Angeklagter offenbar Islamist Mordprozess: Westerkappelner soll sich radikalisiert haben

Von Erik Westermann

Meine Nachrichten

Um das Thema Westerkappeln Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Der Tatort in Salzgitter: Medienvertreter und Polizisten warten hinter der Absperrung. Foto: dpa/Dominique LeppinDer Tatort in Salzgitter: Medienvertreter und Polizisten warten hinter der Absperrung. Foto: dpa/Dominique Leppin

Westerkappeln/Braunschweig Der mutmaßliche Mörder vom Jägerweg in Salzgitter entpuppt sich im Prozess vor dem Landgericht Braunschweig womöglich doch als radikaler Islamist und Sympathisant der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

Der Kosovo-Albaner aus Westerkappeln ist angeklagt, seine Frau (30) auf offener Straße mit einem Kopfschuss vor den vier gemeinsamen Kindern hingerichtet zu haben.

Vor allem die Schwester der Toten beschrieb am dritten Verhandlungstag den Radikalisierungsprozess des 38-Jährigen. Sie wurde bei dem Handgemenge nach dem Sorgerechtsstreit am 28. Mai selbst von einer Kugel getroffen.

Der Schütze soll seine frühere Lebensgefährtin im Familiengericht zuvor als „Schlampe“ bezeichnet haben, weil „sie das Kopftuch abgelegt hatte“, schildert die 32-Jährige. Ihre Schwester hatte sich vier Monate zuvor von ihm getrennt. Am Tag ihres Todes sprach das Amtsgericht Tecklenburg der Frau das Sorgerecht für die vier Kinder zwischen drei und sieben Jahren zu.

„Sie wollte frei leben, wie andere Frauen auch“

„Sie wollte frei leben, sich schminken, arbeiten, wie andere Frauen auch“, beschreibt ihre Schwester im Zeugenstand. Das alles habe ihr Mann ihr verboten. „Weil es unislamisch sein soll.“ Ihre eigene Familie, ebenfalls mit kosovarischen Wurzeln, bestehe aus gemäßigten Muslimen.

In den zwei Jahren vor der Tat des 28. Mai habe sich die radikale Haltung des Mannes verstärkt, erklärt die Schwester dem Schwurgericht: Er zwang ihr das Kopftuch auf. Auch die jüngste Tochter sollte zur Einschulung den „Hijab“ tragen. Die Mutter durfte nicht tanzen oder allein mit Männern sprechen, die nicht blutsverwandt waren.

Der 38-Jährige soll ständig in Gebetshäuser, zu Vorträgen womöglich radikaler Prediger oder nach Mekka gereist sein. Hierfür wandte er viel Geld der Familie auf, die von Sozialhilfe lebte und nie Urlaub gemacht haben soll. Er besuchte nach Informationen der Salzgitter Zeitung eine Moschee in Ibbenbüren, die von den Sicherheitsbehörden beobachtet wird. Seinen Namen änderte er ebenfalls: Der alte klang nicht islamisch genug.

Kinder sollten in Syrien aufwachen

Die zweite Schwester der Toten präsentierte dem Schwurgericht überraschend ein Foto aus der Wohnung des Angeklagten. Es zeigt dessen kleine Tochter vor der schwarzen Fahne des „Islamischen Staates“. Mit erhobenem Zeigefinger – in diesem Kontext ein Gruß radikaler Islamisten. Als seine Frau die Flagge fand, sollen die Probleme eskaliert sein. Mehrfach, sagte der Vater der Getöteten aus, habe der 38-Jährige erklärt, die Kinder sollten in Syrien aufwachsen. Und irgendwann habe er gesagt, wie „toll der Heilige Krieg ist“, schildert die älteste Schwester.

Zudem soll der 38-Jährige immer aggressiver gegenüber seinen vier Kindern geworden sein. Vor allem den jüngsten Sohn habe er geschlagen. Die Haltung des Schützen scheint zu Streit in der Beziehung geführt zu haben. Doch bis zur Trennung dauerte es. „Das ist der Mann, für den ich mich entschieden habe. Das ist vielleicht nur eine Phase“, wird sie wiedergegeben.

Trotz massiver Drohungen: „Wenn ich die Kinder nicht haben kann, dann du auch nicht“, zitiert die ältere Schwester der Toten aus einer Mail des Schützen an seine scheidende Frau. Das ging so weit, dass er ankündigte: „Wenn du dich trennst, lösche ich die Familie aus.“

„Er zielte gleich in unsere Richtung.“

Genau das hat er dann am 28. Mai versucht, glaubt die Familie der Toten. Mehr oder weniger übereinstimmend geben die Mutter, der Großvater und die ältere Schwester den warmen Frühsommertag wieder: Sie sitzen auf Klappstühlen vor dem Mehrfamilienhaus der Eltern. Nebenan spielen die Kinder, als plötzlich ein weißer Golf heranrast. Heraus steigt der Angeklagte – offenbar mit gezogener Waffe. „Er zielte gleich in unsere Richtung.“ Die Mutter versucht ihn aufzuhalten. „Er schubste mich beiseite.“ Sie klammert sich von hinten an ihn, er stürzt zu Boden. Und schießt der großen Schwester, die ihn ebenfalls aufhalten will, in die Hüfte. Ein Versehen, behauptet er.

Genau wie der nächste Schuss, der seine Frau trifft. Dagegen spricht neben dem Schusskanal im Kopf der Toten, der schräg von oben nach unten verläuft, auch die Aussage des Großvaters (84). Der Schuss sei gezielt erfolgt. Stehend. Aus kürzester Distanz in die Stirn.

Als Drittes soll der Täter auf den 84-jährigen Rentner gefeuert haben. Klemmte anschließend der Revolver? Wollte er womöglich wirklich „die ganze Familie ausrotten“, wie er angedroht haben soll? Hatte der fünfschüssige Trommelrevolver Ladehemmung?

Der eigene Vater „hat ihr Leben kaputt gemacht“

Aussagen von Nachbarn und ein Gutachten deuten darauf hin. Dass der Revolver klemmte, konnte der schwerhörige Großvater vor Gericht nicht bestätigen. Doch dass der mutmaßliche Mörder vom Auto aus noch einmal herüberschaute, um zu prüfen, wie viele Opfer er denn getroffen hatte, sagten alle drei Augenzeugen am Donnerstag aus. Seine Frau war kurz darauf tot.

Ein Schlag, von dem sich die Eltern nicht erholen können. Erst vor vier Jahren haben sie ihren jüngsten Sohn bei einem Unfall verloren. Die Kinder der Toten sind alle in Therapie. Immerzu würden die vier von der schrecklichen Tat sprechen, die sie mit ansehen mussten. Der eigene Vater „hat ihr Leben kaputt gemacht“, beschreibt eine ihrer Tanten die Situation.

Der Prozess wird am 20. Dezember fortgesetzt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN