Auf ein Date mit Knigge Launige Lehrstunde in Sachen Tecklenburger Tischkultur

Von Ulrike Havermeyer

Wie ein Kunstwerk wirkt die liebevoll gestaltete Tafel, an der die Teilnehmer des VHS-Kurses „Stil und Etikette bei Tisch“ Platz nehmen und natürlich: üben dürfen. Foto: Ulrike HavermeyerWie ein Kunstwerk wirkt die liebevoll gestaltete Tafel, an der die Teilnehmer des VHS-Kurses „Stil und Etikette bei Tisch“ Platz nehmen und natürlich: üben dürfen. Foto: Ulrike Havermeyer

Tecklenburger Land. Wer etwas über Tischmanieren und Umgangsformen lernen will, kommt an Adolph Freiherr Knigge nicht vorbei. Gemeinsam mit dem Unternehmen Stilgenau bietet die VHS Lengerich den Kurs „Stil und Etikette bei Tisch“ an. Droht mir dabei mein persönliches Waterloo?

Alles andere als eine versierte Salonlöwin, bin ich noch mit mir und meiner eigenen Stilunschärfe beschäftigt, als die anderen Kursteilnehmer längst Platz genommen und sich in höflichem Small Talk vertieft haben. Wo lege ich meine Kamera unauffällig aber griffbereit ab? Ob ich den Kugelschreiber und das Notizheft wohl dezent zwischen das Besteck schieben darf? Von der Eingangsunterhaltung bekomme ich, als ich schließlich meinen journalistischen Ballast etwas verschämt unter den Stuhl bugsiert habe, nur noch die Hälfte mit.

Verstaubt, steif und ohne Humor?

Doch das, was Kommunikationstrainerin Edith Plegge gerade beschreibt, lässt mich aufhorchen: Die gefürchteten Knigge-Regeln, denen für manche Ohren der Ruf verstaubter Steifheit und eitler Spaßverderberei anhängt, stammten gar nicht von Knigge, berichtet sie, sondern seien dem Werk des Freiherrn von anderen Verfassern hinzugefügt worden. „Adolph Knigge ging es vor allem um gegenseitige Wertschätzung und ein gutes Miteinander“, stellt die Benimm-Fachfrau klar. Na wenn das so ist, atme ich auf, könnte dieser Abend ja doch ganz nett werden – und krame Stift und Block unter dem Sitzmöbel hervor.

Vier-Gänge-Menü als realer Ernstfall

Damit es nicht bei theoretischen Trockenübungen bleibt, richten Edith Plegge und ihre Kollegin Ricarda Freifrau von Diepenbroick-Grüter ihr Knigge-Dinner als realen Ernstfall aus: Im Lengericher Restaurant „Esszimmer“ bereitet Küchenchef Hendrik Schöpker ein gediegenes Vier-Gänge-Menü für uns zu. Die Tafel ist bereits eingedeckt – die Phalanx aus Messern, Gabeln und Löffeln hat sich formiert; Rotwein-, Weißwein- und Wassergläser postieren sich sauber ausgerichtet in Reih und Glied um keck gefaltete Stoffservietten herum. Zwischen die unaufdringliche Tischdekoration hat das Servicepersonal im Vorfeld einige Flaschen Mineralwasser drapiert.

Orientierung von außen nach innen

Erste Lektion: „Wasser dürfen Sie sich jederzeit nehmen“, erklärt Edith Plegge, „da brauchen Sie nicht auf den Gastgeber zu warten.“ Wer sich bedient, solle aber nicht versäumen, seine Tischnachbarn zu bedenken. Denn das Herzstück einer höflichen Gesellschaft bilden der gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Anderen, nicht der gestelzte Auftritt. „Darf ich Ihnen etwas einschenken?“, fragt mich Ricarda Freifrau von Diepenbroick-Grüter und blickt mir dabei freundlich in die Augen. „Gerne, vielen Dank“, murmel ich und reiche ihr nach kurzem Zögern … das kleinste der drei Gläser an, das außen rechts steht. Die Knigge-Trainerin nickt mir bestätigend zu. Richtig gemacht! Merke: Sowohl die Trinkgefäße als auch das Besteck werden in der Reihenfolge von außen nach innen zum Teller hin abgearbeitet.

Gruß aus der Küche

Während die Kellnerin mit formvollendeter Souveränität zunächst einen Gruß aus der Küche, dann im weiteren Verlauf des Abends eine Fisch-Vorspeise, eine Bouillon, Sauerbraten und Salat sowie zum krönenden Abschluss eine süße Nachspeise aufträgt, servieren uns die beiden Etikette-Expertinnen das noch immer beeindruckend gehaltvolle Vermächtnis des Freiherrn Knigge in genussgerechten Portionen als Beilage: Wie funktioniert die Bestecksprache und warum erleichtert sie dem Servicepersonal die Arbeit? Warum sollte der Gast volle Teller nicht bewegen und leeres Geschirr keinesfalls aufeinanderstapeln? Und wohin gehören denn nun die Kamera und der Schreibblock, die Packung Papiertaschentücher oder das abgelegte Halstuch, das beim besten Willen keinen Halt auf der abgerundeten Stuhllehne findet?

Wohin mit dem ,Proletenbesteck‘?

„Auf keinen Fall auf den Tisch“, erklärt Ricarda Freifrau von Diepenbroick-Rüter. Denn das ausgeklügelte Arrangement der gedeckten Tafel komme, ganz ähnlich wie die raffiniert auf den Tellern angerichteten Speisen, einem sorgfältig abgestimmten Kunstwerk gleich. „Das Küchen- und das Servicepersonal haben mit viel Liebe zum Detail diesen Abend vorbereitet und gestaltet – da sollte der Gast die Wirkung nicht durch sein achtlos abgelegtes ,Proletenbesteck‘, das in der Regel aus Autoschlüssel und Smartphone besteht, entwerten.“ Wenn es das Umfeld zulasse, könnten kleinere Gegenstände auf der Fensterbank abgelegt werden, alles andere gehöre in die Handtasche oder unter den Stuhl. Und so durchströmt mich, als ich vor dem Auftragen des nächsten Gangs mit lässiger Nonchalance unter den Tisch abtauche, um mein Reportergedöns kniggegerecht zu entsorgen, das wohlige Gefühl, zumindest dieses Fettnäpfchen sicher umschifft zu haben.

Mit einer Prise Selbstironie serviert

Fazit: Ob gestandene Unternehmerin, aufmerksame Dienstleisterin, engagierte Lehrerin oder neugierige Journalistin – wir alle nehmen wohl die Erkenntnis mit nach Hause, dass zeitgemäße Tischmanieren sämtlichen Beteiligten, vom Gastgeber bis zum Küchenchef, vom Servicepersonal bis zu den Gästen, die gemeinsam verbrachte Zeit so angenehm wie möglich machen wollen. Und wenn die Vermittlung der Tischkultur wie an diesem Abend mit reichlich Humor und einer Prise Selbstironie gewürzt ist, dann kann die Begegnung mit Adolph Freiherr Knigge sogar zu einem inspirierendem Date werden.