250 Kilometer mit dem Rollstuhl E-Rollis von Westerkappeln nach Hamburg unterwegs

Von Ulrike Havermeyer

Das Abenteuer wartet: Mit ihren Elektrorollstühlen sind Ralf Scheer (Zweiter von links) und seine Mitstreiter von der E-Rolli-Gruppe Ibbenbüren jetzt von Westerkappeln aus gen Hamburg gestartet. Foto: Ulrike HavermeyerDas Abenteuer wartet: Mit ihren Elektrorollstühlen sind Ralf Scheer (Zweiter von links) und seine Mitstreiter von der E-Rolli-Gruppe Ibbenbüren jetzt von Westerkappeln aus gen Hamburg gestartet. Foto: Ulrike Havermeyer

Westerkappeln. Mit der Bahn. Mit dem Pkw. Mit einem Reisebus. Es gibt viele Möglichkeiten, einen Ausflug ins rund 250 Kilometer von Westerkappeln entfernte Hamburg anzugehen. Ralf Scheer und seine Mitstreiter haben sich für eine betont eigenständige Variante entschieden. Die Mitglieder der E-Rolli-Gruppe Ibbenbüren sind jetzt – nur von einem privaten Betreuerteam unterstützt – mit ihren Elektrorollstühlen gen Norden aufgebrochen.

Die erste Etappe führt die sechs von Westerkappeln nach Bramsche. Am Freitag wollen sie die Landungsbrücken der Hansestadt erreichen. Ein echtes Abenteuer liegt bis dahin vor ihnen.

Erwin Müller muss einige Schleifen mit seinem Scooter drehen, bevor er eine Stelle findet, an der das Pflaster des Bürgersteigs am Schulzentrum abgesenkt ist. Der Westerkappelner ist extra hergekommen, um sich von seinen Kollegen zu verabschieden. „Für mich ist eine solche Strecke aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich“, sagt er. Aber zu den Treffen der E-Rolli-Gruppe an jedem ersten Freitag im Monat um 15.30 Uhr im Elsa-Brandström-Haus in Laggenbeck, da schaffen es Müller und sein Scooter schon noch hin.

Tour nach Norderney

Gerade mal drei Jahre ist es her, dass Scheer die E-Rolli-Gruppe Ibbenbüren gegründet hat. 2013 haben die Mitglieder einen Trip nach Norderney unternommen – und dabei viele gute Erfahrungen gesammelt. „Die Leute sollen mitkriegen, welche Strecken man mit einem solchen Rennwagen zurücklegen kann“, erklärt Scheer: „Wer im Rollstuhl sitzt, muss nicht zu Hause rumhängen.“

Ungebändigter Elan

Der Elan des Ibbenbüreners steckt an – Heide Merschjann überlässt mir bereitwillig ihren Rolli für eine Testfahrt. Ich setze mich auf das Polster, stelle meine Füße auf die Stützen und starre auf die Schaltfläche rechts an der Armlehne. Rote Kringel. Grüne Pfeile. Ein schwarzer Punkt. Scheer kommt mir zu Hilfe: „Alles ganz einfach“, beruhigt er mich – und hat Recht: Den Joystick ein bisschen nach vorn gedrückt, schon schnurrt der E-Rolli den Asphalt entlang. Joystick nach rechts: Rechtskurve. Joystick nach hinten: Rückwärtsgang. „Die Schwierigkeiten für uns E-Rolli-Fahrer sind die vielen Stufen, denen man noch immer begegnet“, wirft Scheer ein. Neben Bordsteinkanten und Treppen können aber auch eng bemessene Zufahrten oder steil ausgelegte Rampen ein unüberwindbares Hindernis sein.

Begleiter im Pkw

Mit durchschnittlich fünf Kilometern pro Stunde werden die E-Rollis ihre Reise bestreiten. Zwischen den Etappenzielen am Alfsee, in der Jugendherberge in Stade und in Hamburg legen sie jeweils maximal 30 Kilometer selbstständig zurück – dann ist der Akku ihrer E-Rollis leer. Einen Teil der Strecke bestreiten sie deshalb mit ihren Begleitern im Pkw. Über Nacht werden die Akkus wieder aufgeladen. In dem Bulli-Anhänger von Albrecht Roth befinden sich neben jeder Menge Koffer, Reparaturwerkzeug und Ersatzteilen auch die Schieberollstühle der Teilnehmer.

Die Gruppe sammelt sich. Das Betreuerteam vergewissert sich ein letztes Mal, dass alle startbereit sind. Scheer drückt sich seinen Cowboy-Hut in die Stirn und lächelt: Das Abenteuer beginnt.