Alte Menschen ohne Lobby NRW-Gesundheitsminister Laumann bei Podiumsdiskussion in Westerkappeln

Von Dietlind Ellerich

Matthias Delfs, Martina Büscher, Jörg Niemöller, Karl-Josef Laumann, Oliver Müller und Anja Kortkamp diskutierten unter der Moderation von CDU-Frau Grit Winkler (von links) miteinander und mit ihrem Publikum über das Thema Pflege. Foto: Dietlind EllerichMatthias Delfs, Martina Büscher, Jörg Niemöller, Karl-Josef Laumann, Oliver Müller und Anja Kortkamp diskutierten unter der Moderation von CDU-Frau Grit Winkler (von links) miteinander und mit ihrem Publikum über das Thema Pflege. Foto: Dietlind Ellerich

Westerkappeln. „Ein sehr informativer und interessanter Abend“, lautete nicht nur das Fazit der Organisatoren, sondern auch der Podiumsgäste und des Publikums. Die Westerkappelner Ortsunion hatte zur Diskussion zur Pflege NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sowie Vertreter von Pflegeeinrichtungen eingeladen.

Unter der Moderation von CDU-Frau Grit Winkler diskutierten sie im „Kuckucksnest“ über die Auswirkungen einer immer älter werdenden Gesellschaft und überlegten, wie eine „seniorenfreundliche Kommune“ aussehen könne. Laumann wies zunächst darauf hin, dass die Pflege heute eine „starke Struktur“ habe. Er blickte 30 Jahre zurück, als es nur eine Sozialstation in den Gemeinden gab und Pflegeeinrichtungen eine Rarität waren. Pflege habe zu Hause, meist auf Kosten der Frauen, stattgefunden. Heute gebe es von der Tagespflege über die ambulante bis zur stationären Pflege eine breite Vielfalt an Möglichkeiten für Pflegebedürftige und deren Angehörige. 

„Die größte Herausforderung ist nicht das Geld, sondern der Mangel an Fachkräften“, stellte Laumann klar. Ohne familiäre Unterstützung werde es auch in Zukunft nicht gehen. „Es ist ziemlich klug, so zu leben, dass es ein paar Leute gibt, die einen gerne leiden mögen“, fuhr er fort. Auch für die Ehrenamtlichen in den Einrichtungen brach er eine Lanze. Weiter räumte er mit dem Vorurteil auf, dass die Pflege in Deutschland schlecht sei. Er sei vielmehr von „der hohen Fachlichkeit und der großen Empathie“ des Personals überzeugt, sehe aber das Problem, dass alte Menschen keine Lobby hätten. Gebe es Probleme im Kindergarten, sei die Gemeinde sofort zur Stelle, forderte er ebenso promptes Handeln für Missstände in Altenheimen ein.

Auch wenn Einrichtungen wie die „Tagesfreizeit“ auf Gut Andersleben lange Wartelisten hätten, sei es nicht einfach, die Angebote zu erweitern, bemerkte Einrichtungsleiter Oliver Müller. Grundstücksfragen spielten in dem Zusammenhang ebenso eine Rolle wie der Mangel an Personal. Martina Büscher von der Sander Pflege GmbH in Lotte wies auf die ehemalige Korte-Immobilie in Mettingen hin, in der demnächst eine Tagespflege mitten im Ort eröffnet werde.

Matthias Delf von „Mein ambulanter Pflegedienst“ gab an, seine Mitarbeiter mit guter Bezahlung und flexiblem Einsatz zu locken. Das Mettinger Unternehmen punkte mit „Early Bird“- und „Happy Hour“-Touren für sein Team und eröffne demnächst ein Seniorenbüro in Westerkappeln. „Die Menschen lechzen nach Infos“, sagte Delfs, und räumte ein, dass es sehr schwierig sei, sich im Versicherungs-Dschungel zurechtzufinden. Das Büro solle hier Abhilfe schaffen. Einig waren sich Diskussionsteilnehmer und Publikum darüber, dass Beratung und Netzwerken das A und O ist. 

„Wer früher mit 75 gestorben ist, konnte nicht mit 90 Demenz kriegen“, brachte Laumann eine weitere Herausforderung auf den Punkt. Er forderte einen entspannteren Umgang mit an Demenz Erkrankten. In den Einrichtungen würde mehr Ruhe einkehren, wenn die Bewohner tun dürften, was sie tun möchten. Dass das Zusammenleben von geistig fitten und stark an Demenz erkrankten Menschen nicht einfach ist, wusste Jörg Niemöller vom Haus der Diakonie aus Erfahrung. 

Den Einwand, Geld sei im Pflegefall ein großes Problem, ließ Laumann nur bedingt gelten. Wer Geld habe, zahle. Für den, der kein Geld habe, zahle die Kommune. Für Kinder gelten hohe Freibeträge, und an das normale Einfamilienhaus gehe das Amt nicht dran, sagte er. Laumann schlug eine Konzentrierung der finanziellen Mittel auf die Hochbetagten vor. „Mit 70 Jahren ist man heute noch nicht alt“, erklärte er.

Anja Kortkamp, Leiterin der Diakoniestation, wünschte sich, dass die von den Pflegekassen finanzierten Haushaltshilfen nicht als günstige Putzfrauen angesehen würden. Den Keller aufzuräumen oder die Fenster zu putzen, gehöre nicht zu deren Aufgaben, machte sie deutlich.

Trotz aller Kritik und einiger Probleme zeigte sich Landesminister Laumann überzeugt, dass sich die Strukturen sehen lassen können. In dem Wunsch nach einem „für jeden verständlichen“ Informationsportal für die drei Kommunen Lotte, Mettingen und Westerkappeln sah Moderatorin Winkler einen Auftrag an die Politik.

Ein wenig enttäuscht waren die Organisatoren, dass nur gut 50 Interessierte die Diskussion verfolgten. Auch die Vertreter der Einrichtungen wunderten sich angesichts der Herausforderungen, der sich die Gesellschaft und die Kommunen bei der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen stellen müssten, dass der Saal nicht besser gefüllt war.


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