Reinhildis-Geheimnis gelöst? Autor: Frau im Wappen Westerkappelns war Grafen-Tochter

Von Stephan Beermann

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Westerkappeln. Wer ist die Frau im Wappen von Westerkappeln? Diese Frage versuchte Heinz Schröer, Vorstandsmitglied im Kultur- und Heimatverein Westerkappeln, in seinem vor zehn Jahren erschienenen Buch „Begegnungen mit Reinhildis“ zu beantworten. Prof. Siegfried G. Schoppe hat das Rätsel jetzt vielleicht gelöst.

Die Geschichte der Riesenbecker Dorfheiligen und Namenspatronin der Hörsteler Pfarrgemeinde St. Reinhildis hat ihn seit jeher beschäftigt. Nach seiner Emeritierung hat der gebürtige Hörsteler die Zeit gefunden, sich mit der Legende zu beschäftigen. Seine Ergebnisse hat er in einem Buch veröffentlicht. Stephan Beermann hat ihn dazu befragt.

Prof. Schoppe, Ihr Buch liefert Stoff für mehrere Krimis. Mord, Totschlag, Intrige, Geschwisterhass – und das alles in der europäischen High Society des Mittelalters. Wer ist der Täter in diesem Schurkenstück?

Derjenige, der die Sache in diese ungute Richtung gebracht hat: der Vater der Reinheldis. Das ist der Graf Wichmann II. der Jüngere aus dem Stamm der Billunger bzw. Wichmann I. von Hamaland. Er stammt aus Elten am Niederrhein, dem heutigen Emmerich. Wann er genau lebte, weiß ich nicht. Er verschwindet ein Jahr nach Reinheldis‘ Tod aus den Akten. Er ist wahrscheinlich 974 ins Kloster gegangen, nachdem er gesehen hat, was er da angerichtet hat. Die Wichmanns sind ein Abzweig der Billunger an der Grenze zu Lothringen. Sie waren Teil der großen europäischen Politik und nach heutigem Maßstab Milliardäre.

Was ist dem Mann vorzuwerfen?

Nach dem Tod seines erbberechtigten Sohnes blieben ihm zwei Töchter: Liudgarda, die ältere, und Adele, die jüngere. Kurz vor der Jahrtausendwende und dem von vielen erwarteten Weltuntergang hat er, um sein Seelenheil zu retten, seine Burg zu einem Kloster umgewandelt und die ältere Tochter zur Äbtissin ernannt. Er hat versucht, sein gesamtes Vermögen auf die Äbtissin zu übertragen, und verstieß damit gegen geltendes Erbrecht. Das rief die jüngere Tochter Adele auf den Plan. Die kam zu kurz und hat ihren Teil nach sächsischem Recht eingefordert.

Wo liegt jetzt der Bezug zu Riesenbeck?

Da es noch keine Tecklenburger oder Ravensberger Grafschaft in unserer Region gab, regierte der Graf von Elten aus 110 Kilometer Entfernung mit in unsere Umgebung hinein. Die weltliche Herrschaft in der Umgebung war in der Hand der Bischöfe von Münster und Osnabrück. Dieser Wichmann hatte in unserer Gegend viele Zinshöfe. Durch die Übergabe des Erbes an die ältere Tochter waren diese leibeigenen Höfe automatisch dem Stift von Elten zur Zinsabgabe verpflichtet. Deshalb hat Liudgarda, die sich mit Eintritt ins Kloster Reinheldis nannte, diese Höfe regelmäßig bereist und kam so nach Riesenbeck.

...wo sie, Ihrer Darstellung nach, den Tod fand.

Richtig. Es gab dafür keine Augenzeugen. Die genauen Todesumstände blieben ungeklärt. Aber in den Akten ist vermerkt, dass man die jüngere Schwester Adele für die Mörderin Liudgardas hielt. Der Besuch in Riesenbeck, außerhalb der Klostermauer, bot eine gute Gelegenheit zur Tatausführung. In den Chroniken wird behauptet, Liudgarda sei vergiftet worden. Ich gehe davon aus, dass sie mit dem Knollenblätterpilz vergiftet wurde. Liudgarda war als Person in Riesenbeck und Westerkappeln nicht bekannt, als sie dort starb. In der einzigen verfügbaren Kirche wurde sie aufgebahrt und vom Pfarrer „Grete“ getauft, weil sie dort keinen Namen hatte. In Riesenbeck gründete ihr Vater daraufhin eine Kirche. Namenspatron war, wie bereits bei einer anderen Wichmann-Kirche im heutigen Holländischen, der Märtyrer Kalixtus. Dort in Venlo, gab es bereits eine Kalixtus-Kirche mit den nötigen Heiligenreliquien. Davon wurde ein kleiner Teil abgezweigt für die Riesenbecker Kirche.

Warum benannte er die Kirche denn nicht nach seiner Tochter Liudgarda?

Das ging wegen des vorangegangenen Rechtsstreits nicht. Mit der Erbschaftsübertragung hatte sich Liudgarda ins Unrecht gestellt. Deshalb wurde die Verstorbene auch nicht als Liudgarda, sondern als Reinheldis verehrt.

Demnach ist Liudgarda Ihrer Einschätzung nach identisch mit Reinhildis?

Ja, genau. Reinheldis war der Name, den sie im Kloster angenommen hatte. Die Wahl des Namens geht zurück auf die Pfalzgräfin von Brabant, gestorben im Jahr 680, die 300 Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen wurde.

Wurde Liudgarda denn in Riesenbeck beigesetzt?

Nein, ihr Leichnam wurde ins Stift Elten gebracht. Aber das Grab existiert dort nicht mehr. Es war üblich, eine Gründungsäbtissin heiligzusprechen. Das war besonders einfach, wenn sie als Märtyrerin starb, dann brauchte man keinen Heiligsprechungsprozess. Die Heiligkeit der Reinheldis von Brabant wurde so auf die Reinheldis von Riesenbeck übertragen. Ein Grab der Reinheldis hat es dort nie gegeben, wohl aber immer schon eine Gedenktafel. Die heutige Gedenktafel wurde ja erst rund 200 Jahre nach ihrem Tod geschaffen, um 1190.

Auch darüber haben Sie eine Theorie entwickelt.

Ich gehe davon aus, dass die Riesenbecker Grabplatte aus Baumberger Sandstein ursprünglich als Grabstein der Liudgarda in Elten lag. Erst später, nach ihrer Umarbeitung, wurde die Platte zur Gedächtniskirche nach Riesenbeck geschafft. Das Bildnis wurde erst um 1190 gemeißelt, aber der Stil ist eindeutig ottonisch, also 200 Jahre früher. Die heute bekannte Gedächtnisplatte ließ der Bischof von Osnabrück schaffen.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass Riesenbeck Anlaufstelle für Jakobspilger war. Wie sind da die Legenden zu verstehen, die die Riesenbecker Reinhildis umgaben?

Das ist alles frei erfunden. Die Motive der Ochsen, der Quellen und mehrfachen Todes usw. waren damals weit verbreitet. Es wurde ja nicht nur der Name der Reinheldis von Brabant nach Riesenbeck gezogen, sondern auch deren Heiligenlegenden und Geschichten. In Riesenbeck konnten diese Geschichten in der geschilderten Form gar nicht stattgefunden haben. Zum Beispiel konnte es dort keine Reinheldis als Hoferbin geben, weil es dort nur Leibeigene gab; das Land gehörte dem Grafen. An der Legende der Reinheldis wirkten in Riesenbeck von Beginn an die vom Graf eingesetzten Pfarrer mit, weil sie vom Zustrom der Pilger profitierten. Dabei wurde die Geschichte natürlich auf die örtliche Begebenheit angepasst.

Was hat Sie am meisten überrascht?

Meistens steckt hinter einer Sage eine reale Person. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese geschichtliche Person verifizieren könnte. Das war für mich überraschend.

Haben Sie denn den Ortsnamen Riesenbeck in einer Urkunde oder Quelle vor der Jahrtausendwende ausfindig machen können?

Nein, das gibt es nicht.

Also etwas Spekulation Ihrerseits ist auch dabei?

Das ging ja nicht anders. Ich versuche, den Mythos aufzuklären. Sie finden keine Quelle mit konkreten Zeitangaben. Vieles erfolgt durch Ausschlussverfahren. Anders funktioniert das nicht. Als Wirtschaftswissenschaftler gehe ich immer von der Frage aus: „Wem nützt das?“


Mischung von Fakten und Spekulationen

Prof. Siegfried G. Schoppe, 73, in Hörstel geboren und aufgewachsen, ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2009 emeritierter Professor an der Universität Hamburg. Privat beschäftigt er sich gern mit den großen Mythen und Erzählungen der Menschheit. So stellte er die Hypothese auf, dass der Untergang des sagenhaften Atlantis mit der Flutung des Schwarzen Meers zusammenhängen könne. Zudem bestreitet er, dass Kalkriese der Schauplatz der Varusschlacht gewesen sein könnte. Nun hat er im Verlag Dr. Kova ein 172- Seiten- Büchlein vorgelegt, in dem er seine Theorie erneuert, dass es ein Bauernmädchen mit dem Namen Reinhildis, der Legende nach gemeuchelt von der Stiefmutter wegen ihres Glaubens und in Riesenbeck seit Jahrhunderten als Ortsheilige verehrt, so nie gab. Sondern dass die Ursprünge der Legende zurückreichen auf den damaligen europäischen Hochadel. In seinem neuen Buch „Sächsisches Land- und römisches Zivilrecht im Konflikt bei kirchlichen Vermögenszuwendungen im Mittelalter“ (ISBN 978-3-8300-9977-2) zieht der Autor eine Verbindung von der Reinhildis-Legende zu den Billungern, speziell der Familie Wichmann. Der ehemalige Staatsarchivdirektor von Münster und Herausgeber der Urkunden von Kloster Gravenhorst, Dr. Manfred Wolf, hatte diese Verbindung vor 15 Jahren hergestellt – und wurde dafür von gelernten Historikern vom Schlage eines Prof. Gerd Althoff, einem gebürtigen Riesenbecker, scharf attackiert. Dass auch Prof. Schoppe Mut zur fantasievollen Ausgestaltung hat, dürfte dem kritischen Leser bewusst sein. Vielleicht auch gerade deshalb liest sich sein Werk über den Fall „Alleinerbin Reinheldis“ wie die Vorlage zu einem mittelalterlichen Historienroman, der nach einer Filmproduktion schreit. Wer gern über Intrigen, unaufgeklärte Mordfälle und Vorbehalte gegen den Klerus liest, wird mit dieser Lektüre bestens bedient. Mancher aber wird sich an der Vermengung von dokumentierten Daten mit Vermutungen stoßen. Eines sollte jedem bei der Lektüre klar sein: Eine neue Quellenlage gibt es auch nach diesem Buch nicht.Stephan Beermann

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