Verurteilt wegen fahrlässiger Tötung Freiheitsstrafen für Westerkappelner Brüderpaar

Von Frank Klausmeyer

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Westerkappeln. Im Strafprozess um den Tod eines Streitschlichters an einer Ibbenbürener Tankstelle am 11. März vergangenes Jahres sind am Dienstag die Urteile gegen die beiden angeklagten Brüder aus Westerkappeln gefallen. Beide wurden vom Schöffengericht Ibbenbüren der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung und fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen.

Während der ältere Angeklagte (26) mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt worden ist, davonkam, muss sein ein Jahr jüngerer Bruder für zwei Jahre und zwei Monate ins Gefängnis. Er sei der aggressive Haupttäter gewesen, sagte der Vorsitzende Richter Frank Michael Davids in seiner Urteilsbegründung.

Geständnis nur bedingt strafmildernd

Das Gericht ließ sich für die Beratung des Schuldspruchs rund drei Stunden Zeit. Für den juristischen Laien wohl nur schwer zu verstehen sei, warum die Westerkappelner auch wegen einer fahrlässigen Tötung verurteilt wurden, obwohl doch ein anderer das Auto gefahren hatte, unter dem ein 73-Jähriger Ibbenbürener zu Tode gekommen war, räumte Davids ein. Der Tathergang am Abend des 11. März 2017 wird fast vollständig von einer Videoaufzeichnung dokumentiert, die eine Überwachungskamera der Tankstelle gemacht hat. Insofern wirkten die Geständnisse der beiden Angeklagten im Prozessverlauf nur bedingt strafmildernd.

Auf den Bildern ist deutlich zu sehen, wie ein heute 26-Jähriger aus Recke von den beiden Brüdern brutal angegriffen wurde. Der Mann wollte seinen 5er BMW auf dem Waschplatz aussaugen. Plötzlich tauchten die beiden Westerkappelner Brüder auf, die den Recker wohl zufällig zur Tankstelle hatten fahren sehen.

Der jüngere der beiden wollte seinen früheren langjährigen Freund zur Rede stellen, weil dieser ihn angeblich wegen einer Liebesbeziehung des Westerkappelners mit seiner damals 18-jährigen Schwägerin bei seinem Schwiegervater verraten und bei Freunden schlechtgemacht hatte. Die junge Frau soll später zur Heirat mit jemandem anderen gezwungen worden sein.

Akt von Zivilcourage endet tödlich

Nach einem kurzen Gespräch schlug der Westerkappeln zu. Daraus entwickelte sich eine wüste Prügelei, in deren Verlauf sich der Rentner in einem „Akt von Zivilcourage“, wie es der Staatsanwalt formulierte, schlichtend einmischte. Der ältere Bruder versuchte zunächst, den 73-Jährigen wegzuschieben, bevor er selbst aktiv in die Schlägerei eingriff.

Dreimal versuchte der Recker zu flüchten, dreimal wurde das von den Brüdern verhindert, die ihn unentwegt traktierten. Schließlich gelang es ihm, sich in seinen Wagen zu retten. Doch das Auto bot keinen sicheren Schutz, weil die Tür wegen einer abgerissenen Verkleidung nicht zu schließen war. Voller Angst und Panik, so der Vorsitzende Richter, habe der Recker den Motor gestartet und den Wagen rückwärts gesetzt. Die beiden Brüder, die an der Tür standen, wurden dadurch zurückgeworfen, der Rentner, der hinter ihnen stand, fiel auf den Boden und kam unter das Auto. Nach Feststellung eines Sachverständigen konnte der Fahrer den Senior nicht sehen. Beim Versuch, nach vorne zu entkommen, bockte der BMW des Reckers wegen des darunter liegenden Mannes mehrfach auf und überrollte diesen schließlich ganz. Der Ibbenbürener verstarb noch an der Unfallstelle.

Weitere Anklage nicht zu berücksichtigen

„Für uns ist ziemlich klar, dass die Körperverletzung und die Nötigung des Fahrers kausal und vorhersehbar für den Tod des Streitschlichters waren“, erklärte der Vorsitzende Richter. Beim Strafmaß hielt das Gericht dem älteren Bruder besonders mildernd zugute, dass er der Einzige gewesen sei, der sich um das Opfer gekümmert habe. Auch eine positive Sozialprognose habe für die Bewährungsstrafe gesprochen. Dabei schaue das Gericht in die Vergangenheit.

Dass der 26-Jährige im Zusammenhang mit der Brandstiftung im Westerkappelner Orientladen – wie sein Bruder – in Untersuchungshaft sitzt, spiele bei dieser Bewertung keine Rolle, „weil da noch ermittelt wird“, sagte Davids.

Die 26-monatige Haftstrafe für den jüngeren Angeklagten sei angemessen und in dieser Höhe ausreichend, so der Vorsitzende Richter. Strafverschärfend wirke nicht nur, dass er der Haupttäter sei, sondern auch die bis zuletzt fehlende Reue – zumindest gegenüber dem verletzten Recker. Der Staatsanwalt hatte dazu aus dem Chat-Verlauf eines sichergestellten Smartphones zitiert, wo es hieß: „Der Hund, ich habe ihn demoliert, ich habe seine Fresse demoliert und dann wollte er abhauen.“

Beide Angeklagten entschuldigten sich am Dienstag in ihren Schlussworten noch einmal für das Geschehene.

Mit seinem Urteil blieb das Schöffengericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Auch die Anwälte der Witwe des Opfers und des Reckers als Nebenkläger forderten Freiheitsstrafen.

Ermittlungen zu früh eingestellt?

Die Verteidiger der Brüder plädierten für ihre Mandanten dagegen nur auf Geldstrafen. Es handele sich lediglich um eine zwar gefährliche Körperverletzung, aber in einem minderschweren Fall. Für den Tod des 73-jährigen könnten die Angeklagten nicht verantwortlich gemacht werden, weil dieser Ausgang der Auseinandersetzung nicht vorhersehbar gewesen sei.

Stattdessen kritisierte Strafverteidiger Thomas Klein in Bezug auf den Fahrer des Wagens, „dass die Staatsanwaltschaft in diesem Verfahren recht frühzeitig entschieden hat, ihn aus seiner strafrechtlichen Verantwortung zu entlassen.“ Klein und sein Kollege Joë Thérond kündigten noch im Gerichtssaal an, in Berufung gehen zu wollen.


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