"Komplettversagen verschiedener Bistümer" Wut in Westerkappeln über Kinderschänder als Seelsorger – länger tätig als bekannt

Von Frank Klausmeyer

"Komplettversagen verschiedener Bistümer": Das Entsetzen über den Einsatz eines verurteilten Kinderschänders als Seelsorger war in Westerkappeln unüberhörbar. Foto: dpa"Komplettversagen verschiedener Bistümer": Das Entsetzen über den Einsatz eines verurteilten Kinderschänders als Seelsorger war in Westerkappeln unüberhörbar. Foto: dpa

Westerkappeln. Das Entsetzen über den Einsatz eines verurteilten Kinderschänders als Seelsorger war am Donnerstagabend im Westerkappelner Reinhildis-Haus unüberhörbar. Und genauso die Wut, wie die katholische Kirche mit solchen Vorgängen umgeht. Moderator Jan Niestegge sprach von einem Komplettversagen verschiedener Bistümer.

Der heute 85-Jährige war bereits 1972 wegen „fortgesetzter Unzucht mit Kindern und Abhängigen“ zu einer Haftstrafe und 1988 wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das genaue Strafmaß ist nicht bekannt. Die für das abgeschlossene Verfahren zuständige Staatsanwaltschaft in Köln will auf Nachfrage suchen, ob es dazu noch Akten im Haus gibt, wie Pressesprecher Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer zusichert. Digital gebe es sicher nichts.

In Westerkappeln in der Jugendarbeit tätig

Trotz der Verurteilung wirkte der Mann über Jahrzehnte weiter als Priester in mehreren Bistümern – und das sogar noch länger, als bislang bekannt. Nach Angaben der Bischöflichen Pressestelle in Münster war der betreffende Priester von 1974 bis 1978 in der Schulabteilung des Generalvikariats Münster und ab 1975 in der Gemeinde St. Margareta in Westerkappeln tätig, hier auch in der Jugendarbeit. Anschließend war er von 1978 bis 1985 in Recklinghausen und von 1986 bis 1988 in Moers-Asberg. Danach arbeitete er im Bistum Essen. 2002 wurde er offiziell in den Ruhestand versetzt.

Weiterhin seelsorgerische Aufgaben übernommen

Danach sollte er nicht mehr in der Seelsorge tätig sein. Er war es aber doch: Nachdem die Vorgeschichte des Mannes bekannt geworden sei, habe das Bistum davon Abstand genommen, den Pfarrer – wie in der katholischen Kirche oft üblich – als Ruhestands-Geistlichen zu beauftragen. „Unser Fehler war, dass wir das nicht kontrolliert haben“, räumt Ulrich Lota, Sprecher des Bistums Essen, auf Nachfrage ein. Der pensionierte Priester habe in der in der Gemeinde St. Joseph in Wattenscheid „mehr und mehr“ seelsorgerische Aufgaben wie Messfeiern und dergleichen übernommen, bestätigt Lota. Erst 2015 wurde er dann von der Kirchengemeinde endgültig „in den verdienten Ruhestand“ verabschiedet, wie die WAZ damals schrieb.

Fälle von missbräuchlichem Verhalten oder sonstige Grenzüberschreitungen seien aus dieser Zeit nicht bekannt geworden, berichtet der Bistums-Sprecher. Ob der Seelsorger sich in den Jahren 1975 bis 1977 in Westerkappeln irgendetwas zu Schulde hat kommen lassen, ist unklar. Beim Bistum Münster haben sich nach Angaben des Interventionsbeauftragten Peter Frings bis jetzt keine Opfer gemeldet. Ein Zuhörer der Informationsveranstaltung am Donnerstag hat aber wohl Hinweise auf Vorkommnisse gegeben, wie er andeutete.

Generalvikar Klaus Winterkamp (rechts) und der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster Peter Frings (Mitte) hatten am Donnerstag keinen leichten Stand. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jan Niestegge. Foto: Frank Klausmeyer

Scham bei den Opfern

Möglicherweise schämen sich Betroffene auch, sich als Opfer zu outen. „Ich habe fast 30 Jahre dafür gebraucht“, erzählt eine Zuhörerin, die nach eigenen Worten von einem anderen Geistlichen auf einem Friedhof missbraucht wurde. „Den Leuten fällt das schwer“, sagt sie und äußert ihre Empörung, dass die katholische Kirche in der Vergangenheit Täter immer wieder geschützt habe. Es sei auch nicht hinnehmbar, wenn diese in Klöster abgeschoben würden. „Die gehören bestraft und aus der Kirche entfernt.“

Die Opfer bräuchten keine Entschädigungszahlung, sondern therapeutische Hilfestellung, sagt die Frau, die selbst in Diensten der Kirche steht. Für die Betroffenen sei der Missbrauch eine traumatische Erfahrung: „Priester haben einen Vertrauensvorschuss. Man geht darum zu ihnen hin und landet dann in der Gosse.“

Plädoyer für eine unabhängige Vertretung

Martin Schmitz, Gründer einer Betroffenen-Selbsthilfegruppe in Rhede ärgert, dass die Opfer über die Kirchensteuer auch noch die Täter finanzierten. Sein Wunsch sei, dass sich – auch hier in der Region – Betroffene in Selbsthilfegruppen zusammenschlössen. „Wir brauchen eine unabhängige Vertretung ohne Einfluss der Kirche.“ Empörend empfindet er, wenn Bischof Felix Genn – wie geschehen – für die Betroffenen sprechen wolle. Er sei aber nicht betroffen.

An die Seele der Täter denken?

Am Donnerstag werden aber vereinzelt Stimmen laut, die appellieren, auch an die Seele der Täter zu denken. „Wir sind doch Christen“, sagt ein Mann. An einer Täterbegleitung – was immer das auch heißen möge – müsse gearbeitet werden, besonders im Hinblick auf jüngere Geistliche, sagt Generalvikar Klaus Winterkamp. „Unser Fokus liegt aber auf den Opfern.“

Von dem heute 85-jährigen Pfarrer im Ruhestand gehe keine Gefährdung mehr aus. Seine gesundheitliche Verfassung sei eingeschränkt, berichtet Winterkamp. „Er nimmt die jetzige Situation zur Kenntnis. Einsichtig ist er wohl nicht.“ Das sei bei den meisten Tätern der Fall, erklärt der Generalvikar. „Es gibt keine Reue, kein Bekenntnis, keine Entschuldigung.“


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