Wie schwer wiegt die Schuld? Letzter Schlagabtausch im Salzgitter-Prozess

Verena Mai

Meine Nachrichten

Um das Thema Westerkappeln Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

War es eiskalter Mord oder Totschlag aus purer Verzweiflung? Im Prozess gegen den Westerkappelner, der seine Ex-Freundin vor den Augen der vier Kinder erschossen haben soll, wurden die Plädoyers gehalten. Foto: Dominique Leppin/dpaWar es eiskalter Mord oder Totschlag aus purer Verzweiflung? Im Prozess gegen den Westerkappelner, der seine Ex-Freundin vor den Augen der vier Kinder erschossen haben soll, wurden die Plädoyers gehalten. Foto: Dominique Leppin/dpa

Braunschweig/Westerkappeln. „Wenn jemand vier Kindern die Mutter genommen und eine mutige Frau umgebracht hat, wenn es jemand verdient hat, für eine Tat lebenslang in Haft zu bleiben, dann der Angeklagte“ – der Staatsanwalt legte im Mordprozess vor dem Landgericht Braunschweig im Plädoyer seine Argumente für die Schuld des für ihn voll schuldfähigen Angeklagten dar.

Er sprach von einer geplanten Hinrichtung im Mai 2018 in Salzgitter „aus Selbstsüchtigkeit“. Der Angeklagte habe es nicht ertragen, dass seine Ex-Lebensgefährtin „für sich und die Kinder etwas anderes erhoffte“, als Marionetten zu sein in einem Leben, das der Angeklagte durch seine religiöse Überzeugung prägte.

Dabei habe der Mann gar nicht so sehr die Kinder im Blick gehabt, wie er immer wieder betont hatte, führte der Staatsanwalt aus. So habe er einen Sohn mit einem Gürtel geschlagen und sei auch einmal in einen mehrwöchigen Urlaub gefahren, während seine Ex-Frau mit den vier Kindern und 50 Euro Bargeld zuhause blieb. „Das zeigt, wie die Familie aussah: Der Angeklagte im Zentrum, alle anderen mussten sich um ihn herum arrangieren.“

Der Mann habe sich schon vor dem Sorgerechtsprozess in Tecklenburg im Mai 2018 über den Weg zu den Eltern der inzwischen getrennt von ihm lebenden Lebensgefährtin in Salzgitter informiert. Nach dem für ihn unbefriedigenden Ergebnis im Amtsgericht habe er damals seiner Ex-Frau eine Drohung zugeraunt, womit er „die Exekution gemeint“ habe, so der Staatsanwalt. Zudem hatte er sich bei seinem Arbeitgeber abgemeldet und verlangt, ausstehenden Lohn seiner Mutter zu übergeben – laut Anklagevertreter eines der Indizien für den Tötungsentschluss. Auch durch die lange Zeit bis zur Ausführung handle es sich zudem nicht um eine Affekttat.

Eiskalte Hinrichtung?

„So wolltest du das“, soll er schließlich in Salzgitter im Angesicht der Familie seiner Ex-Frau gesagt haben, als er mit gezückter Pistole aus seinem Wagen gesprungen war. Darauf kam es zum Gerangel mit der Mutter und der Schwester des späteren Opfers. Dass jemand den Angeklagten von hinten angegriffen hätte, wie der ausgesagt hatte, „ist auch nicht im Ansatz zu beweisen“, so der Staatsanwalt. Auch nachdem er das Opfer vor den Augen der Kinder getötet hatte, habe er noch versucht, weiterzuschießen und weitere Opfer riskiert, doch die Waffe blockierte.

„Niemand kann die Auffassung vertreten, die Schüsse seien versehentlich abgegeben worden.“ Auch den Zweifel an einem Vorsatz könne man nicht ernsthaft diskutieren, so der Anklagevertreter. Wenn man Leben nimmt, weil man denkt, es sei besser zu töten, als die Kinder der Frau zu überlassen, handele es sich um einen niederen Beweggrund, argumentierte er. Der Angeklagte habe dem späteren Opfer jedes Lebensrecht abgesprochen, weil sie vom Glauben abgefallen sei.

Staatsanwalt betont besondere Schwere der Schuld

Er habe auch keine Reue oder Bedauern im Gericht gezeigt und kein Geständnis abgelegt. Nach der Tötung hätte er die Kinder mitnehmen können – aber es sei eben nicht um sie gegangen, so der Staatsanwalt. Der Mann habe die Frau für die Nichtüberlassung der Kinder bestrafen wollen, die damit seinem Einfluss entzogen waren. Die Strafen für die Verletzung der Schwester und den Schuss auf den Großvater samt Verstößen gegen das Waffengesetz fielen bei lebenslanger Haft nicht ins Gewicht, so der Staatsanwalt, der die besondere Schwere der Schuld festzustellen beantragte.

Keine Tötungsabsicht?

Die Verteidigung plädierte hingegen auf zehn Jahre Haft wegen Totschlags. Denn: Keinesfalls hatte der Angeklagte im Sinn, zu töten als er sich nach Salzgitter aufmachte. Vielmehr habe er die Kinder sehen und eventuell etwas mit ihnen unternehmen wollen, deshalb habe er ein Auto für längere Zeit gemietet. Schließlich hatte er sie vier Monate nicht gesehen. Eine Flucht habe er aber nicht geplant. Wenn man fliehen wolle, mache man sich keine Gedanken um einen ordnungsgemäßen Mietvertrag für einen Wagen, argumentierte der Verteidiger. Der Angeklagte sei in der Familie von Beginn an nicht gut gelitten gewesen, schilderte er und nannte es dann auch „in gewisser Weise verständlich“, dass er mit einer Waffe zum Selbstschutz nach Salzgitter gefahren sei: „Weil er Angst hatte.“ Eine Klärung wollte er dort erreichen, so der Verteidiger.

Der Angeklagte habe in Salzgitter auch nicht sofort auf seine Ex-Frau geschossen. Und dann sei alles ganz schnell gegangen. „Kein Zeuge hat gesagt, dass er gezielt angelegt hätte“, betonte der Verteidiger.

Er hätte das spätere Opfer ja auch gleich nach der Trennung töten können oder nach dem Gerichtsprozess auf dem Parkplatz, wenn er das gewollt hätte, führte der Anwalt aus. Aber er habe dort das Gespräch gesucht, dass in den vier Monaten zuvor nicht möglich gewesen sei. „Ist es Eigensucht, wenn man versucht, für seine Kinder etwas durchzusetzen?“, fragte der Verteidiger im Hinblick auf den Willen des Vaters, die Kinder im islamischen Glauben aufwachsen zu lassen.

Verteidigung sieht Totschlag aus Verzweiflung

Der Angeklagte habe sich auch immer wieder um Kontakt zu den Kindern bemüht und hätte ja auch sonst nicht den Prozess in Tecklenburg angestrengt. Er habe erkannt, dass er trotz Heirat – nach islamischem Recht – keine Rechte an den Kindern hatte. Im Amtsgericht konnte er auch nichts erreichen, „die Verzweiflung war sehr groß.“

Familienangehörige des Angeklagten hätten das Verhältnis zu seinen Kindern und seiner Frau anders schildern können, so habe man aber nur die von Trauer oder auch Wut gefärbten Aussagen der Opfer-Verwandten, die zudem nicht oft in Westerkappeln gewesen seien und damit nur kurze „Spotlights“ aus dem Familienleben mitbekommen hätten. Die Trennung erfolgte im Januar 2018 auch nicht, weil die Familie nichts zu Essen hatte, betonte er, immerhin hätten sie ja ein „ganz passables Auto“.

Der Verteidiger führte die „sehr kurze Tatausführung“ des Angeklagten an und die Gefühlslage aus Eifersucht, Enttäuschung, Wut und Verlustangst und stellte den Antrag auf besondere Schwere der Schuld infrage. Die Zeugen seien ja nicht in der Lage gewesen, zu sagen, was in Salzgitter genau passiert sei. Es gebe ein „erhebliches Maß an Schuld“, aber keine besonderen Umstände, sagte er.

Der Angeklagte verzichtete auf ein letztes Wort. Das Urteil wird am Mittwoch erwartet.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN