Zu Dritt auf zehn Quadratmetern Unterbringung von Flüchtlingen in Westerkappeln verbessern

Von Frank Klausmeyer

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Seine Hausaufgaben muss Mojtaba Khalaf an einem wackligen Tisch erledigen, an dem auch gegessen wird und der als Ablagefläche dient. Das kleine Zimmer auf Hof Schildkamp teilt er sich mit krankem Vater und behinderter Schwester (nicht im Bild). Lehrerin Kerstin Gurski versucht, dem jungen Flüchtling aus dem Irak zu helfen. Foto: Frank KlausmeyerSeine Hausaufgaben muss Mojtaba Khalaf an einem wackligen Tisch erledigen, an dem auch gegessen wird und der als Ablagefläche dient. Das kleine Zimmer auf Hof Schildkamp teilt er sich mit krankem Vater und behinderter Schwester (nicht im Bild). Lehrerin Kerstin Gurski versucht, dem jungen Flüchtling aus dem Irak zu helfen. Foto: Frank Klausmeyer

Westerkappeln. Mojtaba Khalaf muss stark sein. Für seinen Vater und für seine Schwester. Doch wie viel kann ein junger Mensch ertragen? Wann gibt er auf? In der bedrückenden Enge seiner Flüchtlingsunterkunft denkt Mojtaba an seine Zukunft.

Trotz der schrecklichen Erinnerungen aus der Vergangenheit und trotz des bedrückenden Hier und Jetzt gibt der 17-Jährige nicht auf. Und als wäre dies alles nicht schlimm genug, wurde er Anfang Februar brutal zusammengeschlagen. Zwei offenbar betrunkene Männer griffen ihn in Osnabrück auf offener Straße grundlos an und zertrümmerten seine Nase. Die Polizei bestätigt den Vorfall, die Täter seien bis jetzt aber nicht ermittelt worden.

Zu dritt auf zehn Quadratmetern

Mojtaba muss sich ein etwa zehn Quadratmeter großes Zimmer auf dem Hof Schildkamp mit Schwester und Vater teilen. Die drei schlafen in den beiden an die Wand geschobenen Doppelstockbetten, auf denen sich allerlei ihrer Habseligkeiten stapeln. Um sich vor neugierigen Blicken von draußen zu schützen, sind die Jalousien heruntergelassen. Nur ein diffuses Licht fällt in den Raum. Auf einem abgewetzten Orientteppich und zwischen einer Handvoll verschlissener Möbel hat sich Familie Khalaf ihr Leben in Deutschland eingerichtet. „Das sind unmenschliche Zustände“, kritisiert Kerstin Gurski. Die 50-jährige ist Mojtabas Lehrerin. Sie will helfen, aber letztlich ist sie hilflos.

Als Sunniten nicht mehr sicher

Vor zweieinhalb Jahren hat Mojtaba Khalaf die Flucht aus dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Irak gewagt. Als Sunniten unter Schiiten fühlte sich die Familie nicht mehr sicher, wie der 17-jährige erzählt. Die kranke Mutter blieb zurück. Zu Fuß durch die Türkei, mit dem Boot über die Ägäis, durch Griechenland, den Balkan und Österreich landete Mojtaba mit Schwester Hanin (13) und Vater Ali (61) in Bielefeld. Von dort wurden die drei wenig später Westerkappeln zugewiesen. Zuerst bekamen sie in einem der Container auf dem Hof Schildkamp ein Dach über den Kopf, seit einiger Zeit wohnen sie in dem heruntergekommenen Gebäude „vor den Toren der Stadt – wie Aussätzige im Mittelalter“, sagt Kerstin Gurski.

Hanin hat das Down Syndrom. Das Mädchen besucht die Don-Bosco-Förderschule in Recke-Espel. Wenn sie „Zuhause“ ist, muss Mojtaba ihr zurechthelfen; beim An- und Ausziehen, das Essen machen oder – was auch vorkommt – wenn sie sich eingenässt hat. Mojtabas Vater Ali hat Diabetes und ist herzkrank. Gleich nach seiner Ankunft in Deutschland musste er operiert werden. Ohne seinen schon erstaunlich gut Deutsch sprechenden Sohn käme er in der Fremde wohl kaum zurecht.

Asylantrag abgelehnt

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat den Asylantrag der Khalafs abgelehnt und die Abschiebung der Familie beschlossen. Gegen den Bescheid hat Frauke Helmich, Rechtsanwältin und stellvertretende Vorsitzende des Westerkappelner Flüchtlingshilfevereins Wabe e.V., Klage beim Verwaltungsgericht Münster eingereicht – mit ungewissem Ausgang. „Die Verfahren dauern momentan sehr lange.“

„In der Schwebe wie diese Familien sind vielleicht 90 Prozent aller unserer Schüler“, sagt Kerstin Gurski. „Wie soll man die jungen Leute so integrieren?“

Wie soll Integration gelingen?

Mojtaba müht sich. Er besucht die Kaufmännischen Schulen in Ibbenbüren und will dort seinen Hauptschulabschluss machen. „Unter diesen Umständen ist das schwierig“, bemängelt seine Lehrerin. Die Hausaufgaben erledigt der 17-Jährige – nach Gurskis Worten „ein guter und fleißiger Schüler“ – an einem kleinen, wackligen Küchentisch. Dort liegen nicht nur seine Hefte, sondern stehen auch – mangels anderer Möglichkeiten – Kochtöpfe und Getränkeflaschen herum. Oft muss Mojtaba mit Vater und Schwester im Rücken lernen. Vielleicht, so seine Hoffnung, kann er nach der Schule eine Ausbildung zum Kraftfahrer machen. Von sich aus hat er Kontakt zu einer örtlichen Spedition aufgenommen.

Lehrerin Kerstin Gurski, die sich auch als Lebenshelferin für ihre Schützlinge sieht, fände es gut, wenn die Familie wenigstens zwei Räume bekäme, in denen sie wohnen könnte. Deshalb hat sie auch schon bei der Gemeinde vorgesprochen. „Im Rathaus bekommt man aber nur ein Schulterzucken“, ärgert sie sich.

Nicht nur positive Erfahrungen hat der Flüchtlingsverein Wabe Westerkappeln mit der Verwaltung gemacht. Der Verein habe sich anfangs um bessere Wohnungen für Flüchtlinge bemüht. „Die Gemeinde hat uns aber sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass wir uns nicht einmischen sollen“, bedauert Frauke Helmich. Jetzt, da die Gemeinde keinen festen festen Sozialarbeiter mehr dafür hat, will sie dem Verein die Betreuung der Flüchtlinge überlassen.

Die Unterbringung der Familie Khalaf bezeichnet Helmich als „Unding“. Natürlich sei der Wohnungsmarkt schwierig, besonders für Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch nicht entschieden sei. Aber es stelle sich schon die Frage, ob die Wohnsituation an der einen oder anderen Stelle nicht doch entzerrt werden könne, zumal ja nicht alle Plätze belegt seien. „Da haben wir schon einige Konflikte mit der Gemeinde ausgetragen“, berichtet Helmich. „Die Gemeinde hat Flüchtlingszahlen vor Augen und die Kosten. Wir haben natürlich ein anderes Ansinnen.“

Immerhin: Die Gemeindeverwaltung hat Familie Khalaf auf dem Schirm und will versuchen, deren Wohnsituation zu verbessern, wie Günter Rahmeier, Leiter des Ordnungs- und Sozialamtes, versichert. Das sei aber auch aufgrund der persönlichen Umstände der Betroffenen nicht ganz einfach. Dazu dürfe er jedoch nichts Näheres sagen, bittet Rahmeier um Verständnis.

Mojtaba bleibt die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Fremde. Er spricht Deutsch. Er hat auch schon deutsche Freunde, wie er sagt. Aber angekommen ist er in Deutschland nicht. „Wenn es keinen Krieg mehr gäbe, würde ich auch zurückgehen“, sagt er leise.


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