Ein grauenvoller Schultag „Crashkurs“ konfrontiert Westerkappelner Schüler

Von Frank Klausmeyer

Schocktherapie für Schüler: Bilder wie diese brennen sich ins Gedächtnis ein bei Polizisten, Rettungshelfern, Notfallseelsorgern – und hoffentlich auch bei jungen Fahranfängern. Foto: Klaus DierkesSchocktherapie für Schüler: Bilder wie diese brennen sich ins Gedächtnis ein bei Polizisten, Rettungshelfern, Notfallseelsorgern – und hoffentlich auch bei jungen Fahranfängern. Foto: Klaus Dierkes

Westerkappeln. „Geboren, um zu leben“ dröhnt es aus den Lautsprechern der Bühne. Nach dem Hit der Band „Unheilig“ mag in der Aula der Realschule aber niemand tanzen. Denn das visuelle Kontrastprogramm ist grauenvoll: Auf einer Karte des Kreises Steinfurt tauchen wie an eine Pinnwand geheftet immer neue Bilder mit Unfallkreuzen auf, die an Verkehrsunglücke mit tödlichem Ausgang erinnern. Und es kommt noch viel heftiger.

Die Kreispolizeibehörde hatte gestern zum „Crashtest“ eingeladen. Schülerinnen und Schüler der zehnten Klassen von Realschule, Gemeinschaftshauptschule und den Krüger-Schulen bekamen von Helfern der sogenannten Rettungskette eindrucksvoll geschildert, wie hart die Realität sein kann. Ein paar junge Mädchen können es offenbar nicht ertragen, verlassen die Aula, was ausdrücklich gestattet ist.

Zum dritten Mal findet dieser „Crashtest“ in Westerkappeln statt. „Das ist eine der wichtigsten Veranstaltungen im Schulleben“, meint Realschulrektor Ralf Kutschwalski. Die Polizei geht ganz bewusst auf die weiterführenden Schulen zu. Einige der jungen Leute haben schon einen Führerschein, die meisten werden ihn bald machen.

16- bis 24-Jährige sind besonders häufig an Verkehrsunglücken beteiligt. An der Gesamtbevölkerung machen sie nur acht Prozent aus, bei Unfällen liegt ihr Anteil aber bei über 21 Prozent. „In den letzten fünf Jahren hatten wir im Kreis Steinfurt 28 Verkehrstote aus dieser Altersgruppe“, erklärt Polizeihauptkommissar Johannes Krage, der den „Crashkursus“ moderiert.

Bei einem dieser tödlichen Unfälle war Krages Kollege Fred Deitert dabei: Am 12. März 2011 verliert ein 18-Jähriger, der erst seit drei Wochen den Führerschein hat, zwischen Hörstel und Dreierwalde wegen überhöhter Geschwindigkeit die Gewalt über sein Auto. Der Wagen stellt sich quer zur Fahrbahn. Eine 51-jährige kann nicht mehr ausweichen und prallt mit ihrem Pkw in das Fahrzeug. Sie überlebt. Der 18-Jährige verstirbt noch an der Unfallstelle, mit ihm sein bester Kumpel (17), der auf dem Beifahrersitz saß. „Das ist kein Videospiel, wo man auf Anfang spulen kann“, mahnt Deitert zum umsichtigen Fahren. Er packt solch schreckliche Erlebnisse „hinter eine Mauer“, wie er sagt, um nicht daran kaputt zu gehen.

Ähnlich wird auch Sölve Niemeyer versuchen, die dramatischen Ereignisse zu verarbeiten. Die Rettungsassistentin erzählt den Schülern von einem Frontalzusammenstoß auf der B 70 bei Rheine. Die Einsatzstelle ist ein Trümmerfeld. Überall Blech und Blut. In einem der beteiligten Autos sitzt ein junger Mann, schwerst verletzt, aber noch bei Bewusstsein. Zunächst denkt sie noch, er packt das. Dann schüttelt der Notarzt nur noch mit dem Kopf. Eingebrannt in Sölve Niemeyers Gedächtnis hat sich der Blick des Opfers. „Er wusste, dass er jetzt sterben würde.“

Dr. Karl-Heinz Fuchs, ärztlicher Direktor des Kreises Steinfurt, wird den 18. Geburtstag von „Stefan“, wie er den Jungen nennt, nie vergessen. An diesem Tag hat dieser morgens seinen Führerschein abgeholt. Später fährt er mit seiner Schwester „Corinna“ und einem eng befreundeten Geschwisterpaar etwas essen – und auf der Rückfahrt in den Tod. Deutlich zu schnell und abgelenkt durch das Wechseln einer CD rast „Stefan“ gegen einen Baum. Für ihn und die Freunde kommt jede Hilfe zu spät. Nur „Corinna“ überlebt. „Körperlich ist sie gesund geworden, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das auch seelisch geschehen ist“, glaubt Fuchs. Während die Rettungskräfte das Mädchen mühsam aus dem Fahrzeug zu befreien versuchen, liegt das Gesicht des schon toten Bruders auf ihrem eigenen.

Ingo Kottig hat seinen Unfall überlebt. Vor 13 Jahren war er in der Mittagspause mit seinem Motorrad auf der Straße weggerutscht. Der heute 37-Jährige war nicht zu schnell, trug aber bis auf einen Helm keine passende Schutzkleidung. Seitdem sitzt er im Rollstuhl – querschnittsgelähmt. Müßig darüber nachzudenken, wie es geendet hätte, wenn er mit Overall und Rückenpolster unterwegs gewesen wäre.

Und auch Norbert Seegers Bericht lässt die Schüler in der Aula erschaudern. Der Notfallseelsorger begleitete zwei Polizeibeamte zu den Eltern eines 18-jährigen Mädchens, dass kurz zuvor bei einem Unfall getötet wurde. So eine Begegnung möchte niemand persönlich mitmachen.

„Unfälle passieren nicht einfach, sie haben eine Ursache“, betont Verkehrssicherheitsberater Krage immer wieder. Oft ist es zu schnelles Fahren, genauso kann aber auch das Telefonieren mit dem Handy oder die Sendersuche am Radio ins Verhängnis führen. Krage will den jungen Frauen und Männern nicht den Spaß am Auto fahren verderben. „Wir wollen Euch aber nicht irgendwann aus Blechbüchsen herausschneiden und Euren Eltern mitteilen, dass Ihr niemals wieder kommt.“