Zitterpartie durch Sennlich Straßenkunde: Zitterweg hat nichts mit zittern zu tun

Von Astrid Springer


Westerkappeln Unweit des Westerkappelner Ortskerns verbindet ein unbefestigter Weg die Lotter Straße mit dem Kiärkweg. Er verläuft durch Wiesen und Felder und wird in Karten als Zitterweg bezeichnet. In Pente hat der Cappelner Zitterweg einen Namensvetter, der es sogar aufs Straßenschild geschafft hat. So exotisch Zitter klingt, es scheint häufiger vorzukommen.

Rund um den Sennlicher Zitterweg tragen auch die Flurstücke das markante Wort im Namen: im Zittern, in Zitter, im Zitter, de Zitter, Zitteracker, Zitterbreede, Zitterkamp, Zittereschk und Zitterwegg. Westlich des Hollenberger Esch gibt es darüber hinaus noch Auf der Zitterheide.

Zitter für viele Orte belegt

Darüber hinaus ist Zitter für viele Orte in der Region belegt, beispielsweise in Horstmar, Coesfeld, Lengerich und Borken. In Melle und Bramsche wurden ganz offiziell zwei Straßen Zitterweg benannt, in Tecklenburg gibt es den Zitterdiek. Stellt sich die Frage, woher diese Bezeichnung rührt.

In Bramsche geht das Gerücht, am Zitterweg hätten Teufel und Hexe getanzt. Dass es im Außenbereich nachts bisweilen zum Zittern unheimlich ist, dürfte aber wohl kaum zur Benennung der Fluren als Zitter geführt haben.

Auch Bäume zur Herleitung nicht geeignet

Naheliegender wäre da schon das Vorkommen einer bestimmten Baumart, von der auch die Redewendung „Zittern wie Espenlaub“ kündet. Laut Grimm’schem Wörterbuch wurden mit Zitterbaum die Espe, aber auch die Zitterpappel bezeichnet.

So naheliegend die Bäume als Benennungsmotiv wären, sind sie sprachlich leider nicht geeignet, die Zitterfluren in Nordwestdeutschland herzuleiten, denn im Niederdeutschen gab es das Z als Anlaut gar nicht. Zittern hieß niederdeutsch vielmehr tidderen. Da die Flurbezeichnung ‚de Zitter‘ aber dem Niederdeutschen entstammt, muss sie zwangsläufig eine andere Herkunft haben.

Scharfes S als Anlaut

Eine Anlehnung an Zeder, in Dörenthe 1604 als Zeduwer belegt, oder an die Zitwerwurzel (sedewer) ist sprachlich ähnlich holprig, zudem dürften beide Arten wohl nie in Sennlich gewachsen sein.

Ein Indiz geben ältere Karten und Belege: Das ,Z‘ in Zitter war ehemals ein scharfes ‚S‘, häufig auch ‚Ts‘ geschrieben. So hieß der Tecklenburger Zitterteich vormals Sitterdiek, und auch für Coesfeld sind Sitter beziehungsweise Tsitter belegt.

Zitter muss also auf ein Wort mit scharfes S als Anlaut zurückgehen. Hierzu wird bisweilen lateinisch citerium angeführt, wobei dessen Bedeutung Sakristei im Sennlicher Außenbereich kaum als Erklärung dienen kann– auch wenn hier der Kiärkweg, also Kirchweg, verläuft.

Das Lateinische bietet jedoch einen anderen Anschluss, der auch sprachwissenschaftlicher Überprüfung standhält: Sagitari, hervorgegangen aus Secretarium, was ausgeschieden und ausgesondert bedeutet.

Gesonderte Flächen

Sitter waren also ausgesonderte Flächen. Solche wurden im Mittelalter – ähnlich dem Sundern – aus der Allmende einer speziellen Nutzung oder speziellem Eigentum zugeführt. Ob das ausgesonderte Zitter dabei einst ein privates Waldstück oder schon immer Ackerfläche war, wie bereits 1827 belegt, kann anhand des Namens nicht abgeleitet werden.


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