Brauchtumspflege zum Jahreswechsel Heinz Thien aus Lahn ist ein Meister der Tunscheren

Von Birgit Brinker


Lahn. „Tun Tun“ – so oder so ähnlich soll es klingen, wenn am Abend vor dem Dreikönigstag (Samstag, 6. Januar 2018), die Tunscheren auf dem Hümmling verteilt werden. Damit gehen für Tunscherenmacher Heinz Thien aus Lahn arbeitsreiche Wochen zu Ende.

Das Überbringen von Tunscheren hat auf dem Hümmling und auch darüber hinaus eine lange Tradition. Nicht endgültig geklärt ist ihr Ursprung und auch für die Herkunft des Wortes Tunschere gibt es keine eindeutigen Erklärungen. Es werden je nach Region verschiedene Arten von Tunscheren erstellt und auch der Termin der Übergabe variiert von Silvester über Neujahr bis hin zum Dreikönigstag. Sicher ist nur, dass das Überreichen der Tunscheren an Nachbarn, Freunde und Verwandte bereits sehr lange praktiziert wird und mit dieser Geste dem Empfänger etwas Gutes getan und gewünscht werden soll.

Erster Arbeitsschritt führt in den Wald

Etwa Mitte Dezember beginnt für Heinz Thien aus Lahn die Zeit, in der er sich intensiv mit den Tunscheren beschäftigt. Sein erster Arbeitsschritt beginnt im Wald, wo er die Zweige zum Herstellen der „Krüllen“ schneidet. Hierfür nimmt er das weiche Holz des Holunders. Nachdem die Äste mit dem richtigen Umfang getrocknet sind, werden sie geschält und auf die richtige Länge geschnitten. Dann werden sie auf einem Brett befestigt und der Vorgang des Krüllens beginnt.

Feine, helle Holzlöckchen

Mit einem langen säbelartigen Messer schält er hauchdünne Schichten vom Stamm bis der Stab über und über mit feinen, hellen Holzlöckchen bedeckt ist. Von seinem Arbeitsplatz direkt vor dem Fenster aus hat Thien einen schönen Blick in den großen, schönen und gepflegten Garten. Das sei sein Hobby, berichtet der Lahner im Gespräch mit unserer Redaktion mit einem Leuchten in den Augen. Noch während des Gesprächs klingelt das Telefon und Thien nimmt weitere Bestellungen für Tunscheren von Lahner Familien entgegen. Gut 70 Tunscheren hat der Meister dieser Brauchtumspflege bis kurz vor Silvester bereits fertiggestellt.

Auf der Lauer liegen und entdeckt werden

In Lahn ist das Überbringen der Tunscheren an Nachbarn, Verwandte und Freunde am Vorabend des Dreikönigstages heute hauptsächlich den Kindern bis etwa zehn Jahren vorbehalten, erzählen Heinz Thien und seine Frau Maria. Gerne erinnert sich das Ehepaar an frühere Zeiten. Mit der Weitergabe von Tunscheren fest verbunden war damals stets das Weglaufen, auf der Lauer liegen und Verstecken und damit ein großer Spaß, nachdem die Tunschere vor die Tür oder, bei den oftmals nicht verschlossenen Türen, direkt ins Haus gestellt worden war. Dabei war es natürlich erwünscht, am Ende entdeckt zu werden, damit dem Überbringer die Belohnung in Form von Süßem und Gebäck nicht entging.

Auch für Verliebte

Das Überbringen einer Tunschere konnte bei Verliebten auch als eine Art Antrag gelten, berichten beide, wenn ein junger Mann bei den Eltern eines Mädchens oder jungen Frau anfragte, ob es ihnen recht sei, wenn er eine Tunschere überbringe. Heinz und Maria Thien freuen sich, dass das dieser alte Brauch auch heute noch von vielen Lahnern aufrecht erhalten wird. Die Kunst des Tunscherenmachens hat Heinz Thien von seinem Vater erlernt, an seine drei Söhne weitergegeben „und auch der Enkel kann schon Krüllen ziehen“, berichtet er stolz. Derzeit erstellt er die vielen kleinen Kunstwerke jedoch alleine.

Oft tagelang in der Werkstatt

Maria Thien erzählt, dass ihr Mann in dieser Zeit oftmals ganze Tage in seiner Werkstatt verbringt und wundert sich, woher er die Kraft nimmt, stundenlang die Schichten von den Zweigen zu ziehen. Auch das Schmücken der Türme oder Bögen mit Sternen und Glanzpapier, bei dem sie ihm viele Jahre lang geholfen hat, erledigt der 71-Jährige, seitdem er in Rente ist allein. „Es ist eine gute Beschäftigung“, berichtet Thien, und wenn die Saison der Tunscheren vorbei ist, dann freut er sich schon darauf, dass die Zeit für die Arbeit in seinem geliebten Garten bald wieder beginnt – bis zur nächsten Tunscherensaison im kommenden Dezember.


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