Hilde und ihr Sohn Daniel wurden im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert, Ehemann Ewald und dessen Bruder Willi Rosenthal zur Zwangsarbeit in Oberschlesien ausselektiert.

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Falsche Angabe auf dem Stolperstein

Licht ins Dunkel brachte Althoff, was den Sterbeort von Ewald Rosenthal angeht. „In Buchenwald ist er nie gewesen“, wies sie darauf hin, dass die Angabe auf dem Stolperstein vor dem Rheiner Gymnasium, in dem Rosenthal sein Abitur gemacht hatte, nicht stimmt. Vermutlich sei er schon nach wenigen Wochen in Laczki (Südostpolen) gestorben, glaubt sie. „Wir wussten es nicht besser“, regt sie an, die Angaben auf dem Stolperstein zu korrigieren.

Das Schicksal von Hildes Schwester Gertrud habe ihn in mehrfacher Hinsicht berührt, gab Bernd Hammerschmidt zu. Der Altersstudent an der WWU Münster hatte sich im Rahmen des Projektes „Flurgespräche“ mit Studenten und Wissenschaftlern beschäftigt, die während des Nationalsozialismus diskriminiert und verfolgt worden waren.

Vergebliche Bemühungen

Gertrud habe nach ihrem Medizinstudium Deutschland verlassen und seit 1937 mit ihrem Mann und später mit zwei Kindern in den USA gelebt. Sie habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ihre Familie aus Europa ausreisen könne, doch alle Bemühungen und Hoffnungen seien mit dem Ausreisestopp für jüdische Menschen aus Holland im Januar 1942 zunichte gemacht worden.

Auch wenn Gertrud Block den Naziterror überlebt habe, sei sie im Jahr 1960, als sie Selbstmord beging, letzten Endes doch an den Folgen gestorben, fuhr Hammerschmidt fort. „Für die beiden Kinder, die damals 19 und 17 Jahre alt waren, war das im doppelten Sinn ein harter Schlag“, weiß der Lengericher, dass die Tochter Jean im Alter von 41 Jahren an einer Überdosis von Medikamenten starb. Ob absichtlich oder nicht, wisse nicht einmal ihr Bruder Robert, mit dem Hammerschmidt in Kontakt steht.

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Wiedergutmachung erst nach dem Tod

Die Wiedergutmachung respektive finanzielle Entschädigung für das erlittene Unrecht beschreibt der pensionierte Lehrer als „gut gemeint, aber mit Haken“. Da den Opfern wegen ihrer Flucht wichtige Dokumente und oft auch Geld für den notwendigen Rechtsbeistand gefehlt hätten, seien viele leer ausgegangen. Obwohl Gertrud Block beides gehabt habe, seien letzte Zahlungen erst zwei Jahre nach ihrem Tod erfolgt.

Hammerschmidt legte ein Schreiben vor, in dem sie im Dezember 1957 erklärt habe, dass ihre Mutter wie jeder andere Jude unter Hitler Vermögensabgaben und Reichsfluchtsteuer gezahlt habe. Mit dem Hinweis an den „Herrn Regierungspräsidenten“ dass „Herr Hitler keine Quittung dafür gesandt habe“, schloss der Brief.

„Der Nazi-Terror war 1945 nicht zu Ende“, stellte Hammerschmidt nachdrücklich klar, dass sich die Schrecken bis in die nächsten Generationen fortsetzten, wie er aus seinem sehr persönlichen Austausch mit Blocks Sohn Robert weiß.