Fahrplan zur Zechenschließung Förderung und Mitarbeiterzahl sinken jedes Jahr

Von Carsten Kuhn


Westerkappeln/Ibbenbüren. Ende des Jahres 2018 ist Schluss mit der Steinkohlenförderung in Deutschland. Und damit endet auch ein langes Kapitel der heimischen Zeche der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH. Auf die Zechenschließung bereiten sich die Bergbaukommunen Hörstel, Hopsten, Ibbenbüren, Mettingen, Recke und Westerkappeln schon seit geraumer Zeit vor. In einer kleinen Serie stellen wir den aktuellen Stand der sogenannten Kohlekonversion vor.

„Das Angstszenario früherer Zeiten ist nicht mehr da. Viele sind positiv unterwegs bei der Umgestaltung.“ Jörg Buhren-Ortmann, Mitglied der Geschäftsführung der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH, hat das zu Beginn einer Pressekonferenz zum Auslaufen des Steinkohlenbergbaus gesagt. Ende des Jahres 2018 ist Schluss mit der Förderung, so ist es politisch beschlossen.

Buhren-Ortmann unterschreibt aber auch das, was Burkhard Bruns äußert, der Betriebsratsvorsitzende der Zeche: „Auslaufen, das ist kein Zuckerschlecken, weder für die Mitarbeiter noch für die Geschäftsführung und die Mitbestimmung.“

Auslaufen des Steinkohlenbergbaus, der Fahrplan zur Zechenschließung steht. Und er wird ab jetzt von Jahr zu Jahr spürbarer. 1,9 Millionen Tonnen Kohle wurden in 2014 gefördert. „Ein sehr gutes Ergebnis“, lobt Produktionsleiter Jürgen Beimdieck die Mannschaft. Doch dies wird das letzte Jahr auf dem Niveau um die 1,9 Millionen Tonnen Fördermenge sein. Schon in diesem Jahr geht sie auf 1,6 Millionen Tonnen zurück, für 2016 stehen 1,3 im Plan, 1,0 sind es für 2017 und nur noch 0,8 im Jahr 2018. Der Anteil der Nusskohle für den Wärmemarkt wird bei 25 Prozent bleiben, die Kraftwerkskohle nimmt RWE ab.

„Komisches Gefühl“

Abgebaut, so Markscheider Heinz-Dieter Pollmann, wird noch im Beustfeld und im Ostfeld (im Tannenkamp). Sukzessive werden die Lagerstätten abgebaut. Beimdieck: „Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man die Zahl der Bauhöhen an einer Hand abzählen kann.“ Im Sommer werde anhand der Zahl der Strebe „richtig bewusst, dass wir auslaufen“. Und das spielt sich auch in den Köpfen der Bergleute ab, die gelernt haben, wie bedeutsam es ist, die Kohlen zu holen. Das ist auch eine Art „betriebsinterne Konversion“. Denn neben dem Abbau werden weitere Betätigungsfelder auf dem Weg zur Zechenschließung eine Rolle spielen.

Investitionsrückgang

Runter gehen natürlich auch die Investitionen. Die letzte technische Erneuerung gibt es in diesem Jahr mit einer neuen Hobelanlage. Dann ist die Zeche bis 2018 ausgestattet.

Die Investitionssumme betrug vergangenes Jahr 9,3 Millionen Euro, 4,1 Millionen werden es 2015 sein, 1,8 Millionen in 2016, 1,2 Millionen in 2017 und 1,1 Millionen in 2018. Dabei geht es um Ersatzbeschaffungen, vor allem um Dinge, die aus Sicherheitsgründen zwingend vorgeschrieben sind.

Eines ist dabei klar: Die Aufträge an heimische Zulieferer werden sukzessive geringer ausfallen – vom Material über Aufträge an Ingenieure oder heimische Baufirmen.

Und Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann hat auch noch dieses Beispiel parat: „Derzeit werden für die Frühschicht 500 bis 600 Brötchen von einer heimischen Bäckerei geliefert. Das wird weniger.“

Weniger, weil der Personalstand planmäßig sinkt. 2055 Mitarbeiter hatte die Zeche im vergangenen Jahr, 450 werden es noch 2018 sein. Der Altersdurchschnitt liegt derzeit bei 45 Jahren – über alle Abteilungen. Und: Im Januar 2018 wird die RAG Anthrazit die Facharbeiterbriefe an ihren letzten Auszubildendenjahrgang übergeben. Und das Ausbildungszentrum ist dann ja leider auch Geschichte.

Herkulesaufgabe

Die Personalstruktur des Bergwerks im Auslaufen so zu halten, dass alle Bereiche weiter gut funktionieren, sei schon eine Herkulesaufgabe, so die Verantwortlichen. Natürlich orientieren sich Mitarbeiter, die nicht in die Anpassung gehen können, vermehrt neu, je näher das Ausstiegsdatum rückt. Die Zeche benötigt aber bis zum Schluss Fachleute in allen Abteilungen. Und wie ist die Stimmung auf dem Pütt? „Es herrscht keine Endzeitstimmung, alle ziehen an einem Strang, Jung und Alt, Auswärtige und Einheimische“, so Burkhard Bruns. Aber jedem sei klar, dass es nicht leicht werde bis 2018. Dennoch: „Wenn der Absatz so bleibt wie geplant, mache ich mir bis 2018 keine Sorgen“, so Bruns. Jürgen Beimdieck: „Es ist beeindruckend, wie alle mitziehen.“

Die Situation, sie ist schon eine besondere, darauf weist Buhren-Ortmann hin: „Wir beerdigen ja unseren eigenen Berufsstand.“ Ein Berufsstand, der mit seiner Mentalität die Region und die Menschen geprägt habe.

Kohlekonversion

Das Wort Konversion, also städteplanerisch die Umnutzung oder Wiedereingliederung von Brachflächen, stammt aus der Zeit der Umwandlung militärischer Flächen und Anlagen für die zivile Nutzung. Die Kohlekommunen Hörstel, Hopsten, Ibbenbüren, Mettingen, Recke und Westerkappeln wollen künftig mit einem anderen Begriff betonen, dass die Region gute Aussichten hat, Ideen entwickeln kann und lebenswert ist. Der Wandel wird als Chance für eine starke Region begriffen. Redakteur Claus Kossag hat in Gesprächen mit allen Verantwortlichen Möglichkeiten und bereits erfolgte Maßnahmen zum Wandel erörtert.


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