Mehr als 100 Senioren heben ab Wenn im Westerkappelner Tanztreff das Keyboard loslegt

Von Ulrike Havermeyer

Kaum hat Heiner Diekamp die ersten Akkorde gespielt, füllt sich die Tanzfläche des Kuckucks-Nestes. Seit zwölf Jahren animiert der Alleinunterhalter aus Westerkappeln seine Gäste zweimal in der Woche zu Walzer und Tango. Selten kommen weniger als hundert bewegungsfreudige Senioren an einem Nachmittag. Foto: Ulrike HavermeyerKaum hat Heiner Diekamp die ersten Akkorde gespielt, füllt sich die Tanzfläche des Kuckucks-Nestes. Seit zwölf Jahren animiert der Alleinunterhalter aus Westerkappeln seine Gäste zweimal in der Woche zu Walzer und Tango. Selten kommen weniger als hundert bewegungsfreudige Senioren an einem Nachmittag. Foto: Ulrike Havermeyer

Westerkappeln. Die Gäste stammen von weit her. Doch wie treue Zugvögel kehren sie immer wieder zum Kuckucks-Nest zurück. Längst ist das Bauerncafé mit seinem Tanztreff zu einer zweiten Heimat für viele von ihnen geworden. Mit meinem Mann unter den Fittichen, begebe ich mich auf Stippvisite.

Zweimal in der Woche, immer Mittwoch- und Donnerstagnachmittags, verwandelt sich die geräumige Bauerndiele am Rande von Westerkappeln in ein kompaktes Raumschiff aus Eichenholz. Keyboard-Kapitän Heiner Diekamp drückt den Startknopf an seinem Tasteninstrument – und mehr als hundert Senioren heben ab. Seit zwölf Jahren befördert der unerschütterliche Alleinunterhalter seine Gäste in ein Paralleluniversum leichtfüßiger Heiterkeit. Wo genau dieser paradiesische Zielort liegt, weiß allein der Steuermann. Nur eines ist für alle Passagiere sicher: Er befindet sich weit, ganz weit weg vom Alltag.

Ein Walzer gegen die Einsamkeit

„Ich möchte die Leute in eine andere Welt entführen – wenigstens für ein paar Stunden“, sagt Diekamp, „viele ältere Menschen sind ja erschreckend einsam in ihrem Leben.“ Knöpfchen gedrückt, Schalter umgelegt, Mikro eingeschaltet. Mal im wogenden Drei-, mal im schmissigen Viervierteltakt startet der Raumgleiter unter dem Kommando des hemdsärmeligen Conférenciers musikalisch durch. Wo Diekamp für Stimmung sorgt, bleibt keiner einsam. Höchstens mein Mann, der – anders als scheinbar jeder andere hier – nicht wirklich gerne tanzt. Was daran liegen mag, dass er zwar mit erfreulich viel Takt-, dafür aber mit erschreckend wenig Rhythmusgefühl gesegnet ist. Und der nun zunehmend angespannt der Dinge harrt, die er da unweigerlich auf sich zufliegen sieht.

Auf Hochglanz polierte Holzbohlen

Kaum vibrieren die ersten Akkorde aus den beachtlichen Lautsprecherboxen von Diekamps Soundstation, die auf alles andere als auf schrömmelige Provinzmaße zugeschnitten ist, drängen sich die Paare auch schon auf der Tanzfläche: Mona Lisa. Weißes Boot. Das Kufsteinlied. Die rustikalen Holzbohlen sind von den ungezählten Schritten, die an ungezählten Nachmittagen im Walzer-, Tango- und Discofox-Rhythmus über sie hinweg geglitten sind, so sauber abgeschliffen als wären sie frisch poliert.

„Die sind ja richtig gut“

Während Diekamp die Helene Fischer gibt, und zwischen Keyboard und Kuchenbuffet verzückte Paare beschwingt umeinander wogen, mal in der klassischen Dame/Herr-, mal in der funktionalen Dame/Dame-Kombination, haben mein Mann und ich an einer der adrett eingedeckten Tischreihen Position bezogen und sondieren erst einmal das Terrain. „Die sind ja richtig gut“, raunt meine Ehehälfte ehrfürchtig und schluckt nervös. Der Gute weiß, was ihn gleich erwartet – lautet unser seit Wochen hart verhandelter Deal doch: Ich spendiere ihm das Stückchen Torte, er mir im Gegenzug einen Tanz. Und seinen Teller, stelle ich mit diebischem Wohlwollen fest – hat mein persönlicher Gigolo soeben krümelrein geleert.

Ein fliegendes Kuckucks-Nest

Das fliegende Kuckucks-Nest ist mittlerweile sicher in den Orbit gediegener Geselligkeit eingeschwenkt. Die Gemüter der Tänzer haben jenen lässigen, nur in sich, der Musik und dem Anblick des Gegenübers ruhenden Schwebezustand erreicht, den keine irdisch verhaftete Sorge so schnell aus der Balance zu bringen vermag. „Im Winterhalbjahr bleiben die meisten so bis gegen 18 Uhr“, sagt Diekamp. Etliche hätten ja auch noch recht weite Heimwege vor sich – bis ins Münster- und ins Ems-, manche sogar bis ins Weserbergland zurück. „Im Sommer wird es dann allerdings auch schon mal später.“ Für ihn selbst, versichert Diekamp – und wer ihm dabei zusieht, wie seine Finger über die Tasten fegen, wie er ins Mikrofon haucht und säuselt und mit dem rechten Fuß unaufhörlich den Takt angibt, der nimmt ihm seine Begeisterung vorbehaltlos ab – für ihn selbst sei das keine Arbeit, sondern pures Vergnügen.

Vier Finger im Dreivierteltakt…

Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, wie mein Mann den Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand im gewagten Spitzentanz über die Tischdecke pirouettieren lässt. „Wie war das nochmal mit dem langsamen Walzer?“ Aufmunternd schiebe ich meine Hand zu ihm herüber… Dame links zurück, Herr rechts nach vorn – vier Finger holpern unbeholfen über Servietten und Teelöffel. Während Heiner Diekamp beherzter denn je in die Tasten greift, versinkt mein Mann über seiner Kaffeetasse in tiefe Kontemplation.

Passender Rhythmus, saubere Schrittfolge

Doch just als ich schon zu fürchten beginne, dass wir den Tanztreff als tatenlose Nesthocker beschließen, übernimmt mein gutbesohlter Gatte die Führung und walzt entschlossen drauflos: Grundschritt mit Vierteldrehung. Passender Rhythmus, saubere Schrittfolge – ich bin perplex: „Woher kannst du denn das mit einem Mal?“, flüstere ich ihm zu. Triumphierend hebt er seine Augenbrauen und deutet in Richtung Dielenboden: „Man muss nur lange genug den kompetent wirkenden Paaren auf die Füße gucken.“ Und von denen, nickt er anerkennend, gebe es hier im Kuckucksnest ja schließlich reichlich.

Immer mittwochs und donnerstags lädt Kuckucks-Nest-Betreiberin Monique Diekamp ab 14 Uhr zum Tanztreff in ihr Bauerncafé an der Mettinger Straße 60 in Westerkappeln ein. Der Eintritt ist frei, eine Verzehrpflicht besteht nicht. Für Livemusik sorgt Heiner Diekamp an seinem Keyboard.