„Konzept wird dringend benötigt“ IHK-Experte zum Einzelhandel im Ortskern Westerkappelns

Von Katja Niemeyer


Westerkappeln. Bei der Interessengemeinschaft Handel und Gewerbe (IHGW) laufen derzeit die Vorbereitungen für den Maimarkt am 6. Mai auf Hochtouren.

Märkte wie dieser sorgen am jeweiligen Veranstaltungstag für volle Geschäfte und langfristig dafür, dass der Ortskern mit seinen Geschäften im Gespräch bleibt, wie Jens von Lengerke von der IHK Nord Westfalen im Interview erklärt. Um den Ortskern zukunftsfähig zu machen, muss nach Ansicht des Abteilungsleiters für Handel, Dienstleistungen und Stadtentwicklung aber dringend ein neues Einzelhandelskonzept erstellt werden.

Der Ortskern von Westerkappeln sorgt immer wieder für Diskussion. Zuletzt schlossen ein Café und ein Gastronomiebetrieb. Läden stehen zum Teil längere Zeit leer. Ein Alarmzeichen?

Westerkappeln gehört zu den sogenannten kleinen Grundzentren, die es aufgrund ihrer Größe und Lage per se schwer haben, ihre Ortskerne am Leben zu erhalten. Viele Bewohner fahren zum Einkaufen nach Osnabrück. Hinzu kommt, dass der Umsatz im stationären Einzelhandel schon seit Jahren stagniert, so dass es letztendlich zu einem Verdrängungswettbewerb kommt. Gleichzeitig verzeichnet der Online-Handel stetige Zuwachsraten.

Die IHGW liegt zu alledem darnieder. Welche Rolle kommt ihr bei der Bewältigung der Probleme zu?

Im Münsterland gibt es rund 100 solcher Gewerbervereine, nicht wenige von ihnen stehen vor dem Aus. Um eine endgültige Auflösung zu verhindern, ist es wichtig, dass die Aufgaben auf einen größeren Kreis von Akteuren verteilt werden. Sprich: Die Einzelhändler benötigen Unterstützung etwa von Vereinen und Gastronomen, aber auch von den Eigentümern der Immobilien im Ortskern. Schließlich dürfte es im Interesse aller liegen, dass die Gemeinde ein attraktiver Standort bleibt.

Die Mitglieder der IHGW fordern immer wieder Unterstützung von der Verwaltung ein. Was könnte die Wirtschaftsförderung zum Beispiel leisten?

In vielen vergleichbaren Kommunen ist es üblich, dass die Wirtschaftsförderung quasi als Back-Office für die Organisation von Märkten fungiert. Darüber hinaus benötigt die Gemeinde aus meiner Sicht aber dringend ein neues Einzelhandelskonzept, in dem unter anderem der Leerstand analysiert und zukunftsfähige Ideen entwickelt werden. Das letzte Konzept dürfte weit über zehn Jahre alt sein.

Die Erstellung eines Einzelhandelskonzeptes scheiterte bislang aufgrund von Kapazitätsengpässen. Die Märkte allein dürften das Grundproblem auch nicht lösen.

Das ist richtig. Und sie rechnen sich in der Regel auch nicht für die Einzelhändler. Richtig ist aber auch, dass der Standort durch die Märkte im Gespräch bleibt. Viele, das haben Umfragen ergeben, kaufen vielleicht nicht am Veranstaltungstag, kommen aber später wieder, weil sie etwas Besonderes entdeckt haben.

Wie kann sich ein kleiner Händler vor Ort gegen die zunehmende Konkurrenz aus dem Internet behaupten? Da erscheint er – mit Verlaub – chancenlos.

Wenn er nicht gerade Nischenprodukte anbietet, würde er einen Kampf gegen die großen Anbieter im Netz auch sicher verlieren. Wichtig ist aber, dass er mit einer professionellen Seite online zu finden ist. Laut ersten Ergebnissen einer Untersuchung, die die IHK kürzlich unter anderem in Ibbenbüren durchgeführt hat, verfügen zwischen 10 und 20 Prozent der Läden und Dienstleister über keinen Online-Auftritt. Das muss sich ändern.

Was halten Sie von der Idee, Ladenflächen in Wohnraum umzuwandeln?

Am äußeren Rand eines Ortskerns ist dies möglicherweise eine Option. Man darf aber nicht vergessen, dass eine Gemeinde wie Westerkappeln damit immer mehr zu einer Schlafgemeinde wird. Dann ist endgültig Feierabend.

Der NRW-Landtag hat kürzlich eine Reform des Ladenöffnungsgesetzes verabschiedet. Demnach dürfen Läden künftig an bis zu acht Sonntagen öffnen. Hilft das den Kaufleuten im Ortskern?

Nein. Für sie ist viel wichtiger, dass sie die Märkte möglichst rechtssicher beantragen können. Das reformierte Gesetz sieht diesbezüglich Erleichterungen vor. Es bleibt abzuwarten, wie es in der Praxis umgesetzt wird.


Kaufkraft fließt ab

Der Einzelhandel in Westerkappeln weist aktuell eine sogenannte Zentralität von 57,4 (Lotte: 59,8) aus. Die Kennziffer sagt aus, wie viel der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft „vor Ort“ ausgegeben wird. Werte über 100 deuten den prozentualen Zufluss an, Werte unter 100 zeigen, wie stark der Kaufkraftabfluss ist. kn