„Zahlen nur schön gerechnet“ Westerkappelner übergeben Unterschriften gegen Nordbahn

Von Frank Klausmeyer


Westerkappeln. Blieb es zunächst erstaunlich ruhig in Westerkappeln, als die Pläne zur Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn reiften, wird der Widerstand jetzt immer massiver.

Sie wähnen die Mehrheit der Westerkappelner Bevölkerung hinter sich. Die 1536 Unterschriften, die die Mitglieder des Arbeitskreises „Bus statt Bahn“ in den vergangenen Monaten gegen eine Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn für den Personennahverkehr gesammelt haben, seien dafür eine „deutliche Aussage“, meint Armin Kirsch als Sprecher der Gruppe. Am Mittwoch hat diese die Unterschriften an Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer übergeben – mit einer eindeutigen Ansage: „Die Gemeinde muss sich kümmern“, sagt Kirsch.

Kümmern heißt in der Vorstellung der Arbeitsmitglieder letztlich, dass Rat und Verwaltung sich dafür einsetzen, die Wiederbelebungspläne zu stoppen. „Wir wollen, dass die Gemeinde sich kritisch damit auseinandersetzt“, fordert Katrin Möller-Schäferbarthold.

Rat entscheidet gegen Bevölkerung

Die Westerkappelner Kommunalpolitiker hatten sich zuletzt anders positioniert: Im Mai vergangenen Jahres wurden die Reaktivierungspläne von fast allen Ratsfraktionen mit großer Mehrheit grundsätzlich begrüßt. Nur die Bürgergemeinschaft lehnt das Vorhaben ab.

Damit stelle sich der Gemeinderat gegen die Mehrheit der Bevölkerung, meint der Arbeitskreis „Bus statt Bahn“. Bei der Unterschriftenaktion hätten so gut wie alle Angesprochenen unterzeichnet. „Und im größten Teil Westerkappelns waren wir gar nicht unterwegs“, betont Kirsch.

Zusätzlich habe der Arbeitskreis eine Meinungsumfrage gemacht, an der sich 633 Bürgerinnen und Bürger beteiligt hätten. „Alle 633 sind gegen die Bahn“, erklärt die Initiative. Zwar würden einige Teilnehmer der Umfrage im Falle einer Reaktivierung doch in den Zug einsteigen, Dreiviertel der Befragten würden ihr Auto dagegen nicht stehen lassen, heißt es in einem offenen Brief, den der Arbeitskreis zusammen mit den Unterschriften an die Bürgermeisterin übergeben hat.

Die Initiatoren sehen die besseren Argumente auf ihrer Seite: Statt fünf Haltestellen für den Schnellbus S10 solle es künftig nur noch einen Bahnhof geben. Für die Anwohner steige wegen der Dieselloks die Lärm- und Immissionsbelastung. An den Bahnübergängen drohten bei geschlossenen Schranken lange Staus und vor allem Kinder und Jugendliche schwebten in Gefahr, „weil die Züge mit hoher Geschwindigkeit durch den Ort fahren“, betont Möller-Schäferbarthold.

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Kritik an Machbarkeitsstudie

Die Machbarkeitsstudie des Büros Spiekermann zur Reaktivierung hält sie für fragwürdig. Die Untersuchung sei im Auftrag der Bahn erstellt worden. „Wir brauchen ein neutrales Gutachten“, sagt Möller-Schäferbarthold.

Frank Büker ist überzeugt, dass das Gutachten in der Vergangenheit immer so hingebogen wurde, „dass es für die Entscheider passt“. Das gelte insbesondere für die prognostizierten 5600 Fahrgäste am Tag. Nach Bükers Rechnung müssten die Züge dann 13 Waggons haben. Damit aber könnten sie gar nicht in den Bahnhöfen halten, weil zu lang. „Die Zahlen sind doch nur schön gerechnet“, behauptet auch Kirsch.

Büker hält eine Reaktivierung auch für Steuerverschwendung. Neben den Investitionskosten – zuletzt war von über 35 Millionen die Rede – müssten die Betriebskosten der Bahn auch noch pro Jahr mit drei Millionen Euro subventioniert werden. Der S10 komme mit einer Million Euro Zuschuss im Jahr aus. „Schlimm wäre, wenn es keinen wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen gibt, die Anwohner aber alle Viertelstunde einen vorbeifahrenden Zug erdulden müssen“, sagt Möller-Schäferbarthold.

Einvernehmen versagen?

Bürgermeisterin Große-Heitmeyer lässt sich von den 1536 Unterschriften und dem knappen Dutzend Bahngegnern vor ihr nicht dazu verleiten, in den Chor der Kritiker einzustimmen. „Es gibt immer Vor- und Nachteile“, gibt die Verwaltungschefin zu bedenken. Die Wiederbelebung der Strecke von Recke bis Osnabrück könne auch eine Chance für den Ort sein. Woanders hätten sich solche Projekte erfolgreich entwickelt.

Das Argument will Kirch nicht gelten lassen und bemüht den „Haller Willem“ als Beispiel. Die Verbindung habe sich tatsächlich positiv entwickelt, „aber da werden Äpfel mit Birnen verglichen“. Denn an den Enden lägen mit Osnabrück und Bielefeld zwei Oberzentren und dazwischen auch große Orte. Das Fahrgastpotenzial der Nordbahn sei viel geringer.

Große-Heitmeyer weist darauf hin, dass die Entscheidung für oder gegen eine Reaktivierung nicht in Westerkappeln falle, sondern auf Landesebene. Die Gemeinde könne aber ihr Einvernehmen versagen, erwartet Kirsch ein Signal. „So ganz hilflos sind wir in Westerkappeln nicht, wenn wir nur wollen.“