Der Weg ist das Ziel Nordwestbahn zwischen Recke und Osnabrück

<em>Die Nordwestbahn </em>fuhr am Sonntag mehrmals auf den Schienen der Tecklenburger Nordbahn von Recke über Mettingen und Westerkappeln nach Osnabrück und wieder zurück. Foto: Andrea BrachtDie Nordwestbahn fuhr am Sonntag mehrmals auf den Schienen der Tecklenburger Nordbahn von Recke über Mettingen und Westerkappeln nach Osnabrück und wieder zurück. Foto: Andrea Bracht

Recke. Ruhig und gemütlich brummt die Bahn vor sich hin. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, und der Zug hat es nicht eilig. Er fährt heute maximal 50 Stundenkilometer. Mehr geben die Schienen nicht her, und an den offenen Bahnübergängen wird der Zug so richtig langsam: 20 Kilometer pro Stunde. Genug Zeit für die rund 100 Fahrgäste, sich in aller Ruhe die Umgebung anzuschauen.

An diesem Sonntag ist die Nordwestbahn unterwegs. Das ist aber die Ausnahme. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, sollte die Strecke einmal reaktiviert werden. Mit an Bord ist Zugbegleiterin Birgit Schigiel. Sie kontrolliert die Fahrkarten und macht Durchsagen für die Gäste. Natürlich guckt sie auch, ob alles in Ordnung ist. Ist es: Die Stimmung könnte kaum besser sein.

Entlang der Gleise ist das hingegen nicht der Fall, zumindest nicht in Espel. Dort stehen junge Familien und einige ältere Menschen, die die Bahn nicht wollen. Zu viel Krach entstünde durch die Züge. Zu teuer wäre sie auch, sagen sie. Rund 30 Millionen soll die Reaktivierung kosten. Und sie sei überflüssig, denn die Schnellbuslinie 10 reiche völlig aus. Sie halten Plakate in die Höhe. In Espel steigt niemand ein. Und offenbar traut sich auch niemand heraus. Denn die Espeler sind sauer. Sie haben eine Menschenkette gebildet und tun ihren Unmut lautstark kund. Hier und da streckt sich ein Stinkefinger in Richtung Bahn.

Schigiel holt ihr Handy heraus. Ein Kollege hat sie gebeten, Aufnahmen vom Protest zu machen. Kontrovers wird die Reaktivierung diskutiert. Im Zug aber hat heute niemand Lust, sich aufzuregen. Chauffiert werden ist angesagt. Das gilt für Nico Schnepper in doppeltem Sinne. Der kleine Westerkappelner ist anderthalb Jahre alt und fährt heute zum ersten Mal Zug. Im Buggy. Aufregend ist das. So aufregend, dass er nicht einmal merkt, wie Mama ihm den Schnulli aus dem Mund zieht. Große Augen macht der Kurze, der sonst immer nur Bus gefahren ist. Ans Zug fahren könnte die Familie sich gewöhnen.

Gemütlich ist es auf den blauen Sitzen. Sogar ein bisschen familiär. Vielleicht, weil es eine besondere Fahrt ist und alle gemeinsam daran teilhaben. Vielleicht aber auch, weil der Recker Heimatverein gute Laune versprüht – und Schnaps verteilt. Zwei der Herren haben sich in ihre Kiepenkerl-Kluft geworfen und schenken Holunderschnaps an die Teilnehmer der Reaktivierungs-Jungfernfahrt aus. „Ist doch erlaubt?“, fragt der Kiepenkerl. „Klar“, sagt Schigiel. Sie trinkt aber nichts, sie muss ja noch arbeiten. In der Nordwestbahn darf man Alkohol trinken. Weil „unsere Fahrgäste so lieb und brav sind“, erklärt Schigiel. In einigen anderen Bahnen ist Alkohol streng verboten. „Wegen der Fußballfans“, erklärt sie: „Da wollen Sie kein Zugbegleiter sein, wenn ein Spiel ist.“

Doppeltes Tempo möglich

Die Bahn fährt und fährt. Eine Stunde dauert die Reise. Wenn die Strecke reaktiviert würde, könnte der Zug doppelt so schnell sein. Doppelt so schnell durch die schattigen Wälder und an den lichtüberfluteten Feldern vorbei.

Zugführer Patrick Geselbracht findet es ein wenig anstrengend, so langsam zu fahren. Alle Nase lang sind Verkehrswechsel und zahlreiche ungesicherte Bahnübergänge. Vereinzelt stehen Leute mit Kameras, die Bilder von der vorerst einmaligen Fahrt machen. An den Übergängen muss man aufpassen und abbremsen. Sanft, damit die Gäste nicht aus dem Sitz fallen.

Die sind fast alle besetzt. Allein in Recke stiegen bei der ersten Fahrt 94 Menschen in den Zug. Einige wollen einfach mitfahren, hin und direkt wieder zurück, andere wollen in Osnabrück einkaufen. Denn die Geschäfte haben geöffnet. Muntere Gespräche überall. Die Herren vom Heimatverein sind gut zufrieden.

Ein Ortsfremder steht bei den Männern und lässt sich vom „Kriegsbeil“ und von Spannungen zwischen Mettingen und Recke unterrichten. Das Heimatvereins-Quartett einigt sich schließlich intern auf die Umschreibung als „belebende Konkurrenz“. Die Zugfahrt macht den Recker Herren Spaß. Sie schnacken mit den anderen Leuten, laufen herum und erzählen, dass sie in Osnabrück nur kurz eine Bratwurst essen und dann wieder zurück fahren wollen. Der Weg ist heute das Ziel für die Männer.

Auch für Schigiel. Die hört belustigt zu und erzählt selbst eine Anekdote: „Ich musste mal eine Durchsage machen und habe aus Versehen gesagt: ’Wir erreichen Oldenburg, dieser Zug endet hier. Ach nein, Entschuldigung, der Zug endet nicht hier! Ich habe hier nur Pause!‘ Alle haben gelacht.“

Auch die Herren schmunzeln. Nico guckt dem munteren Treiben mit großen Augen zu. Erste Zugfahrt, Kiepenkerle und plötzlich lachen alle. Der Anderthalbjährige lacht einfach mit.


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