Die grausame Minute Blutbad am 3. April 1945 in Westerkappeln

Von Frank Klausmeyer


Westerkappeln. Beinah wäre Westerkappeln vom Gemetzel verschont geblieben. Doch am 3. April 1945 schlägt der Krieg für einen Moment grausam zu und richtet ein Blutbad an. Um 10.16 Uhr wird Gustav Siegmund an diesem Tag zur Vollwaise. Eine ziellos in den Ort geschossene Panzergranate tötet Mutter und Vater. „Von da an wurde erwartet, dass man erwachsen ist“, sagt Siegmund. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erzählt er zum ersten Mal, wie er den 3. April 1945 erlebt hat.

Es ist ein trüber Tag mit Nieselregen. Trotzdem sind an diesem Morgen viele Menschen auf den Beinen. Es hat sich herumgesprochen, dass es im Ort etwas zu kaufen gibt. Im Textilgeschäft Kleine-Möller an der Großen Straße drängeln sich die Leute, die Molkerei verteilt Butter – ohne Lebensmittelmarken.

Dass der Krieg bald vorbei ist, weiß jeder. Alliierte Verbände rücken von Tecklenburg und über den Schafberg schnell nach Süden vor. An den Dörenther Klippen leistet Hitlers letztes Aufgebot energischen Widerstand. In Velpe haben sich einige Wehrmachtssoldaten verschanzt. Die britischen Einheiten, unterstützt von kanadischen Kräften, fackeln nicht lange und nehmen die Bauerschaft unter heftigen Beschuss. Etliche Häuser und Höfe gehen in Flammen auf. Mehrere Menschen werden getötet oder schwer verletzt.

Ein paar Kilometer weiter nördlich ist nur der Donner der Kanonen zu hören. Angespannt reden die Menschen darüber, was sie wohl erwartet. Westerkappeln ist Lazarettstadt. Alle hoffen deshalb, dass das Dorf von den Kampfhandlungen verschont bleibt.

Ein Tag bis zum Kriegsdienst

Schuhmacherlehrling Gustav Siegmund muss an diesem Tag nicht arbeiten. Der 16-Jährige soll noch an die Front. Er hat eine Einberufung, soll sich am 4. April in Münster bei der Wehrmacht melden. Weil er heute noch Zeit hat, bittet eine Nachbarin um Hilfe, Wäsche zu verstecken. „Die hatte Angst, die Alliierten konfiszieren das alles“, erzählt der 86-Jährige.

Sein Vater, Gustav Siegmund sen., auch ein Schuhmacher, arbeitet während des Krieges als Wachmann auf dem nahen Flugplatz Achmer, wo im Gegensatz zu Westerkappeln häufig die Bomben gefallen sind. „Der war auch im Ersten Weltkrieg und wusste, was Sache ist“, sagt der Sohn.

An diesem Morgen steht der Vater mit einigen anderen Männern auf der Treppe der damaligen Schlachterei Bayer an der Bahnhofstraße und bespricht mit denen vermutlich das, was kommen mag. Siegmunds Mutter Anna steht gegenüber vor dem Elternhaus.

Die Granaten fliegen

Plötzlich sind die Pfiffe der Granaten zu hören. Alle wissen, was sie zu bedeuten haben. „Wir sind sofort in Deckung gegangen“, schildert Gustav Siegmund die Ereignisse. Bei Kleine-Möller verkriechen sich die Kunden in allen Ecken, ergänzt Siegmunds Ehefrau Helene, die damals nebenan im Amt arbeitete.

Die ersten drei, vier Geschosse fliegen noch übers Dorf hinweg. „Es hieß damals, die Engländer hätten nur ein paar Probeschüsse abgegeben, um zu gucken, ob was zurückkommt“, berichtet der 86-Jährige.

Zwei Granaten schlagen ein. Vor dem Gasthaus Halermöller an der Kirchstraße stirbt ein junges Mädchen. Das zweite Geschoss trifft den Bordstein vor Schlachter Bayer. Große Sprengkraft hat die Granate nicht. Es gibt nicht einmal einen Krater. Doch der Bordstein ist aus Granit. Dessen Splitter haben eine verheerende Wirkung. „Einen Knall habe ich nicht gehört, nur gesehen, dass Dreck hochfliegt“, sagt Siegmund.

In einer Minute zur Vollwaise

Er rennt sofort zum Elternhaus und sieht „die Bescherung liegen“, wie er die schreckliche Szene beschreibt. Zwei Frauen aus der Nachbarschaft, ein deutscher Soldat und ein polnischer Zwangsarbeiter sind in der Bahnhofstraße ums Leben gekommen. Und sein Vater liegt dort auf dem Boden. „Der war auf der Stelle tot.“

Hilfe kommt zu spät

Seine Mutter liegt blutend vor dem Haus. Aber sie lebt. Der damals 16-Jährige versucht verzweifelt, sie zu retten. Nachbarn helfen, die Schwerstverletzte auf einer Leiter ins Haus zu tragen und ins Bett zu legen. Jemand versucht, aus dem Lazarett, das in der alten Schule am Kirchplatz eingerichtet ist, einen Arzt zu holen. Erst vergeblich. Die Minuten verrinnen. Dann endlich kommt ein Arzt. „Der hat gesagt, er kann hier nichts machen. Er müsste im Lazarett operieren.“ Mit einer Trage wird Anna Siegmund dorthin gebracht. Als sie ankommt, ist die 46-Jährige tot.

Wilma Schröer hat überlebt. Die heute 85-Jährige war 1943 von Recklinghausen nach Westerkappeln zum Landdienst eingezogen worden. Am 3. April 1945 fährt sie mit einem anderen BDM-Mädel ins Dorf, wo es angeblich etwas zu kaufen gibt. „Wir haben aber nichts bekommen, weil es hieß, dass wir beim Landdienst alles kriegen.“

„Verehrer“ fällt tot um

Um 10.16 Uhr stehen Wilma Schröer und ihre Freundin Margret Unruh in der Bahnhofstraße vor einem Garten nahe dem Hauses Siegmund. Ein Soldat kommt vorbei und fragt nach dem Weg zum Lazarett. Plötzlich fällt der Mann einfach um. „Wir haben noch gescherzt und gesagt, dass er jetzt vor uns in die Knie geht.“ Dann sieht Wilma Schröer entsetzt, wie dem vermeintlichen Verehrer Blut über die Stirn läuft.

„Ich habe Glück gehabt“, sagt Wilma Schröer. Ein Splitter trifft sie am Fuß, ruiniert den Schuh. „Ich hatte nur das eine Paar.“ Verletzt wird die damals 16-Jährige aber nicht.

Wenig später rollen kanadische Panzerspähwagen ins Dorf, und der Ort wird den Alliierten übergeben. Der Krieg ist vorbei.

Für Wilma Schröer ist der Landdienst beendet. Sie bleibt aber erst einmal beim Bauer Holtgräwe in Seeste, „weil es da etwas zu essen gab“. Nach Recklinghausen kehrt sie nie zurück. Sie lernt ihren 1997 verstorbenen Mann Wilhelm Schröer kennen. Die beiden heiraten 1948.

Zusammenhalt ist groß

„Wir haben auch Glück gehabt“, meint Gustav Siegmund. Ja, er, sein damals erst elf Jahre alter Bruder Fritz und der ältere Bruder Ferdinand, der erst 1948 aus französischer Gefangenschaft entlassen wird, haben die Eltern verloren. „Wir sind aber eine Familie, die zusammengehalten hat. Und die Westerkappelner haben uns immer unterstützt“, sind der Schuhmachermeister und seine Frau Helene dankbar.

Vor wenigen Tagen hat das Paar eiserne Hochzeit gefeiert.


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