Fund bei Steers in Seeste Das älteste Buch in Westerkappeln

Von Frank Klausmeyer


Westerkappeln. Mit der eigenen Familienchronik ist das bei den Meisten ja so eine Sache. Vielleicht erinnert man sich noch blass an Großtante Olinde oder findet ein vergilbtes Foto von Opa Franz. Viel mehr ist über die Ahnentafel aber nicht bekannt. Familie Steer in Seeste ist da klüger. Ihr Stammbaum beginnt nachweislich in den Anfängen des 16. Jahrhunderts. Und beim Stöbern in alten Unterlagen haben die Steers ein Dokument entdeckt, das noch weiter zurückreicht: Es handelt sich nach jetzigem Stand um das älteste Buch der Gemeinde Westerkappeln.

Worum es sich dabei genau handelt, gibt Dr. Gunter Böhlke, dem Archivar des Kultur- und Heimatvereins, aber noch genauso ein Rätsel auf wie der „Autor“ des Buches. Nur so viel scheint dem pensionierten Arzt und Familienforscher sicher: Ein Johann Steer hat die Kladde am 6. August 1666 angelegt.

Vor der Entdeckung des Buches sind die Steers im sprichwörtlichen Sinne über ein ganz anderes Relikt gestolpert; alte Sandsteinplatten, die einstmals einen Kamin schmückten und wohl irgendwann bei Umbauarbeiten auf dem Bauernhof herausgehauen wurden und später als Gehwegplatten ein unscheinbares Dasein fristeten. „Als ich hierherkam, lagen die schon hier“, erzählt Hedwig Steer (78), die 1960 auf den Hof einheiratete.

Steers baten Böhlke, der auch das Stadtarchiv der Gemeinde betreut, um fachmännischen Rat. „Da standen nur Initialen, mit denen wir nichts anzufangen wussten“, erzählt Edelgard Steer. Zu entziffern war das Jahr 1822. Ein größerer Erkenntnisgewinn war daraus jedoch nicht abzuleiten. Die Kacheln sind sauber gemacht und trocken eingelagert worden. „Vielleicht bauen wir die irgendwo mal wieder ein“, sagt Edelgard Steer.

Und dann traf sie sich mit einer großen Tüte voller Originalunterlagen mit Gunter Böhlke auf dem Hof. „Die Frage war, wie wir das richtig archivieren können“, erzählt Edelgard Steer (51). Jahrelang hatten die Papiere in der Schublade eines alten Sekretärs geschlummert, der schon mehrere Umzüge auf der Hofstelle mitgemacht hat und kaum Beachtung fand. An einigen Urkunden hat sichtlich der Zahn der Zeit genagt oder besser gesagt die Milben, die nach Expertenmeinung gottlob mittlerweile die Betriebsamkeit eingestellt haben.

Böhlkes Forschergeist musste nicht lange angefacht werden. Er sortierte, katalogisierte, digitalisierte und stieß dabei auf manch spannendes Dokument. Zum Beispiel eine Abschrift des „Geld- und Vermessungsregisters“ aus dem Jahr 1767, auf dessen Grundlage Taxe, also Steuern, bezahlt werden mussten. „Das gab es für alle Höfe in den Bauerschaften von Westerkappeln“, erläutert der Fachmann.

Besonders interessant findet er ein 30-seitiges sogenanntes Urbarium aus dem Jahr 1789 zwischen dem Kloster Gravenhorst und dem Colonat Steer. Dabei handelt es sich um ein vertragliches Verzeichnis, das die Rechte und Pflichten zwischen Lehnsherren und Leibeigenen regelt. Da geht es zum Beispiel um die Höhe von Mitgiften, wenn geheiratet wird, um Frondienste oder Tributzahlungen, die zu leisten sind.

Nicht minder spannend ist der 1806 von „Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen...“ ausgestellte Freibrief für Anna Regina Elsabein Steer, geborene Culemanns (heute Kuhlmann) zu Cappeln, die damit aus der Leibeigenschaft entlassen wurde. „Das wird richtig Geld gekostet haben“, vermutet Böhlke.

Und schließlich hielt er das ominöse, vor fast 350 Jahren angelegte Buch in den Händen. „Ich kenne keines in der Gemeinde, das älter ist.“ Bis hierhin wusste er nur von der im Stadtarchiv verwahrten „Mutterrolle“ (ein Kataster) aus dem Jahr 1762. Beim Einband des Steerschen Buches handelt es sich offenbar um ein liturgisches Blatt. An einer Stelle lässt sich von „Ave Maria“ lesen. Böhlke glaubt, dass es aus dem Kloster Gravenhorst stammt. „Danach haben wohl die Nonnen gesungen.“

Zum Inhalt der Schrift gibt es wenig zu sagen. Auf jeden Fall ist es kein Lesebuch. Böhlke denkt, dass Johann Steer, der damals Colon, also Bauer, gewesen sein wird, die Seiten als Anschreibe- oder als Quittungsbuch genutzt und notiert hat, wie viele Thaler ihm wer schuldig ist oder bezahlt hat. „Vielleicht war das ja ein privater Banker“, mutmaßt Edelgard Steer.

Wer Johann Steer wirklich war, ob Bauer, Banker oder sonstwer, kann Böhlke nicht sagen. Es gibt keine Kirchenbücher aus der Zeit von 1666, eine für Genealogen ganz wichtige Quelle. „Auf jeden Fall konnte er schreiben“, stellt der Familienforscher fest, der davon ausgeht, dass es den Hof in Seeste schon zur Zeit des Dreißigjähriges Krieges gab.

Im Zuge seiner „Beratungstätigkeit” in Seeste hat Böhlke mithilfe der neuen Dokumente, anderer Archivunterlagen und natürlich der Betroffenen selbst die leeren Stellen im Stammbaum der Steers gefüllt. Ganz oben steht der 1732 geborene Steffen Jörgen Steer, die Jüngste in der Ahnentafel wurde 2011 geboren. „Das hat viel Spaß gemacht. Da haben wir mal mit Leuten telefoniert, von denen wir schon lange nichts mehr gehört haben“, sagt Edelgard Steer lachend, die übrigens aus Schwerte einheiratete und – wie ihre aus Ladbergen stammende Mutter Hedwig schmunzelnd ergänzt – „frisches Blut in die Familie gebracht hat.“ Einen Freibrief brauchten beide Frauen nicht mehr.

Familie Steer überlegt, ob sie die wertvollen Dokumente im Gemeindearchiv treuhänderisch aufbewahren lassen sollte: dort wären sie korrekt gelagert und vor Schäden geschützt. Böhlke stimmt zu, denn im Archiv ist noch viel Platz für Dokumente, auch alte Fotos.

Wer in diesem Sinne etwas anbieten möchte, kann sich direkt an ihn wenden unter Tel.: 05404/9944043.