Opfer sagt aus Schüsse durch Scheibe: Geständnis in Westerkappelner Mordprozess

Von Frank Klausmeyer

Meine Nachrichten

Um das Thema Westerkappeln Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Schmierereien im Schulzentrum: Unbekannte haben am Wochenende mehrere Wände besprüht. Die Schriftzüge lassen sich teilweise als Sympathiebekundungen für die drei Angeklagten verstehen. So sind an einer Stelle die Vor- bzw. Spitznamen des Trios aufgebracht. Darüber steht der Schriftzug „Nightclub“. So soll sich laut einer Notiz in einer Ermittlungsakte die Clique nennen, in der sich die Beschuldigten bewegten. Foto: wn/privatSchmierereien im Schulzentrum: Unbekannte haben am Wochenende mehrere Wände besprüht. Die Schriftzüge lassen sich teilweise als Sympathiebekundungen für die drei Angeklagten verstehen. So sind an einer Stelle die Vor- bzw. Spitznamen des Trios aufgebracht. Darüber steht der Schriftzug „Nightclub“. So soll sich laut einer Notiz in einer Ermittlungsakte die Clique nennen, in der sich die Beschuldigten bewegten. Foto: wn/privat

Westerkappeln/Münster. Vor dem Landgericht Münster ist der Prozess gegen drei junge Männer aus Westerkappeln fortgesetzt worden, die wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes angeklagt sind.

„Ich bin total zerstört und psychisch am Ende.“ Dass der 23-Jährige die Geschehnisse aus der Nacht zum Ostermontag heute noch einmal detailliert schildern muss, fällt ihm sichtlich schwer. Denn er schaute dem Tod quasi direkt ins Gesicht.

Ein 16-jähriger Westerkappelner feuerte damals drei Schüsse auf ihn ab. Zwei verletzten ihn lebensgefährlich. Der Jugendliche hat die Tat am dritten Prozesstag vor dem Landgericht Münster gestanden. Ob seine Einlassung aber wirklich vollumfänglich ist, wie es in der von seinem Verteidiger verlesenen schriftlichen Stellungnahme heißt, wird das weitere Verfahren zeigen müssen. (Weiterlesen: Prozess gegen drei junge Westerkappelner: Das Grab war schon geschaufelt)

Auf jeden Fall hat der 16-Jährige seine beiden wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes mitangeklagten Freunde ein wenig aus der Schusslinie genommen. Er gibt jetzt zu, dass er es war, der geschossen hat, und entschuldigt sich bei dem Älteren der beiden 18-jährigen Kumpel, weil er diesen offensichtlich in der polizeilichen Vernehmung als Schützen belastet hatte.

Motiv bleibt unklar

Das Motiv für die Bluttat bleibt indes weiter ein Rätsel. Denn der Anlass scheint mehr als nichtig gewesen zu sein. Das spätere Opfer solle seiner Cousine an den Hintern gefasst und ihr Drogen gegeben haben, schildert der 16-Jährige zur Vorgeschichte. Ungefähr eine Woche vor Ostern hatte es vor der Wohnung des damals 22-Jährigen in der Kreuzstraße darüber einen Streit gegeben, wobei dieser vom 16-Jährigen einen Faustschlag verpasst bekam.

Einen Tag vor Ostern habe ihn seine Cousine angerufen und berichtet, dass der 22-Jährige mit einem Küchenmesser in der Hand nach ihm suche. Er sei deshalb panisch und wütend zugleich gewesen. „Ich dachte, ich könnte nicht mehr angstfrei und sicher durch Westerkappeln laufen“, heißt es in der Stellungnahme des Westerkappelners.

Pistole aus dem Tresor seines Vaters entwendet

Am Ostersonntag reifte dann wohl der Plan, dem vermeintlichen Widersacher eine Abreibung zu verpassen. Dafür holte der 16-Jährige nach eigener Darstellung in einem unbemerkten Moment die Pistole aus dem Tresor seines Vaters, obwohl dieser den Schlüssel immer penibel versteckte. „Ich habe ihn aber gefunden“ – nicht das erste Mal. Die Waffe habe er mitnehmen wollen, um seinem Kontrahenten zu zeigen, „wer den längeren hat“.

„Wir wollten ihn nicht töten“, versichert der 16-Jährige. Die Aussage gegenüber Freunden, er wolle den 22-Jährigen umbringen, sei nur „Rederei“ gewesen. Das Loch, das die drei Angeklagten kurz vor der Tat gemeinsam auf dem Spielplatz an der Timpenstraße ausgehoben hatten, sei nicht „konkret als Grab gedacht“ gewesen. „Über die Abreibung hinaus gab es keinen weiteren Plan“, behauptet der Jugendliche. Vor der Tat will der 16-Jährige Amphetamine geschnupft haben, was selbst der Sachverständigen, die ihn begutachtet hat, neu war.

Opfer rief die Polizei

Etwas später versuchten die drei Angeklagten, durch das Badezimmerfenster im Erdgeschoss in die Wohnung an der Kreuzstraße einzubrechen. Dort wollte das Trio auf den 22-Jährigen, von dem man annahm, er sei nicht zu Hause, warten. Stattdessen wurden die drei von ihm überrascht. Dieser rief die Polizei.

Als der 16-Jährige seine Hand bereits durch die kaputte Scheibe streckte, um das Fenster von innen zu öffnen, trat der 22-Jährige gegen den Rahmen und klemmte den Arm des Hauptbeschuldigten ein. „Ich hatte höllische Schmerzen.“ Er sei von einer Mülltonne gestürzt, auf die er sich gestellt hatte, und habe dabei sein Handy verloren. Deshalb sei er noch einmal mit dem älteren der mitangeklagten 18-Jährigen zurückgelaufen. „Es war so, als wenn bei mir eine Sicherung durchgebrannt wäre.“ Dreimal habe er dann durch die Milchglasscheibe geschossen. Dass der 22-Jährige dahinter stand, habe er nicht gesehen.

Mordabsicht per Whats-app-Sprachnachricht

Dass er noch auf der Flucht einen Freund per Whats-app-Sprachnachricht aufgefordert haben soll, den 22-Jährigen zu töten, begründet der 16-Jährige damit, Angst gehabt zu haben, das Opfer, von dessen Verletzungen er ja zunächst nichts gewusst habe, könne sich an seiner Familie rächen.

Der Hauptbeschuldigte soll durch das geschlossene Fenster drei Schüsse auf abgegeben haben.Foto: Katja Niemeyer

Für den Staatsanwalt sind die Einlassungen des 16-Jährigen der „unbeholfene Versuch, von der Tötungsabsicht wegzukommen“. Aufgrund der jetzigen Beweislage werde dies wohl scheitern. Auch der Vorsitzende Richter deutet mit Hinweis auf die Handy-Chats vorsichtig an, „dass das in eine andere Richtung geht“.

Opfer von der Tat gezeichnet

Das Opfer ist noch immer von dem Angriff gezeichnet. Lange Narben werden wohl auf Dauer von den Schüssen und den Operationen zeugen. Ein Rechtsmediziner beschreibt die Verletzungen: Eine Kugel wurde quer durch den Bauch geschossen, traf Rippen, zerstörte einen Teil der Leber und verletzte eine Schlagader und eine Arterie. Das zweite Projektil blieb im Rücken stecken, nachdem es zuvor den kompletten linken Lungenflügel und weitere Rippen getroffen hatte. Das Herz und die Hauptschlagader seien nur knapp verfehlt worden. Ohne die schnelle intensiv-medizinische Versorgung am Tatort und die anschließende chirurgische Blutstillung wäre der 22-Jährige „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ verblutet, erklärt der Gutachter.

Das Opfer wird am dritten Prozesstag ausführlich vernommen. Immer wieder fragen Richter, Staatsanwalt und Verteidiger, ob er mit Drogen gehandelt habe, was der heute 23-Jährige vehement verneint. Er habe lediglich einer Bekannten der Angeklagten – „das war ein Kind“ – Oregano statt Marihuana verkauft, „um ihr eine Lektion“ zu erteilen.

Die Wohnung nie wieder betreten

An die beinah tödlichen Schüsse durch das Badezimmerfenster kann er sich noch gut erinnern. Als sie fielen, telefonierte der 22-Jährige gerade mit der Polizei. Der 16-Jährige habe die Pistole mit beiden Händen gehalten und abgedrückt, seine zwei Komplizen hätten daneben gestanden und sich die Ohren zugehalten.

Die beiden 18-Jährigen hatten ausgesagt, weiter abseits gestanden zu haben. Der 22-Jährige hat seine Wohnung an der Kreuzstraße nach eigenen Worten nie wieder betreten. Er wohnt jetzt bei den Eltern in Rheinland-Pfalz.


Schmierereien im Schulzentrum

Die Polizei hat Ermittlungen wegen Sachbeschädigung im Westerkappelner Schulzentrum aufgenommen. Als Täter kommen möglicherweise Personen aus dem Umfeld der drei jungen Männer in Frage, denen derzeit vor dem Landgericht Münster wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes der Prozess gemacht wird. An verschiedenen Stellen wurden Wände mit schwarzer Sprühfarbe beschmiert, die teilweise als Sympathiebekundungen für die drei Angeklagten verstanden werden könnten. So wird an einer Stelle Freiheit für den 16-jährigen Hauptbeschuldigten gefordert. An einer anderen Stelle wurden die Vor- bzw. Spitznamen der drei Angeklagten aufgebracht. Darüber steht der Schriftzug „Nightclub“. So soll sich laut einer Notiz in einer Ermittlungsakte die Clique nennen, in der sich die Beschuldigten bewegten.

Die Wände müssen nach den bisherigen Ermittlungen im Zeitraum zwischen Sonntag um 14 Uhr und Montagmorgen um 7 Uhr beschmiert worden seien. Die Polizei sucht Zeugen. Hinweise nimmt die zuständige Wache in Ibbenbüren unter   05451/591-4315  entgegen.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN