Große weiße Flecken auf der Karte Schnelles Internet kommt nicht überall in Westerkappeln hin

Von Frank Klausmeyer

Die letzte Milchkanne bekommt schnelles Internet, der Ortskern nicht? Beim Breitbandausbau in Westerkappeln droht ein absurder Flickenteppich. Foto: Jan Woitas/dpaDie letzte Milchkanne bekommt schnelles Internet, der Ortskern nicht? Beim Breitbandausbau in Westerkappeln droht ein absurder Flickenteppich. Foto: Jan Woitas/dpa

Westerkappeln. Bis hinter den Kanal bekommen Westerkappelner Haushalte demnächst kostenlos Glasfaserkabel ins Haus gelegt. So einige Bürger in Obermetten, im Süden der Gemeinde und sogar mitten im Ortskern schauen bei der Breitbandoffensive aber wohl in die Röhre. Das bringt Gemeindeverwaltung und Lokalpolitiker womöglich in Erklärungsnot.

Die SPD-Ratsfraktion hatte unlängst einen Bericht zur künftigen Versorgung mit schnellem Internet beantragt. Insbesondere sollte dargestellt werden, wo weiße Flecken bleiben. Frank Sundermann, Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten, kann sich schon ausmalen, was los ist, „wenn die letzte Milchkanne in Seeste 200 Mbit/s bekommt und im Ortskern haben wir teilweise keine 30. Dieser Diskussion werden wir uns stellen müssen.“ 

Argumentationshilfen, mit denen sie sich selbst aus der Schusslinie bringen können, hat Ingmar Ebhardt, Breitbandexperte bei der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt (WESt), den Politikern dazu in den Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss mitgebracht. Die Bürger könnten nicht auf die Gemeinde, nicht auf Düsseldorf und nicht mal auf Berlin schimpfen, sagt der Fachmann.

2013 gut versorgt mit 30 Mbits

Der Bund und in Folge die Länder seien bei ihren Förderprogrammen den Leitlinien der EU für die „Anwendung der Vorschriften über staatliche Beihilfen im Zusammenhang mit dem schnellen Breitbandausbau“ gefolgt. Die wurden 2013 aufgestellt. Und das ist das Problem. Damals galt als gut versorgt, wer mindestens 30 Mbit/s hatte. Folge: Für diese Haushalte gibt es keinen Cent Fördermittel, obgleich nur für Westerkappeln 8,855 Millionen Euro im Topf sind. 50 Prozent davon trägt der Bund, 40 Prozent das Land, den Rest muss die Gemeinde finanzieren.

Selbst dünn besiedelte Flecken im Gemeindegebiet sollen ans Breitbandnetz angeschlossen werden (hier hell unterlegt). In den blauen Bereichen hat die Deutsche Glasfaser Kabel verlegt. Große Bereiche im und um den Ortskern, in Obermetten und den südlichen Wohngebieten werden aber wohl nicht ins förderfähige Ausbaugebiet aufgenommen. Grafik: © Geobasisdaten: Die Basisk@rte – „Projektgebiet“ Bearbeitung und Gestaltung Kreis Borken (2017),© Land NRW/Kreis Borken, GEObasis.DE/BKG, EUA, OSM)


Im Laufe des komplizierten und langwierigen Ausschreibungsverfahrens wurden 810 Adressen ermittelt, die sich dank der Zuschüsse kostenlos ans Glasfaserkabel anschließen lassen können. Jeder dieser Haushalte bekommt – anders gerechnet – durchschnittlich knapp 11.000 Euro geschenkt, damit er schnelles Internet zur Verfügung hat. Angeschlossen werden sollen – auf Wunsch – sogar Häuser, deren Bewohner alt sind und keinen Internetzugang wollen und brauchten. „Da wird dann das Kabel in den Keller gelegt, aber nicht freigeschaltet. Das kann man dann machen, wenn die Enkel das später wollen“, sagt Ebhardt.

Übertragungsraten prüfen

Noch ist der Ausbau nicht völlig festgezurrt. „Das Fördergebiet lebt“, erklärt der Breitbandexperte. Für den ganzen Kreis Steinfurt habe die Telekom der WESt rund 2000 Adressen genannt, wo angeblich 30.001 Kilobits geliefert werden, also minimal über der Fördergrenze. Wenn Betroffene den Gegenbeweis erbringen, dass diese Leistung tatsächlich gar nicht ankommt, könnten sie doch noch ans Glasfaser angeschlossen werden. Für fast die Hälfte der 30 Mbit/s-Adressen im Kreis könne diese Bandbreite nicht garantiert werden, „zum teil nicht mal bei 40 Mbit/s“, erläutert Ebhardt.

Für 62 Westerkappelner 30 Mbit/s-Haushalte sind solche Falschmeldungen bisher verifiziert. Demgegenüber gibt es 52 Adressen, die zunächst auf der Ausbauliste standen, obwohl sie schon FTTH („Fiber to the home“ – „Glasfaser bis zur Wohnung“) haben. Einschließlich der drei Westerkappelner Schulen, die nach Anpassung der Richtlinien auf jeden Fall förderfähig sind, gibt es aktuell 823 Ausbauadressen.

Doch noch kein DG-Zuschlag

Anders als von Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer vor zwei Monaten verkündet, gibt es für den Breitbandausbau doch noch keinen Zuschlag an die Deutsche Glasfaser (DG) Holding GmbH. Aufgrund der vielen Korrekturen sei eine neue Verhandlungsrunde gestartet worden, sagt Ebhardt. Bis zum 12. April laufe die Frist für ein finales Angebot.

Nach jetzigem Stand bleiben von 3281 Adressen mehr als ein Viertel (927) ohne FTTH-Anschluss. Das betrifft insbesondere Haushalte im und nahe des Ortskerns. Ebhardt empfiehlt, in diesen Bereichen gegebenenfalls erneut eine Nachfragebündelung durch die DG zu initiieren.

In Obermetten, wo Innogy diverse Kunden mit bis zu 50 Mbit/s hat, könnten vielleicht andere Förderprogramm genutzt werden, zumal Innogy – anders als andere Anbieter – nicht auf Vectoring aufrüste. Und in Handarpe und Hambüren sollten einige Haushalte möglicherweise eine Mitversorgung einfordern, wenn der (förderfähige) Nachbar Glasfaser bekommt, rät Ebhardt. „Beifang“ nennt er das.


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