In Osnabrück geschnappt Westerkappelner wegen versuchten Mordes vor Gericht

Von Frank Klausmeyer

Meine Nachrichten

Um das Thema Westerkappeln Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Westerkappeln. Es ist ein teuflischer Plan: Drei junge Männer aus Westerkappeln graben am Ostersonntag dieses Jahres etwa eine Stunde vor Mitternacht ein Loch auf dem Spielplatz an der Timpenstraße. Darin wollen sie eine Leiche spurlos verschwinden lassen. Ihr Opfer ist ein 22-jähriger Bekannter, mit dem es Streit gab.

Ein paar Stunden später fallen drei Schüsse an der Kreuzstraße. Der 22-Jährige wird von zwei Kugeln getroffen, eine Notoperation rettet sein Leben. So soll sich – kurz skizziert – eine Bluttat abgespielt haben, wegen der die Staatsanwaltschaft einen 16-jährigen Westerkappelner und seine beiden jetzt 18-jährigen mutmaßlichen Komplizen angeklagt hat. Seit Mittwoch müssen sich die drei Männer dafür vor der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Münster verantworten.

Weil einer der Beschuldigten zum Tatzeitpunkt volljährig war, wird vor Publikum verhandelt. Das Gericht lehnt den Antrag der Verteidiger, Zuhörer auszuschließen, ab. Angesichts der Schwere der Vorwürfe überwiege das öffentliche Interesse, begründet der Vorsitzende Richter die Entscheidung.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass die drei Angeklagten den festen Vorsatz geschmiedet hatten, den 22-Jährigen „überfallartig zu töten und auszurauben“. Das Motiv: Angeblich hat das spätere Opfer Bekannte aus dem Umfeld der Clique mit Drogen versorgt.

Am späten Abend des 1. April trafen sich die drei mutmaßlichen Täter laut Anklage zunächst auf dem Spielplatz, um ein Grab auszuschaufeln. Dieses gruselige Detail war erst im späteren Verlauf der Ermittlungen bekannt geworden. Einer der Angeklagten hatte mit seinem Smartphone Fotos von der Grube gemacht.

Der Staatsanwalt schildert das weitere Geschehen so: In der Nacht zum Ostermontag versucht das Trio gegen 2.45 Uhr, den 22-Jährigen in seiner Erdgeschosswohnung zu überfallen. Da niemand öffnet, wollen die Täter durch ein Badezimmerfenster einbrechen. Dafür besorgen sie sich noch schnell zwei Schraubenzieher und ein Cuttermesser.

Beim Aufhebeln des Fensters werden sie jedoch vom 22-Jährigen entdeckt. Dieser geht tatsächlich von einem Einbruchsversuch aus und informiert übers Handy die Polizei. Als er das bereits offene Fenster zuschlägt, feuert der 16-Jährige drei Schüsse aus einer Pistole (Heckler & Koch – Kaliber 9 Millimeter) ab. Die Waffe soll seinem Vater gehört haben.

Eine Kugel verfehlt das Ziel. Die beiden anderen treffen den 22-jährigen. Ein Projektil verletzt die Leber, das andere bleibt im Schulterblatt stecken, nachdem es zuvor einen Lungenlappen gestreift hat. „Ohne Notoperation wäre das Opfer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verstorben“, erklärt der Staatsanwalt.

Die drei Kumpane flüchten zunächst unerkannt. Um 3.40 Uhr verschickt der 16-Jährige eine Whatsapp-Sprachnachricht an einen weiteren Freund, der in dieser Nacht eigentlich dabei sein sollte, aber nicht erschienen ist. Darin habe er den Kumpel beauftragt, den 22-Jährigen im Krankenhaus zu töten. „Digger, Du musst das irgendwie hinkriegen“, zitiert der Staatsanwalt aus dem Chat. Der Kumpel folgt der Aufforderung aber nicht.

Der Mordanschlag wurde von der Polizei zügig aufgeklärt. Der älteste der drei Männer wurde einen Tag später in der elterlichen Wohnung in Westerkappeln verhaftet, der 16-Jährige und sein damals 17-Jähriger Freund wurden am selben Tag in einem Osnabrücker Hotel gefasst, wo sie erst einmal untertauchen wollten.

Am ersten Prozesstag lässt sich der älteste der drei Angeklagten zu den Geschehnissen ein. Im Wesentlichen bestätigt er – immer wieder unter Tränen – die Vorwürfe der Anklage. Er belastet den 16-Jährigen schwer: Dieser habe geschossen. Warum es zu diesem Verbrechen kam, bleibt in seiner Aussage ziemlich diffus. Er spricht von einer Bekannten, die der 22-Jährige angeblich mal angefasst habe und von Drogen, die das Opfer unter anderem der Cousine des 16-Jährigen verabreicht habe.

Vage deutet der 18-Jährige an, dass der jüngste Angeklagte so etwas wie der Rädelsführer war. So habe dieser in der Vergangenheit beim Treffen der Clique mehrfach eine Waffe dabei gehabt und „ein-, zweimal damit in die Luft geschossen“. Und: Nachdem klar gewesen sei, dass der 22-Jährige noch lebt, habe der 16-Jährige auch gesagt, „wir müssen das zu Ende bringen“.

Seine eigene Rolle spielt der 18-Jährige herunter. Beim Ausheben des Grabes habe er gedacht, das sei nicht ernst gemeint. Dass der 16-Jährige eine Pistole dabei hatte, will er erst vor der Wohnung des Opfers bemerkt haben. „Ich wollte nichts übertrieben Schlimmes machen“, versichert er. Warum er dann mit Baseballschläger und Schlagstock in der Hand vor der Tür des 22-Jährigen stand, wie er selbst einräumt, kann der 18-Jährige auf Nachfrage des beisitzenden Richters auch nicht erklären.

Der Prozess soll am 12. Oktober fortgesetzt werden. Dann sind auch Einlassungen der beiden anderen Angeklagten zu erwarten. Zumindest der 16-Jährige wird wohl einen ganz anderen Sachverhalt zu Protokoll geben, wie sein Verteidiger am Mittwoch durchblicken lässt. Das Gericht ermuntert die drei jungen Männer, die Wahrheit zu sagen. „Mit einer Einlassung kann man deutliche Punkte für ein geringeres Strafmaß erzielen.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN