Gurte und Gitter seltener Fixierung: Haus der Diakonie zeigt Alternativen auf

Von Katja Niemeyer und Paul Meyer zu Brickwedde

Riemen und Gurte werden nach Angaben des Landschaftsverbandes in der Lengericher Klinik eingesetzt, wenn Patienten fixiert werden müssen. Symbolfoto: dpaRiemen und Gurte werden nach Angaben des Landschaftsverbandes in der Lengericher Klinik eingesetzt, wenn Patienten fixiert werden müssen. Symbolfoto: dpa

Westerkappeln. Fixierungen gegen den Willen von Patienten und Bewohnern von Pflegeheimen – ist das rechtens? Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit das Bundesverfassungsgericht. Es gibt aber auch Alternativen.

So manch ein Mitarbeiter der LWL-Klinik in Lengerich schaut derzeit wohl gespannt nach Karlsruhe. Seit Kurzem verhandelt dort das Bundesverfassungsgericht über den Fall von zwei Psychiatriepatienten, die in Einrichtungen in Baden-Württemberg und Bayern gegen ihren Willen und ohne richterlichen Beschluss fixiert worden waren. Auf Anweisung von Ärzten waren sie an Armen, Beinen und am Torso ans Bett gefesselt. War das rechtmäßig? Und welche Regeln müssen dabei beachtet werden? Mit einem Urteil wird in einigen Monaten gerechnet.

Westerkappelner gelassen

Auch im Haus der Diakonie in Westerkappeln verfolgt man das Verfahren. Allerdings mit einer gewissen Gelassenheit: „Wir sind seit ungefähr drei Jahren fixierungsfrei“, erklärt Einrichtungsleiter Jörg Niemöller. Zuvor seien vor allem Bettgitter – eine in der Pflege gängige Form der Fixierung – zum Einsatz gekommen. Rund ein Viertel der Bewohner hätten früher dauerhaft mit hochgestellten Bettgittern geschlafen, um zu verhindern, dass sie aus dem Bett fallen. Niemöller: „Das ist zu ihrer eigenen Sicherheit geschehen.“ Inzwischen habe das Haus aber unter anderem in neue, absenkbare Betten und Kontaktmatten investiert, die ein akustisches Signal auslösen, und bei sturzgefährdeten Patienten zum Einsatz kommen.

Geschichte der Fixierung

Ohnehin, so Niemöller, müssten derartige Maßnahmen in Altenheimen heute sehr viel weniger ergriffen werden. In psychiatrischen Einrichtungen wie der LWL-Klinik sind sie aber weiterhin gängige Praxis. Wenngleich Gurte und Riemen auch hier offenbar immer seltener zum Einsatz kommen. In der Lengericher Klinik etwa ist die Zahl der Fixierungen deutlich zurückgegangen – von 124 im Jahr 2015 auf 84 in 2016. Die Dauer der Fixierungen ist dabei sehr unterschiedlich. 2016 wurden neun Prozent der Maßnahmen nach spätestens einer Stunde beendet. Bei unter zwei Prozent lag der Anteil derer, die länger als drei Tage anhielten. Für knapp über 50 Prozent der Betroffenen war laut LWL nach weniger als 24 Stunden Schluss.

Balance zwischen Schutz und Freiheit

Ein typisches Krankheitsbild, bei dem Fixierungen zur Anwendung kommen können, ist die akute Psychose. Aber auch bei einer Manie kann ein Zustand erreicht werden, in dem eine Person sich oder andere gefährdet.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat derweil für seine Einrichtungen – zusätzlich zu den in NRW geltenden gesetzlichen Vorgaben – eine eigene Leitlinie entwickelt. Dabei gehe es darum, „die Balance zu finden zwischen Persönlichkeits- und Freiheitsrechten einerseits und dem notwendigen Schutzauftrag für die Gesellschaft andererseits“, so der LWL. Konkret solle im Arbeitsalltag ein „rechtssicheres und patientenorientiertes Handeln“ unterstützt werden. Insofern gehe der eigene Standard über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.

Überprüfung gesichert

Nach Angaben des LWL-Krankenhausdezernenten Prof. Dr. Meinolf Noeker wird jede Fixierung dokumentiert und kontinuierlich überprüft. Zudem muss sie laut LWL-Standard zuvor von einem Arzt angeordnet worden sein und im Nachhinein mit dem Patienten besprochen werden. Der Experte betont: „Wir sind willens, Zwang so weit wie möglich entbehrlich zu machen.“ Ausnahmen stellen Situationen dar, in denen ein Patient sich selbst oder andere akut bedroht oder unmittelbar gefährdet. In Bezug auf suizidgefährdete Personen stellt der LWL fest, dass bei ihnen eine dauerhafte Fixierung nicht vertretbar sei; es komme bei ihnen vielmehr darauf an, sie „auf therapeutischem Weg psychisch möglichst so zu stabilisieren, dass sich die Suizidgedanken verflüchtigen“.

Auvh Mitarbeiter sind zu schützen

Die Gefährdung anderer ist in der LWL-Klinik nach Angaben des Landschaftsverbandes keine abstrakte Größe. Unter dem Begriff „Besondere Vorkommnisse“ seien 2015 29-mal Übergriffe von Patienten auf Personal gemeldet worden. 2016 waren es 42 Fälle und 2017 dann 36. Inwieweit dabei Personen verletzt wurden, konnte die Pressestelle nach eigenen Angaben kurzfristig nicht recherchieren. Festgehalten wird aber: „Die Folgen durch Gewalt können körperliche, aber auch seelische Verletzungen hervorrufen. Häufig kommt es vor, dass Mitarbeiter nach Patientenübergriffen arbeitsunfähig sind, auch für längere Zeit.“