Kritik an Tragehilfen für Rettungsdienst Westerkappelner Feuerwehr immer öfter gefordert

Von Frank Klausmeyer

Noch nie hatte die Freiwillige Feuerwehr Westerkappeln so viele Einsätze wie 2018. Der Trend geht schon seit Jahren nach oben. Grafik: WNNoch nie hatte die Freiwillige Feuerwehr Westerkappeln so viele Einsätze wie 2018. Der Trend geht schon seit Jahren nach oben. Grafik: WN

Westerkappeln. Im Jahr 1968 rückte die Freiwillige Feuerwehr insgesamt 13 Mal aus, wie der damalige Wehrführer Heinrich Hischemöller berichtete. Darüber können Gemeindebrandinspektor Ingo Bünemann und seine Leute heute nur müde lächeln. Im vergangenen Jahr wurde die Westerkappelner Wehr zehnmal so oft gerufen. Warum ist das so?

131 Mal wurde die Westerkappelner Feuerwehr im vergangenen Jahr alarmiert – so oft, wie noch nie in ihrer Geschichte. Von 2004 bis 2014 lag die Zahl der Einsätze stets irgendwo zwischen 50 und 80. Seit vier Jahren liegt sie dagegen immer im dreistelligen Bereich. 

Ein Grund: Straßenverkehr

45 Mal musste die Feuerwehr 2018 zu Bränden ausrücken, dazu zählten auch zwei Großfeuer in Saerbeck und Mettingen. Insgesamt hielten sich die Löscheinsätze aber im Rahmen. Wenn auch die technische Hilfe nach Verkehrsunfällen oder das Abstreuen von Ölspuren vergangenes Jahr nicht ausgeufert sind, mache sich doch der weiter wachsende Straßenverkehr für die Feuerwehr bemerkbar, sagt Bünemann.

Gestiegen seien auch die Anforderungen bei Unwettern. 20 Mal musste die Feuerwehr vergangenes Jahr deswegen ausrücken. „Dabei hatten wir nicht einmal Starkregenereignisse“, betont der Gemeindebrandinspektor. Meistens hätten Bäume nach Stürmen von der Straße gezogen werden müssen. „Die Tendenz geht nach oben“, meint Bünemann. Ob hier die von Wissenschaftlern festgestellte Klimaveränderung bereits spürbar wird, ist zwar Spekulation. Aber: „Wir werden es auch in Zukunft mit vielen Extremen zu tun haben“, ist der Westerkappelner Feuerwehrchef überzeugt: „Viel Hitze, viel Wind und viel Wasser scheinen sich zu häufen“, womit er nicht zuletzt auf trockenheitsbedingte Flächenbrände im Sommer und heftige Platzregen abzielt.

Hilflose Personen

Neben Verkehr und Wetter schlägt sich offensichtlich nun auch der demografische Wandel in den Einsatzstatistiken nieder. Häufiger als früher werde die Wehr für die Öffnung von verriegelten Türen gerufen, weil dahinter hilflose Personen vermutet werden, berichtet Bünemann. 2018 gab es fünf Fälle. „Wir sind natürlich kein Schlüsseldienst.“

„Irgendwas schief“ läuft nach Worten des Wehrführers bei den Einsätzen als Tragehilfe für den Rettungsdienst. Diese nähmen merklich zu. Er nennt ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr, als ein Patient mit dem Taxi vom Krankenhaus nach Hause gebracht wurde und nach einem Anruf der Kreisleitstelle dann von seinen Leuten in die Wohnung getragen werden musste. „Dafür ist die Feuerwehr nicht da“, erklärt Bünemann.

Ärger über "unentgeltliche Krankentransporte"

Thema war das vor einer Woche auch bei der Generalversammlung der Feuerwehr. Stellung bezog dazu unter anderem der stellvertretende Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes Guido Roters: „Es kann nicht sein, dass es zur Selbstverständlichkeit wird, dass ehrenamtliche Feuerwehrleute von ihrem Arbeitsplatz geholt werden, um unentgeltlich Krankentransporte zu unterstützen“, mahnt er und schließt dabei eine anteilige Rechnungsstellung für die Zukunft nicht aus.

Laut Helmut Heuing, Leiter des für den Rettungsdienst zuständigen Kreisordnungsamtes, ist es in der Tat so, dass eine „gewisse Tendenz“ zu mehr Tragehilfeeinsätzen im Kreisgebiet zu beobachten ist. „Bisher gibt es allerdings keine statistischen Auswertungen darüber, so dass wir leider keine belastbaren Zahlen liefern können.“ Im Verhältnis zu anderen Einsätzen dürfte es nach Heuings Einschätzung aber noch eine geringe Zahl sein.

Lohnersatz an die Arbeitgeber

Gleichwohl betreffe diese Entwicklung vor allem Freiwillige Feuerwehren, räumt der Kreisordnungsamtsleiter ein. Denn hier sei es ja so, dass die Feuerwehrleute oftmals während ihrer Arbeitszeit zum Einsatz gerufen werden. Wenn diese freiwilligen Feuerwehrleute zu solchen Einsätzen, also auch zu den Tragehilfeeinsätzen, herausrücken müssen, sei die jeweilige Kommune dazu verpflichtet, Lohnersatz an die Arbeitgeber zu zahlen. Die Kosten könnten die Kommunen sich vom Kreis erstatten lassen, erläutert Heuing. „Dazu müssen sie allerdings die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen.“ Diesbezüglich sei der Kreis bereits mit den Städten und Gemeinden im Gespräch, um die Kommunen dabei zu unterstützen.

Immerhin: Bünemann sieht die Westerkappelner Feuerwehr trotz der steigenden Einsatzzahlen personell gut gerüstet. „Wir bauen immer weiter auf.“ Zuversichtlich ist er, dass es gelingt, vor dem Hintergrund der Tagesverfügbarkeit eine 200-prozentige Personalreserve zu schaffen – gemessen an den Aufgaben und Fahrzeugen. Denn von den derzeit 85 Frauen und Männern in Westerkappeln und Velpe sind natürlich immer auch welche auf der Arbeit unabkömmlich, im Urlaub oder krank. Deshalb liege er der Gemeinde „auch ständig damit in den Ohren“, diese möge bei der Einstellung von Mitarbeitern auch einen Blick in die Bewerbung nach der Eignung für den Feuerwehrdienst richten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN