Nach hartnäckigen Fragen Tod nach Marktbesuch in Werlte: Zeugin lügt vor Gericht

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Vor dem Landgericht Osnabrück muss sich ein 34-jähriger Mann aus dem Landkreis Cloppenburg wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Symbolfoto: Markus Scholz/dpaVor dem Landgericht Osnabrück muss sich ein 34-jähriger Mann aus dem Landkreis Cloppenburg wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Symbolfoto: Markus Scholz/dpa

Werlte/Osnabrück. Spektakulärer Moment im Prozess um den Tod eines Mannes im Umfeld des Herbstmarktes 2017 in Werlte: Eine Zeugin, die kurz zuvor noch die Version des Angeklagten vom Geschehen gestützt hatte, kapitulierte vor den hartnäckigen Fragen des Gerichts und gab zu, in Teilen gelogen zu haben.

Die Zeugin und ihr Ehemann waren im Herbst vergangenen Jahres Begleiter des 34-jährigen Angeklagten bei dessen Besuch der Kirmes in Werlte gewesen. Dort war dieser mit einem 31-Jährigen in Streit geraten, in deren Verlauf einer der beiden dem anderen ein Bierglas ins Gesicht geschlagen haben soll. Ursache des Streites soll eine Frau gewesen sein, zu der beide Kontakt gehabt hatten.  

Gegen Mitternacht trafen die Streithähne wieder aufeinander, dieses Mal in der Straße Am Markt. Es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf der Jüngere zu Boden ging. Laut Anklage soll der 34-Jährige diesen dann gegen den Kopf getreten haben. Dabei entstanden schwere Verletzungen, denen das Opfer drei Tage später erlag.

Andere Aussage in erster Vernehmung

In einer ersten Vernehmung bei der Polizei zu Beginn dieses Jahres hatte die Zeugin ausgesagt, der Angeklagte habe ihr mitgeteilt, er wolle den anderen „in einer dunklen Ecke abpassen“. Dann habe er sich an der Ecke Loruper Straße/Am Markt versteckt und sei seinen Kontrahenten angesprungen, als dieser ahnungslos die Stelle passierte. Er habe sofort zugeschlagen und mindestens einmal gegen dessen Kopf und einmal gegen den Körper getreten, als dieser am Boden lag.

Vor dem Landgericht Osnabrück wartete sie am dritten Verhandlungstag jedoch mit einer anderen Version auf. Im Gegensatz zu drei Zeuginnen, die am Vortag den Richtern übereinstimmend geschildert hatten, der Angeklagte habe dem anderen beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Bierglas ins Gesicht geschlagen, sagte diese Zeugin jetzt aus, der Angeklagte sei geschlagen worden. Ebenso habe er am späteren Tatort „nur mit dem anderen reden wollen“. Das spätere Opfer sei aber sofort in Angriffsposition gegangen, woraufhin die Schlägerei begann. Auch habe er ihm nicht absichtlich gegen den Kopf getreten, sondern sei gestolpert und dabei mit dem Fuß an den Kopf gestoßen.

"Die Zeugin lügt doch, dass sich die Balken biegen“

Die Version von einem unabsichtlichen Tritt war erstmals zu Beginn des Verfahrens vom Angeklagten ins Spiel gebracht worden. Als die Zeugin die Version des Angeklagten nun wiederholte, platzte dem Staatsanwalt der Kragen. „Die Zeugin lügt doch, dass sich die Balken biegen“, empörte er sich. Ebenso die Vertreterin der Nebenklage, die die Beziehung zwischen Angeklagten und der Zeugin herausarbeitete. „Ja, wir sind gute Bekannte und Nachbarn“, teilte die Frau mit, aber sie hätten seit dem Geschehen im vergangenen September bis heute nicht mehr darüber gesprochen.

Warum sie denn bei ihrer ersten Vernehmung eine völlig andere Darstellung als heute abliefere, wollte der Vorsitzende der Kammer von ihr wissen. „Ich bin von dem Vorfall so geschockt gewesen", lautete die Antwort, deshalb hätte sie damals gelogen. „Vier Monate nach der Tat immer noch geschockt?“, fragte sie der Richter. Auch er hatte erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der jetzigen Aussage.

Nachfragen werden gezielter

Seine immer gezielter werdenden Fragen förderten Neues zutage. Unter anderem gab die Zeugin zu, ihr Mann, sie und der Angeklagte hätten am Tag nach der Tat beschlossen, nichts davon der Polizei zu melden. Denn der Todesfall war in der Gerichtsmedizin in Oldenburg untersucht und nicht als ein Fall von Gewalteinwirkung eingestuft worden. Vielmehr war der Tod des 31-Jährigen als Folge eines einige Zeit zuvor geschehenen Unfalls oder einer plötzlich eingetretenen Erkrankung diagnostiziert worden. Die Polizei nahm erst Wochen später Ermittlungen auf, nachdem der Fall umfangreich in Gesprächsrunden im Internet diskutiert wurde.

Zeugin gibt Lüge zu

Immer mehr ins Netz ihrer Lügen verstrickt gab die Zeugin nach etwa einer Stunde der Befragung zu, ihre jetzt im Gericht gemachte Aussage sei erlogen gewesen. In Wirklichkeit hätte es sich so zugetragen, wie sie es zuerst bei der Polizei geschildert hätte. Die Staatsanwaltschaft wird nun prüfen, ob sich die Zeugin der uneidlichen Falschaussage vor Gericht schuldig gemacht hat. Wenn die Staatsanwälte zu diesem Ergebnis kommen, wird Anzeige erstattet. Das vorgesehene Strafmaß in solchen Fällen bewegt sich zwischen drei Monaten und fünf Jahren Haft. Durch die hohe Strafandrohung soll die Funktionsfähigkeit der Gerichte gesichert werden.

Zu Prozessbeginn räumte der 34-Jährige die Tat in Teilen ein. Die Anklage gegen ihn lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Das Verfahren wird fortgesetzt.


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