Freilichtbühne Tecklenburg „Let’s Dance“-Gewinner Alexander Klaws souverän als Joseph

Von der RTL-Show „Let’s Dance“ zurück auf die Musicalbühne: Alexander Klaws. Foto: Freilichtbühne TecklenburgVon der RTL-Show „Let’s Dance“ zurück auf die Musicalbühne: Alexander Klaws. Foto: Freilichtbühne Tecklenburg

Tecklenburg. Dünne Handlung, große, über Musicalgrenzen hinaus bekannte Namen und irrwitzige Ideen: Das sind die Zutaten, mit denen die Freilichtspiele Tecklenburg aus „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ einen überraschend frischen Theaterabend zaubern. Dank einiger Kunstgriffe wird das im Kern 45 Jahre alte Stück so tatsächlich zum abendfüllenden Erlebnis.

Gerade mal fünf Lieder reichten Andrew Lloyd Webber in seinem Erstlingswerk aus dem Jahr 1968, um die biblische Geschichte vom Träumer Joseph zu erzählen: Bunter Mantel, von den elf Brüdern in die Sklaverei verkauft, Pharaos Träume gedeutet und Hungersnot verhindert sowie Versöhnung mit der Familie – fertig ist die doch recht dünne Handlung des Werks. Schon damals zeigte der englische Komponist seine Fähigkeit, Musik- und Stilrichtungen zu antizipieren: ein Chanson, eine Country-Ballade, ein Rock’n’Roll im Stile Elvis’ und ein Calypso brachten Lloyd Webber schon damals den Vorwurf ein, besser nachzumachen als selbst komponieren zu können. „Joseph“ entwickelt sich vor allem in England zum Kult, da dort kaum eine Schule existiert, die das Stück nicht ein- oder mehrmals aufgeführt hat. Anlass genug für den englischen Komponisten, das Musical im Jahr 1991 selbst zu überarbeiten und zu strecken. Und während die Neufassung im Heimatland gut angenommen wurde, hinterließ sie andernorts oft einen faden Nachgeschmack: Volle und bei Musicalproduktionen auch nicht eben günstige Eintrittspreise für ein Stück, dessen erster Akt nach nicht einmal 30 Minuten zu Ende ist und dessen zweiter Akt nur wenige Minuten länger dauert, das erschien vielen Besuchern als Bauernfängerei.

Und genau dieses Problems scheint man sich in Tecklenburg bewusst gewesen zu sein. Vermutlich deshalb streckt Regisseur Werner Bauer den Abend weiter: eine Fremdenführung durch ägyptische Ruinen hier, ein bisschen Fernseh-Parodie unter dem Motto „Canaan, deine Auswanderer“ da, eine eigentlich überflüssige Nacherzählung des ersten Aktes unter dem Motto „Was bisher geschah“ zu Beginn des zweiten Akts obendrauf und Publikumsbeteiligung an anderer Stelle. Satte 15 intelligente und kurzweilige Minuten schindet Bauer derart allein im ersten Akt. In der Summe schafft er es so, einen vollwertigen, über zwei Stunden langen Theaterabend auf die Beine zu stellen.

Und was für ein Abend: Bunt und rasant ist er, gut getimt und streckenweise reichlich klamaukig. Doch was soll’s, für künstlerischen Anspruch war „Joseph“ sowieso noch nie bekannt. Alexander Klaws („Tarzan“), der im Mai in der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ für Furore gesorgt hatte , am Ende den Titel „Dancing Star 2014“ gewann, spielt die Titelrolle souverän. Er singt etwa sein „Schließ jede Tür vor mir“ phänomenal anrührend und parodiert sich auch gerne mal selbst, wenn er – vermutlich einer Regieanweisung folgend – in einer Tanzszene ein „Let’s Dance“ in die Runde ruft. Ex-„No Angel“-Sandy Mölling gibt die Erzählerin des Stücks, singt erwartungsgemäß ebenfalls makellos und scheint wie der Rest des Ensembles einen Heidenspaß bei der Arbeit zu haben. Letzteres gilt auch für Julian Looman als hüftschwingender Pharao. Reinhard Brussmann gefällt als Stammvater Jakob. Auch die restlichen Musicaldarsteller in den Rollen der Brüder und weiteren Nebenrollen sind stimmlich extrem gut aufgelegt und tanzen die sehenswerten Choreografien von Kati Heidebrecht ohne sichtbare Patzer.

Der musikalische Leiter Klaus Hillebrecht hat sowohl sein Orchester wie auch die Darsteller gut im Griff. Dankenswerterweise spielt er endlich wieder in Original-Tempi auf, die D-Zug-Interpretationen der vergangenen Jahre scheinen zum Glück zumindest in Tecklenburg der Vergangenheit anzugehören. Die Kostüme von Karin Alberti und das Bühnenbild von Susanna Buller ergänzen den Abend und machen ihn zum bunten Augenschmaus.

Freilichtbühne Tecklenburg: „Joseph“ bis 24. August. Kartentelefon: 0 54 82/220


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