Hoch hinaus zur „Anna“ Ein Besuch im Turm der Stadtkirche Westerkappeln

Von Katja Niemeyer

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Westerkappeln. Der Weg hinauf in den Turm der Stadtkirche Westerkappeln ist eng, staubig und dunkel. Was Wolfgang Echterhoff aber in keiner Weise zu beeindrucken scheint. Langsam, aber sicher nimmt er Stufe für Stufe in dem schmalen Treppenhaus. Auch die Holzleitern, die bis hoch in die Spitze reichen, überwindet der Ruheständler mühelos.

Wolfgang Echterhoff ist schon unzählige Male hier hoch gekraxelt. In den letzten Monaten sogar besonders häufig, weil das Uhrwerk immer wieder Mucken machte. Der 68-Jährige ist ehrenamtlicher Kirchbaumeister und muss dafür Sorge tragen, dass sämtliche Gebäude der evangelischen Gemeinde Westerkappeln in einem ordnungsgemäßen Zustand sind. Eine ehrenamtliche Arbeit, die ihn meistens glücklich stimmt, wie er sagt. Nur manchmal, da sei der Job „ganz schön frustrierend“. Dann nämlich, wenn er es mal wieder mit Vandalismus zu tun bekommt.

Morsche Türen und defektes Uhrwerk

Zuletzt waren es aber eher die Alterserscheinungen der Jahrhunderte alten Stadtkirche, die die ganze Aufmerksamkeit des Kirchbaumeisters erforderten. Als die morschen Stellen in den Kirchentüren überhand nahmen, rief er einen Tischler und einen Maler. Erst kürzlich rückten sie an und erneuerten und lackierten die Außenseiten der Türen.

Zuvor war es das mehr als 100 Jahre alte Uhrwerk gewesen, das ihn auf Trab hielt, weil es langsam, aber sicher seinen Geist aufgab. „Über Monate hinweg blieb die Uhr immer wieder stehen“, berichtet Wolfgang Echterhoff. Stets war er dann die buckeligen Steinstufen hinauf auf die erste Ebene des Kirchturms geklettert, auf der sich das Uhrwerk in einem alten Holzschrank mit großen Glasfenstern befindet. Er kramte den Schlüssel aus dem geheimen Versteck hervor, drehte hier, zog dort, bis die Zeiger wieder im korrekten Winkel zueinander standen. Nur, um einige Tage später festzustellen, dass die Uhr erneut ihren Dienst eingestellt hatte. „Es nützte alles nichts. Wir haben dann entschieden, eine automatische Zeitgebung einbauen zu lassen“, sagt Wolfgang Echterhoff. Gesagt, getan. Inzwischen läuft die Uhr wieder wie geschmiert. Und auch das aufwendige Aufziehen, das alle sechs Tage erledigt werden musste, entfällt seitdem.

Kehraus im Kirchturm

Als nächstes Projekt hat sich der Kirchbaumeister eine große Putzaktion in dem rund 43 Meter hohen Kirchturm vorgenommen, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Die Fußböden sind über und über bedeckt mit kleinen Ästen und Geröll. Es riecht muffig und in den Ecken sammeln sich jede Menge Staub und Spinnweben. Wolfgang Echterhoff hofft, das Presbyterium für die Arbeit gewinnen zu können. „Da müssen wir dann mit Atemschutzmasken und Handschuhen ran“, sagt der Westerkappelner, der früher das Osnabrücker Regionalbauamt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers leitete.

Anna hängt unter Glaube, Liebe und Hoffnung im Gebälk

Von der Etage mit dem Uhrwerk klettert Wolfgang Echterhoff an diesem Vormittag über eine Holzleiter ins Gebälk des Kirchturms. Hier hängen „Anna“ und eine weitere, allerdings namenlose, große Glocke. Beide sind Jahrhunderte alt und werden, um sie zu schonen, nur noch zu besonderen Anlässen geläutet. Darüber baumeln „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“, drei kleinere Glocken jüngeren Datums, die zu den Gottesdiensten erklingen.

Arbeitsplatz mit Überblick

Eine weitere Holzleiter, die bis fast in die Spitze des Kirchturms ragt, ist wohl schon lange nicht mehr betreten worden. Sie ist voll mit Spinnweben. Der Presbyter klettert dennoch entschlossen voran. Es dauert ein paar Minuten, bis er auf der kleinen Plattform den Lichtschalter findet. Erst danach wagt er sich weiter zu einer Klappe, die sich nur mühsam und auch nur einen Spaltbreit öffnen lässt. Die Aussicht, die sich ihm dahinter bietet, ist der mühsame Aufstieg aber allemal wert gewesen: Der rote Kirchplatz, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus, und die Dächer von Geschäfts- und Wohnhäusern sowie erstaunlich viele Bäume präsentieren sich aus der Vogelperspektive. Eigentlich kein schlechter Arbeitsplatz, wenn da nicht die Meldungen von zum Teil mutwilligen Zerstörungen wären, die den Kirchbaumeister immer wieder erreichen. Vor ein paar Jahren, berichtet er, seien es die Bälle gewesen, die beim Fußballspielen auf dem Kirchplatz in die Kirchfenster flogen. Aktuell habe er es mit einem aus den Angeln gehobenen Geländer am Jugendzentrum und mit Schäden an einer Wand am Dietrich-Bonhoeffer-Haus zu tun, die nur mit Gewalt entstanden sein konnten. Wolfgang Echterhoff schüttelt verärgert den Kopf. Eigentlich, ergänzt er dann mit einem Lächeln, „macht mir die Arbeit aber Spaß.“


Die alten Glocken der Stadtkirche

Die älteste der beiden großen Kirchturmglocken heißt „Anna“ und wurde 1519 gegossen. Nach Recherchen von Dr. Gunter Böhlke, Archivar des Kultur- und Heimatvereins Westerkappeln, wurde sie im Jahr 1942 beschlagnahmt und abgehängt. 1947 wurde die Glocke auf einem Lagerplatz in Geseke gefunden und nach Westerkappeln zurückgebracht. 1967 musste „Anna“ repariert werden. Die zweite große Glocke wurde 1641 gegossen. Sie hat keinen Namen. kn

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