Besuch bei Bildhauer Hans Heßling Inspiration im Wald von Westerkappeln

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Atelier, Galerie und Zuhause mitten im Wald: Der Bildhauer Hans Heßling und seine Frau Marie-Luise genießen den Raum und die Muße, die ihr Lieblingsplatz ihnen bietet. Foto: Ulrike HavermeyerAtelier, Galerie und Zuhause mitten im Wald: Der Bildhauer Hans Heßling und seine Frau Marie-Luise genießen den Raum und die Muße, die ihr Lieblingsplatz ihnen bietet. Foto: Ulrike Havermeyer

Westerkappeln. Ein kleines Häuschen mitten im Wald. Dazu ein Garten wie eine Lichtung: Zwischen alten Rotbuchen und filigranen Rosenbüschen verfangen sich Zeit und Muße. Dieses verwunschene Refugium, in dem vage Gedanken eine konkrete Gestalt annehmen, ist der Lieblingsplatz des Malers und Bildhauers Hans Heßling.

Ein kreatives Sammelbecken. Ein Ort der Inspiration. Atelier, Galerie und behagliches Zuhause in Einem. Seit mehr als 20 Jahren leben der Künstler und seine Frau Marie-Luise in der ehemaligen „Waldschänke im Buchholz“ in der Bauerschaft Seeste.

Heßling schenkt noch eine Runde Espresso nach, bevor er sich mit einem zufriedenen Seufzen in den Gartenstuhl zurücklehnt. „So richtig Zeit für meine Kunst habe ich eigentlich erst als Rentner gefunden“, sagt der gelernte Lehrer und Designer. Also hier: im Buchholz. Der 67-Jährige nickt. „Meine Figuren erfordern ja einiges an Material – Ton, Gips, Beton.“ Er wirft seiner Frau einen amüsierten Blick zu, nimmt noch einen Schluck aus der kleinen Tasse und fährt fort: „Um es ganz deutlich zu sagen: Ich hinterlasse einen Haufen Dreck, wenn ich arbeite – das kann man nicht mal eben im Wohnzimmer oder im Wintergarten machen.“

Wie gut also, dass der am Rande des Ruhrgebiets aufgewachsene Künstler mit dem Elternhaus seiner Frau – inklusive Werkstatt und Gartenhäuschen – einen Ort in Westerkappeln gefunden hat, an dem er seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Und das nicht nur in der Phantasie: Die flirrenden Strahlen des frühen Herbstes lassen die Skulpturen im Garten der Heßlings in strahlendem Weiß aufblitzen. Schwebende Gestalten, komplexe Szenarien, irritierende Situationen, die den Betrachter zum Nachdenken, zum genauer Hinschauen – und oftmals zum Schmunzeln bringen. Kunst mit Aha-Effekt.

Auf dem Westerbecker Kulturhof bei Raimund Beckmann flottieren Heßlings Figuren ebenfalls seit zwei Jahren über eine weitläufige Lichtung und in einem urigen Holzschuppen beim „Danz up de Deel“. Dem Kunstexperten gefielen die ausdrucksstarken Posen von Heßlings weiblichen Gestalten auf Anhieb. „Und sie alle sollen echten Westerkappelnerinnen nachempfunden sein“, fügt Beckmann mit vergnügtem Augenzwinkern hinzu. Ob das stimmt?

Hans Heßling atmet tief durch, wiegt den Kopf etwas verlegen hin und her und gibt schließlich zu: „Na ja – da ist schon etwas dran.“ Allerdings: Wenn überhaupt, dann stecke in einer seiner Figuren ein Gemisch der Eigenschaften von mindestens fünf echten Frauen. „Wie jeder andere Mensch verarbeitet auch der Bildhauer Eindrücke aus seinem Alltag“, erklärt Heßling: „Meistens ist einem das gar nicht bewusst.“ Und so passiert es wohl auch, dass Marie-Luise Heßling in einer der Figuren ihres Mannes ihre Mutter, in einer anderen ihre Töchter zu erkennen meint.

Dass der ehemalige Kunst- und Sportpädagoge eine Vorliebe für das Gestalten von weiblichen Figuren entwickelt hat, besitzt durchaus einen emanzipatorischen Hintergrund: „Als Junge habe ich viel gelesen“, erzählt Heßling: „Und wenn in unserer kleinen Gemeindebücherei der nächste Karl-May-Band gerade fehlte, habe ich gern zu griechischer Mythologie – oder als Messdiener auch schon mal zur Bibel gegriffen.“ Dabei habe er festgestellt, dass die meisten Helden in den großen Geschichten Männer seien. „Ein bedauernswert einseitiger Blick auf die Welt“, befindet Hans Heßling, Vater zweier Töchter – und Anlass genug für ihn damit zu beginnen, einige Dinge gerade zu rücken: So wurde der Garten im Buchholz nicht nur zur Kulisse für wohlgeformte Westfälinnen, sondern auch zum Landeplatz für eine abgestürzte „Ikara“ und zu einer imaginären Opferstätte, an der Abraham statt seines Sohnes seine Tochter meucheln soll.


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