In der Wersener Heide Eine sichere Heimat für Steinkauz und Kleines Habichtskraut

Von dpa


Westerkappeln. Seit 2005 stellt der Bund frühere Militärflächen für den Naturschutz zur Verfügung. Der größte Träger dieses nationalen Naturerbes ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die damit viele Naturschutzgebiete in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen betreut.

Norddeutsch-herb liegt der Nebel über der Wersener Heide, es ist kühl. Eine flache Heidelandschaft, ab und zu stehen kleinere Büsche und Bäume auf der Fläche. „Hier, sehen Sie“, sagt Jürgen Rost. Er ist Leiter des Bundesforstbetriebes Rhein-Weser in Münster. „Das Kleine Habichtskraut“, erklärt er und zeigt auf eine kleine gelbe Blume. Die meisten Spaziergänger wären daran achtlos vorübergegangen. Aber bei Rost, seinem Revierleiter Rainer Schmidt und Werner Wahmhoff, stellvertretenden Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, löst sie Begeisterung aus.

Wersener Heide war Truppenübungsplatz für die britische Rheinarmee

Früher sei das Kraut in Nordwestdeutschland an jedem Weg zu finden gewesen, erklärt Rost. Inzwischen sei das nicht mehr so, denn das Kleine Habichtskraut wächst auf nährstoffarmen, mageren Böden. Wegen der modernen Landwirtschaft gibt es aber kaum noch magere Böden, und damit habe das Kraut kaum noch einen natürlichen Lebensraum. Direkt neben dem Kleinen Habichtskraut steht Johanniskraut. Die beiden Pflanzen teilen das gleiche Schicksal.

Die Wersener Heide liegt zwischen Lotte und Westerkappeln sowie Bramsche. Sie war bis vor wenigen Jahren noch ein Truppenübungsplatz für die britische Rheinarmee. „An manchen Tagen konnte man die von den Panzern aufgewirbelten Staubwolken kilometerweit sehen“, sagt Wahmhoff, der in der Nähe wohnt. 2009 haben die letzten britischen Soldaten Osnabrück verlassen, und Panzer rollen schon seit 2006 keine mehr durchs Gelände.

Landschaft für Spielfilm aus dem 18. Jahrhundert

Was sich für den Laien prima anhört, ist aus Sicht des Naturschutzes ein Problem. Denn das Militär hatte ein Interesse daran, dass die Jahrhunderte alte offene Heidelandschaft erhalten blieb, erklärt Rost. Während sich ringsum die Landwirtschaft änderte und die Landschaft mit ihr – weil die Felder immer größer wurden und ärmer an Arten – sei auf den Militärflächen die Zeit stehen geblieben. „Wie unter einer Käseglocke hat die militärische Nutzung hier die Veränderung der Landschaft verhindert“, sagt Rost. Wer einen im 18. Jahrhundert spielenden Historienfilm drehen wolle, hätte hier die Landschaft dafür.

Seit dem Ende des Kalten Krieges benötigt das Militär deutlich weniger Flächen. Um die wertvollen Naturschutzgebiete zu erhalten, wurden seit 2005 viele Areale als Nationales Naturerbe in die Obhut von Stiftungen gegeben. Für den Löwenanteil zeichnet die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) verantwortlich. Am kommenden Freitag überträgt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Haltern weitere 23 Flächen an die Bundesstiftung, von denen zehn in NRW und fünf in Niedersachsen liegen.

„Wenn wir nichts machen, ist hier in drei Jahren alles Wald“

„Uns ist an einem starken Partner gelegen, mit dem wir die Zukunft der Naturschutzgebiete sichern können“, sagt Rost. Denn das Militär zahlte für die Geländepflege, von der auch der Naturschutz profitierte. Noch 2015 seien dafür eine Million Euro aus dem britischen Militärhaushalt nach Nordrhein-Westfalen geflossen. Es geht also auch darum, eine Finanzierungslücke zu schließen. Die DBU stelle pro Jahr fünf Millionen Euro für die bald 70 Naturschutzflächen zur Verfügung, sagt Wahmhoff. „Das sind rund 70 Euro pro Hektar.“

Im Wesentlichen geht es um Landschaftspflege. Zum Beispiel müssen die offenen Heideflächen erhalten werden. „Wenn wir hier nichts machen, ist hier in drei Jahren alles Wald“, sagt Revierleiter Schmidt. Andererseits sollen die ebenfalls vorhandenen Waldflächen naturnah sein. Die Waldstücke, in denen Kiefer-Monokulturen entstanden sind, sollen zu Mischwäldern umgestaltet werden.

Nicht für Besucher geöffnet – es könnten Blindgänger hochgehen

Ziel ist der Erhalt der Artenvielfalt, sagt Rost. „In Mitteleuropa sind die offenen und halboffenen Freiflächen mit einzelnen Bäumen oder Büschen viel artenreicher als die Wälder“, ergänzt Wahmhoff. In der Wersener Heide sind nicht nur seltene Blumen und Kräuter zu Hause. Auch viele Vogelarten haben hier ihre Brutreviere oder sollen sie wieder bekommen: Etwa der Ziegenmelker, die Feldlerche, der Wiedehopf, das Schwarzkelchen oder der Steinkauz.

Besucher müssen derzeit außen vor bleiben. Denn das Gelände war im Zweiten Weltkrieg ein Militärflughafen und wurde entsprechend von den Alliierten bombardiert. An vielen Stellen muss mit Blindgängern gerechnet werden. Es sollen aber Wege angelegt werden, auf denen die Menschen das Naturschutzgebiet erleben können. Dann können sie auch wieder den Lungen-Enzian bewundern, wenn er blüht. Wahmhoff hat ihn schon gesehen: „Eine ganze Wiese, ganz blau. Einfach toll.“


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