Noch jede Menge Konfliktstoff Bürger diskutieren über Tecklenburger Nordbahn


Westerkappeln. Über die Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn ist das letzte Wort noch nicht gesprochen – im Gegenteil: Das Thema wird weiter leidenschaftlich diskutiert. Zuletzt in Westerkappeln.

Vertreter von Regionalverkehr Münsterland (RVM) sowie des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr Münsterland (ZVM) gaben am Dienstagabend in der Aula des Westerkappelner Schulzentrums einen Einblick in den Stand der Planungen und stellten sich den Fragen der Bürger.

Nach dem aktuellen Konzept soll die Bahn von Recke nach Osnabrück halbstündig fahren. Eine Ausnahme bilden die Stationen Espel, Schlickelde und Büren-Kromschröder: Hier kann die Bahn aus technischen Gründen nur stündlich halten.

Diskussion um Buskonzept

Für Diskussionsstoff sorgte am Dienstag vor allem das ergänzende Buskonzept, das Michael Klüppels von der RVM vorstellte. „Die Linie S 10 wird nach dem Konzept eingestellt !“ – Dieser Äußerung folgte ein missbilligendes Raunen in den gut gefüllten Zuhörerreihen. Die Linie R 11 werde ab Wersen nach wie vor im 20-Minutentakt fahren. Zwischen Mettingen, Westerkappeln und Wersen solle zusätzlich ein Zubringerbus, die Linie R 10, eingesetzt werden. Die Besonderheit dabei: Ab Wersen wird die R 10 zur R 11, Fahrgäste könnten also weiter mit dem Bus nach Osnabrück durchfahren.

Die Gesamtkosten der Reaktivierung werden derzeit auf 35,2 Millionen Euro geschätzt. Finanziert werden soll das Ganze mit Landesmitteln, Voraussetzung dafür ist, dass das Projekt in den ÖPNV-Bedarfsplan NRW aufgenommen wird. „Letztlich ist es eine politische Entscheidung“, merkte Michael Geuckler, Geschäftsführer des ZVM, an.

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Zug ohne Mehrwert?

In der anschließenden Diskussion, moderiert von Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer, sparte das Publikum in der Westerkappelner Aula nicht an deutlicher Kritik. Bietet die Tecklenburger Nordbahn wirklich einen Mehrwert gegenüber den bestehenden Busverbindungen S 10 und R 11? „Wenn ich mit dem Zubringerbus zum Westerkappelner Bahnhof fahre, dort zehn Minuten auf den Zug warten muss und am Osnabrücker Bahnhof noch einmal auf einen Bus umsteige, um in die Innenstadt zu gelangen, dann nehme ich doch lieber gleich das Auto“, gab eine Zuhörerin zu bedenken.

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Viele weitere Fragesteller schlugen in die gleiche Kerbe: Bringt die Linie S 10 ihre Fahrgäste nicht schneller und unkomplizierter in die Innenstadt, als es der Zug könnte? Was ist mit Studenten, die zum Westerberg wollen – müssen sie in Eversburg-Büren auf den Bus umsteigen? Die Referenten konnten diese Argumente nur teilweise entkräften. „Wenn Sie vom Neumarkt ausgehen, dann ist der Bus wohl tatsächlich attraktiver“, musste Michael Geuckler eingestehen. Aber: „Es spielt sich ja nicht alles am Neumarkt ab. Es gibt ja auch noch den Altstadtbahnhof mit fußläufiger Verbindung zur Innenstadt.“ Darüber hinaus sei der Osnabrücker Bahnhof ein Drehkreuz zur Weiterreise mit dem Zug. Auch jetzt gebe es sicher Pendler, die von der S 10 nicht direkt bis zu ihrem Ziel gebracht würden.

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Zweifel an Zahlen

Andere Diskussionsteilnehmer zweifelten die in einem Gutachten von 2010/11 zugrunde gelegten Prognosen an. Von täglich 5600 Fahrgästen geht das Gutachten aus. Dies sei vollkommen unrealistisch angesichts der geringen Besiedlung der Strecke, wendeten einige ein. Geuckler wollte diese Zahl nicht weiter diskutieren. „Dies und Weiteres wird von den Gutachtern des Landes noch einmal hinterfragt werden. Wir werden darauf heute keine Antwort finden.“

In Bezug auf die Bahnübergänge äußerten einige Bürger die Sorge, dass es bei vier Zugfahrten in der Stunde zu Staus kommen könnte. Vor allem an der Heerstraße sei die Situation aufgrund der Supermärkte prekär. Ein Diskussionsteilnehmer appellierte direkt an die Bürgermeisterin: „Regen Sie mal ein Pilotprojekt an, sodass dort Ampeln aufgestellt werden, die die Zugfahrten simulieren. Dann sehen wir ja, wie sich das auf den Verkehr auswirkt.“

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Einzelfälle im Blick

Planer Johann Ubben von der Westfälischen Landeseisenbahn versuchte, die Bedenken abzuschwächen: „Wir reden hier von Schließzeiten von etwa 45 Sekunden. Wenn wir auf solche Probleme keine Lösungen finden könnten, dann könnten wir ja nirgendwo einen Bahnübergang betreiben, wo ein Lidl in unmittelbarer Nähe ist. Das ist machbar.“ Ähnlich optimistisch äußerte sich Ubben zu Verhandlungen mit den Landwirten an den zu schließenden Übergängen. „Wir werden für jeden Einzelfall zufriedenstellende Lösungen finden.“

Und ist es nicht ein Problem, wenn die Bahn mit teils 100 Kilometern pro Stunde durch besiedeltes Gebiet fährt, so wie etwa am Bürener Strotheweg? Auch hier, versicherte Ubben, werde man gründlich prüfen und alle Bestimmungen einhalten. Schutzmaßnahmen gegen Lärm und Erschütterungen würden für jeden Einzelfall berücksichtigt.

Viele verbleibende Detailfragen können erst in der weiteren Planung beantwortet werden. So konnten die Referenten beispielsweise keine klare Antwort auf die Frage geben, wo in Westerkappeln ausreichend Parkplätze für Pendler vorhanden seien.

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Eine Grundsatzfrage

Michael Geuckler machte deutlich, dass es bei der ganzen Sache auch ums Grundsätzliche gehe: „Wir müssen uns fragen, wie wir uns Mobilität in Zukunft vorstellen.“ Der Trend führe weg vom Individualverkehr. Gleichwohl sei noch vieles zu klären und die Reaktivierung längst nicht beschlossen.

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Annette Große-Heitmeyer schloss die Sitzung nach zweieinhalb Stunden mit einer Ermunterung zur weiteren Beteiligung am Planungsprozess: „Kritik und Anregungen können uns nur weiterbringen.“


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