„In einem Guss gedacht“ Vreeser „Altwerden“-Plan beeindruckt Ministerin

Von Christian Belling


bell Vrees. „Hier wird ein Thema angepackt, dass alle vor sich herschieben.“ Beeindruckt hat sich die niedersächsische Sozialministerin Carola Reimann (SPD) bei ihrem Besuch in Vrees von dem „Altwerden“-Plan in der Hümmlinggemeinde gezeigt.

Großer Bahnhof vor dem Vreeser Bürgerhaus: Bürgermeister Heribert Kleene (CDU) als Gastgeber nahm gemeinsam mit seinen Parteikollegen Landrat Reinhard Winter, dem Landtagsabgeordneten Bernd Busemann sowie weiteren lokalen Politikern und Vertretern aus Verbänden und Organisationen die Ministerin im Empfang. „So eine hochrangige Begrüßung habe ich nicht überall“, so Reimann.

In vertrauter Umgebung alt werden

Vor Ort wollte sich die Sozialdemokratin über den „Altwerden“-Plan informieren. „Vielleicht ist davon was übertragbar auf andere Kommunen.“ Reimann lobte die Vreeser dafür, dass sie sich mit einem Thema beschäftigen, dass oft „hinten dran steht.“ „Der Wunsch, in vertrauter Umgebung alt zu werden, ist überall gleich“, erklärte die Ministerin. Es gelte, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dies ermöglichen. „Und dabei brauchen wir viele, die mithelfen. Und die gibt es in Vrees.“

Alternative Wohnformen schaffen

Für die Zukunft gelte es nach ihren Worten außer dem Ausbau der ambulanten Pflege, auch alternative Wohnformen zu schaffen, die ein selbstständiges Leben auch bei Pflegebedürftigkeit ermöglichen. „Dank des technischen Fortschritts kann Senioren in Wohnungen mittlerweile Komfort und Unterstützung geboten werden, was auch den Angehörigen eine Sicherheit gibt“, so Reimann.

Technische Assistenzsysteme

Davon überzeugte sich die Ministerin im Anschluss bei einem Rundgang durch eine von den fünf im April fertig gestellten barrierefreien Seniorenwohnanlagen in direkter Nachbarschaft zum Bürgerhaus. Technische Assistenzsysteme wie Sensoren, die in den Räumen die Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen und bei Bedarf reagieren sowie individuell einstellbare Funktionen zum Betrieb der Jalousien oder des Elektroherds können eingesetzt werden. Reimann: „Es ist nicht der große Roboter, der Senioren im Alltag unter die Arme greift, sondern die kleinen, innovativen Hilfen.“ Sie lobte zudem, dass die Wohnungen in die Quartiersentwicklung integriert wurden und somit Teil des Dorfzentrums sind.

Dorfgemeinschaft spielt entscheidende Rolle

Landrat Winter hob hervor, dass bei dem Vreeser „Altwerden“-Plan „in einem Guss gedacht wurde.“ Franz-Josef Sickelmann, Landesbeauftragter für regionale Landesentwicklung Weser-Ems, sieht in dem 1800-Einwohner-Dorf einen „Vorzeigeort, der Lösungsansätze präsentiert.“ Ob diese allerdings auf andere Kommunen übertragbar seien, stellte er infrage. „Das klappt nicht immer, weil dabei auch die Dorfgemeinschaft eine entscheide Rolle spielt“, so Sickelmann.

Bürgermeister Kleene teilte mit, dass mit der Fertigstellung der fünf Seniorenwohnungen die Vreeser Demografie-Projekte keinesfalls beendet sind. „Ein Haus für Palliativ- und Intensivpflege steht als Nächstes auf unserer Agenda.“ Er hofft, auch diesen Baustein mit Unterstützung von möglichst vielen Seiten realisieren zu können.

„Problem sieht noch nicht jeder“

Federführend bei der Ausarbeitung der Pläne ist der Arbeitskreis „Altwerden in Vrees“, der sich Kleene zufolge einmal wöchentlich zum Austausch trifft. „Außer dem Verbleib und der Teilhabe am Dorfleben stehen auch der Erhalt der Mobilität sowie die Verknüpfung von Ehrenamt und professioneller Hilfe ganz oben auf unserer Liste“, so der Bürgermeister, der abschließend dafür warb, sich frühzeitig mit dem Thema zu befassen: „Das Problem sieht noch nicht jeder, weil es noch nicht akut ist. Doch erst dann zu handeln, wenn es akut wird, ist zu spät.“


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